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Klimaaktivistin Luisa Neubauer lehnt Siemens-Posten ab

Das Angebot von Siemens-Chef Joe Kaeser ist für Neubauer nicht mit ihrer Rolle als Klimaaktivistin vereinbar. Kaeser zeigt sich in einer ersten Reaktion enttäuscht.

Neubauer über Siemens: „Wenn der Firma ernsthaft an Klimaschutz und Fridays For Future gelegen ist, wird sie meine Entscheidung respektieren.“ Foto: dpa

Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer will den angebotenen Sitz im Aufsichtsgremium des künftigen Unternehmens Siemens Energy nicht haben – macht Siemens-Chef Joe Kaeser aber einen anderen Vorschlag. „Ich werde das Angebot persönlich nicht annehmen können, habe aber Siemens darum gebeten, das Angebot an einen Vertreter oder Vertreterin der Scientists For Future weiterzugeben“, sagte Neubauer der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Wenn der Firma ernsthaft an Klimaschutz und Fridays For Future gelegen ist, wird sie meine Entscheidung respektieren.“ Bei Scientists for Future sind Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen organisiert, die die Klimaschutz-Bewegung Fridays for Future unterstützen.

Sie kenne das Aktienrecht, erklärte Neubauer ihre Entscheidung. „Mit dem Posten wäre ich den Interessen des Unternehmens verpflichtet und könnte Siemens dann nicht mehr unabhängig kommentieren. Das ist nicht mit meiner Rolle als Klimaaktivistin zu vereinbaren.“ Sie sei dem Pariser Klimaabkommen und dem 1,5-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung verpflichtet. „Am Beispiel Joe Kaeser sieht man diese Tage, dass diese unabhängige Rolle dringend gebraucht wird.“ So äußerte sie sich auch in der „Bild am Sonntag“.

Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser hat die Entscheidung der Klimaaktivistin Luisa Neubauer bedauert. Er „respektiere ihre Entscheidung“, teilte Kaeser am Sonntag in München mit. „Sie hätte an der Lösung der von der Fridays-for-Future-Bewegung zu Recht adressierten Klimaproblematik mitgestalten können und dabei auch Einblicke in komplexe unternehmerische Zusammenhänge bekommen“, fügte er hinzu.

Weitergeben werde er den Posten nicht. Der Vorschlag Neubauers, diesen Sitz an einen Experten abzutreten, sei „gut gemeint“, teilte Kaeser mit. „Aber Experten und Wissenschaftler haben wir schon genug.“ „Die Lösung unserer Umweltprobleme braucht Führungspersönlichkeiten, die zusammen zielkonfliktäre Systeme verstehen und auflösen“, fügte er hinzu. So habe es beim Klimagipfel in Madrid genügend Experten gegeben, „aber viel zu wenig von diesem Leadership. Das Ergebnis spricht für sich selbst“.

Siemens will bis Montag über die Lieferung einer Zugsignalanlage für ein umstrittenes Kohlebergwerk in Australien entscheiden. Die Adani Group mit Hauptsitz in Indien will in Australien eines der größten Kohlebergwerke der Welt aufbauen, das aus fünf Untertageminen und sechs Tagebaustätten bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr fördern soll. Das Projekt wird von Umweltschützern seit Jahren bekämpft. Neben dem Klimaschutz geht es dabei auch um den Verbrauch von Wasser, die Zerstörung von Lebensraum und den Transport der Kohle über das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Welt.

Kaeser hatte Neubauer am Freitag bei einem Gespräch über das umstrittene Projekt einen Sitz in einem Aufsichtsgremium des künftigen Unternehmens angeboten. Ob es der Aufsichtsrat oder ein anderes Gremium sei, könne Neubauer selbst entscheiden, sagte er. Siemens will sein Energiegeschäft im Frühjahr als Siemens Energy abspalten und voraussichtlich im September an die Börse bringen.

„Es liegt es an Siemens zu beweisen, dass sie ihr Klimaschutzengagement ernst meinen“

„Ich kann bestätigen, dass Joe Kaeser über die desaströsen Konsequenzen der Kohleförderung durch die Adani Mine Bescheid weiß“, sagte die 23-Jährige. Er wisse, dass die Emissionen durch die Kohle aus der Mine im schlimmsten Fall das Ziel gefährdeten, die Klimaerhitzung auf zwei Grad zu begrenzen, und die direkten Auswirkungen der Adani Mine für die Umwelt zerstörerisch seien. „Er hat im Gespräch zugegeben, dass es ein Fehler war, den Vertrag mit Adani zu unterschreiben“, sagte Neubauer. „Ein CEO wie Kaeser macht dann nicht den zweiten Fehler und hält an einem so katastrophalen Handel fest – sondern revidiert den Fehler.“

Kaeser hatte am Freitag gesagt, die Entscheidung sei nicht einfach. Es gebe unterschiedliche Interessenlagen – von Aktionären, Kunden und auch der Gesellschaft. Er zeigte sich dem eigenen Unternehmen gegenüber auch kritisch: „Wir sehen, dass wir auch indirekte Beteiligungen bei kritischen Projekten besser verstehen und frühzeitig erkennen müssen.“ Besondere Brisanz hatte das Thema zuletzt auch durch die riesigen Buschbrände in Australien bekommen.

Siemens habe für das Adani-Projekt eine Schlüsselrolle, sagte Neubauer. Zwei Firmen, die für den Auftrag auch in Frage kämen, hätten schon abgesagt. „Unabhängig davon liegt es an Siemens zu beweisen, dass sie ihr Klimaschutzengagement ernst meinen“, betonte sie. Es gehe nicht zusammen, sich als Klimaschutzkonzern zu verstehen und zum Pariser Klimaabkommen zu stehen, aber gleichzeitig bei einem Minenprojekt mitzuwirken, dass die Klimaziele gefährde. Der „Bild am Sonntag“ sagte sie: „Diese Mine ist das schlimmste Kohleminenprojekt der westlichen Welt.“

Siemens und Kaeser wüssten, dass es juristische Möglichkeiten gebe, den Vertrag mit Adani zu beenden. „Wenn alle bestehenden Verträge im Bereich der Fossilen Energien eingehalten werden, gibt es keine Chance das Paris-Abkommen noch einzuhalten – sagt der Production Gap Report“, sagte Neubauer der dpa.

Die Studie der internationalen Denkfabrik International Institute for Sustainable Development (IISD) prüft, inwiefern die Pläne der Staaten für fossile Energien mit dem Ziel des Pariser Abkommens vereinbar sind, die Erderwärmung auf zwei oder wenn möglich 1,5 Grad zu begrenzen, um katastrophale Folgen einzudämmen.

„Siemens ist gerade gefragt zu beweisen, dass sie es mit dem Klimaschutz ernst meinen“, sagte Neubauer. „Kein Kohleminenprojekt in der westlichen Welt gefährdet das Parisabkommen diese Tage so sehr wie das Adani-Vorhaben.“ Jeder einzelne Konzern, der sich daran beteiligt, sei einer, der dies erst ermögliche.