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Klimaneutralität wird für die deutsche Industrie zur Überlebensfrage

Energieintensive Unternehmen stoßen mit der Reduktion von CO2-Emissionen an Grenzen. Eine Studie zeigt Lösungswege auf. Deren Autoren fordern ein Sofortprogramm.

Mit herkömmlichen Verfahren ist Klimaneutralität nicht zu erreichen. Foto: dpa

Patrick Graichen schlägt Alarm: „Die energieintensiven Industrien stehen vor gigantischen Herausforderungen, um bis 2050 klimaneutral zu werden. Diese sind den Unternehmen völlig bewusst, sie können sie aber aus eigener Kraft nicht bewältigen. Deswegen brauchen wir jetzt einen politischen Rahmen für eine klimaneutrale Industrie“, sagt der Chef des Thinktanks Agora Energiewende.

Dass ausgerechnet Graichen für die Belange der Industrie in die Bresche springt, macht deutlich, dass die Lage ernst ist und die Zeit drängt. Denn Graichen ist nicht der natürliche Verbündete der deutschen Industrie.

Der Chef des Thinktanks kämpft seit Jahren für stärkere Anstrengungen im Klimaschutz und für einen forcierten Ausbau erneuerbarer Energien. Er hat sich für einen schnellen Kohleausstieg starkgemacht und früh vor der Verfehlung der Klimaschutzziele für 2020 gewarnt. Industrievertreter haben Agora in den vergangenen Jahren eher als Gegenspieler denn als Mitstreiter wahrgenommen.

Nun legt Agora gemeinsam mit dem Wuppertal Institut – ebenfalls nicht bekannt für große Nähe zur Industrie – eine 230 Seiten umfassende Studie vor, die den Weg zu einer klimaneutralen Industrie und die damit verbundenen Herausforderungen skizziert.

Im Mittelpunkt der bislang unveröffentlichten Studie, die dem Handelsblatt vorliegt, stehen dabei die Schlüsselbranchen Stahl, Chemie und Zement. Bei der Erstellung der Studie haben sich Agora Energiewende und Wuppertal Institut in Workshops und Einzelgesprächen mit Industrieunternehmen ausgetauscht.

Zentrales Ergebnis der Studie ist die Forderung nach einem Sofortprogramm, das eine Reihe von Maßnahmen umfasst. Dazu zählen beispielsweise Contract-for-Difference-Modelle: Öffentliche Hand und Unternehmen schließen Verträge für die Entwicklung von klimafreundlichen Projekten. Darin wird ein bestimmter CO2-Preis über eine gewisse Laufzeit garantiert.

Der Projektentwickler zahlt beziehungsweise erhält die Differenz zwischen Referenzpreis und dem tatsächlichen Preis im Emissionshandel. Um solche Projekte zu finanzieren, soll eine Klimaumlage auf Endprodukte für Stahl, Aluminium, Zement oder Plastik eingeführt werden. Zusätzlich soll sich der Bund verpflichten, bei größeren Bauprojekten klimafreundliche Materialien und Fahrzeuge zu nutzen.

Ein besonderes Augenmerk legen die Autoren auf grünen Wasserstoff. Sie fordern die Einführung einer Quote für grünen Wasserstoff als Beimischung zum Erdgas. So soll der Aufbau von Produktionsanlagen für grünen Wasserstoff angereizt werden.

Auch eine Grenzausgleichsabgabe (Border Tax Adjustment, kurz BTA) wird in dem Gutachten erwogen: Einfuhren in die EU würden mit einer Abgabe belegt, um CO2-bedingte Kostennachteile der europäischen Industrie auszugleichen. Allerdings ist die Grenzausgleichsabgabe nicht Bestandteil des Sofortprogramms, da sie als problembehaftet gilt. Es könnte schwierig werden, WTO-konforme Lösungen zu finden.

Für alle klimarelevanten Sektoren – Energie, Industrie, Wärme, Verkehr und Landwirtschaft – stellt das Ziel der Klimaneutralität eine hohe Hürde dar. Deutschland hat sich mit dem Pariser Klimaabkommen 2015 dazu verpflichtet, die CO2-Emissionen bis 2050 über alle Sektoren gegenüber 1990 um bis zu 95 Prozent zu reduzieren. Darüber hinaus steht die Zusage von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Raum, bis 2050 klimaneutral zu werden.

Gerade für energieintensive Branchen – Stahl, Chemie, Zement, Papier, Glas, Nicht-Eisenmetalle wie etwa Aluminium – sind die Hürden hoch. Ihre kapitalintensiven Produktionsanlagen haben Lebensdauern von bis zu 70 Jahren, ein rasches Umsteuern ist nicht leicht.

Hinzu kommt, dass etwa ein Drittel der Emissionen in den Branchen Stahl, Chemie und Zement sogenannte Prozessemissionen sind, die aufgrund der Zusammensetzung der Grundstoffe und deren chemischer Reaktion im Herstellungsprozess bei konventioneller Produktion nicht vermieden werden können. Ist die Grenze des technisch Machbaren erreicht, gibt es keinen Spielraum mehr für die Reduktion von CO2-Emissionen.

Mit herkömmlichen Methoden können die Energieintensiven das Ziel für 2050 daher unmöglich erreichen: „Der Austausch von älteren Bestandsanlagen durch effizientere Anlagen mit ebenfalls konventioneller Technologie ist mit dem Ziel einer klimaneutralen Industrie bis 2050 nicht vereinbar“, heißt es in der Studie.

Es bedarf also in vielen Fällen eines radikalen Schnitts und der Umstellung auf ganz neue Produktionsmethoden, die etwa auf dem Einsatz von klimaneutralem Wasserstoff basieren.

„Zwischen 2020 und 2030 steht in der Industrie eine große Reinvestitionsphase an, dies ist eine große Chance für den Klimaschutz“, sagt Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal Instituts. „Um dafür zukunftsgerichtete Investitionen tätigen zu können, brauchen die Unternehmen jetzt neue politische Rahmenbedingungen“, sagt Fischedick.

Falls im kommenden Investitionszyklus erneut in konventionelle Technologien investiert werden sollte, drohten Fehlinvestitionen. „Die Lage der Grundstoffindustrien in Deutschland ist in dieser Hinsicht alarmierend“, heißt es in der Studie.

Demzufolge stehen in der Stahlbranche 53 Prozent der Hochöfen, in der Grundstoffchemie rund 59 Prozent der Steamcracker und in der Zementindustrie rund 30 Prozent der Zementöfen zur Reinvestition an.

Der Carbon-Leakage-Effekt

Nun könnte man betroffene Unternehmen ermuntern, so schnell wie möglich und so viel wie möglich in zukunftsfeste, CO2-neutrale Technologie zu investieren. Das Problem dabei: Die Produkte wären erheblich teurer und hätten auf den Weltmärkten keine Chance.

Unternehmen der betroffenen Branchen, insbesondere in der Stahl- und der Chemieindustrie, erproben zwar bereits neue Technologien – etwa auf der Basis von grünem Wasserstoff. Ehe sie aber viele Milliarden in die Hand nehmen, um von der Pilotphase in die Dimension industrieller Produktion einzusteigen, brauchen sie Schutz durch den entsprechenden politischen Rahmen.

Ansonsten wären Unternehmen in Weltregionen, in denen Klimaschutzbemühungen keinen vergleichbar hohen Stellenwert haben wie in der EU, die Gewinner. Produktion würde aus Europa verschwinden und in andere Regionen verlagert, dort entstünden entsprechend mehr CO2-Emissionen, dem Klima wäre damit nicht gedient. Der Effekt wird in der Fachwelt als Carbon-Leakage bezeichnet.

Bereits heute sind Unternehmen, die zur Teilnahme am Europäischen Emissionshandelssystem verpflichtet sind, mit Kosten konfrontiert, die ihre Wettbewerber nicht oder nicht in diesem Umfang kennen. „Wir reduzieren in Europa drastisch die Produktion, indem wir temporär Werke stilllegen. Gleichzeitig steigen Importe mit viel höherem CO2-Fußabdruck.

Das ist ein Musterbeispiel für Carbon-Leakage. Die Produktion findet anderswo statt, dem Weltklima ist damit nicht geholfen“, klagt ein Stahlmanager. Zwar bekommen die Unternehmen einen Teil der benötigten Emissionszertifikate kostenlos zugeteilt.

Nach Auffassung der Unternehmen ist die Zuteilung aber zu knapp bemessen. „Bereits 20 Prozent der Stahlproduktion in Deutschland sind voll belastet mit Zertifikaten aus dem europäischen Emissionshandelssystem. Dieser Stahl steht in vollem Wettbewerb mit den Importen, die frei sind von vergleichbaren Belastungen“, sagt ein Stahlmanager. Diese Entwicklung würde sich verstärken, wenn sich die Produkte europäischer Unternehmen auf dem Weg zur Klimaneutralität weiter verteuerten.

Carbon-Leakage lässt sich nur ausschließen, wenn die Politik dabei hilft und entsprechende Instrumente entwickelt, davon sind die Autoren der Studie überzeugt: „Die fehlenden Rahmenbedingungen und der bisher unzureichende Gestaltungswille der Politik, innovative Instrumente umzusetzen“, hinderten die Unternehmen voranzugehen, schreiben sie.

Aus Sicht rational handelnder Unternehmen bestehe nur die Möglichkeit, bereits im nächsten Investitionszyklus in klimaneutrale Technologien zu investieren – oder bestehende Produktionsstätten am Ende ihrer Lebensdauer stillzulegen und gegebenenfalls Neuinvestitionen im Ausland zu tätigen.

„Die Folge für den Wirtschaftsstandort wäre ein Aufbrechen von integrierten Wertschöpfungsketten, was weiter Produktionsverlagerungen und in der Konsequenz massive Jobverluste nach sich ziehen könnte“, warnen die Autoren.