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Klage gegen E-Zigaretten-Konzern auch in New York: „Juul hat diese Sucht verursacht“

Der E-Zigaretten-Konzern soll gezielt junge Menschen umworben und dabei die Gefahren der Nikotinsucht verheimlicht haben. Die Klage trifft indirekt auch den Großaktionär Altria.

Neuer Ärger für den E-Zigaretten-Hersteller Juul. Die Generalstaatsanwältin des Bundesstaats New York, Letitia James, hat Klage gegen das Vaping-Unternehmen aus Kalifornien eingereicht. Der Vorwurf: Juul soll mit seiner Werbung gezielt Minderjährige umworben haben.

„In den USA rauchen bereits 4,1 Millionen Highschool-Schüler und 1,2 Millionen Middle-School-Schüler E-Zigaretten“, zitiert die Generalstaatsanwältin die jüngsten Umfragen. Für James, die auch schon Pharmahersteller wegen der Opioid-Krise verklagt hat, ist klar, wer daran schuld ist: „Es besteht kein Zweifel, dass Juul mit seinem Marktanteil von 70 Prozent diese Sucht verursacht hat.“

Statt sich als Ersatzdroge für Zigaretten zu positionieren, habe das Start-up aus dem Silicon Valley mit seiner glamourösen, coolen Werbung und seinen Partys in New York und den Hamptons klar auf Teenager abgezielt. Dabei habe das Unternehmen die E-Zigaretten als sicher vermarktet und den Nikotingehalt und die Suchtgefahr verschwiegen.

„Sie haben sich des Drehbuchs von Big Tobacco bedient“, sagt James. Sie klagt auf Unterlassung des bisherigen Marketings und auf Übernahme der Kosten, die dem Bundesstaat New York durch die Vaping-Sucht entstehen. Außerdem soll Juul in einen Fonds einzahlen, der Süchtigen hilft. Eine Zahl nannte sie nicht.

Für Juul ist es nach den Klagen in North Carolina und Kalifornien bereits die dritte Klage von Bundesstaaten. Das Start-up aus Kalifornien galt lange als eines der hoffnungsvollsten Einhörner – also Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als eine Milliarde Dollar. Erst im vergangenen Dezember hatte der Tabakkonzern Altria knapp 13 Milliarden Dollar für eine 35-prozentige Beteiligung ausgegeben.

Mysteriöse Todesfälle

Doch zuletzt häufen sich die Probleme: Seit Anfang des Jahres gibt es immer mehr mysteriöse Lungenkrankheiten und 42 Todesfälle von E-Zigaretten-Rauchern in den USA. Die US-Regierung erwägt derzeit, die fruchtigen und minzigen Geschmacksrichtungen zu verbieten und nur noch den klassischen Tabakgeschmack zuzulassen. Gerade die süßlichen Geschmacksrichtungen sind die Einsteigervarianten, die auch junge Nichtraucher ansprechen. Für Juul wäre ein solches Verbot verheerend: Schließlich machen diese Geschmacksrichtungen 80 Prozent der Umsätze aus.

Mittlerweile hat der Marlboro-Hersteller Altria 4,5 Milliarden Dollar auf seine Juul-Beteiligung abgeschrieben.

„Für mich hat der Tod des 17-jährigen Jungen in der Bronx den Ausschlag gegeben“, erklärt James. „Da war klar, dass wir etwas tun müssen.“ Viele der jüngsten Todesfälle gehen auf Schwarzmarktprodukte und Marihuana-Vaping zurück. „Auch wenn diese Fälle nicht mit Juul-Produkten passiert sind, so muss Juul mit seinem Marktanteil dennoch die Verantwortung übernehmen“, ist James überzeugt.

Der Juul-Sprecher Austin Finan hatte am Montag nach der Klage in Kalifornien mitgeteilt, das Unternehmen wolle „das Vertrauen der Gesellschaft zurückgewinnen“. Den Mint-Geschmack will Juul vom Markt nehmen. „Unsere Kundenbasis sind die eine Milliarde erwachsenen Raucher, und wir haben nicht vor, minderjährige Nutzer anzulocken“, sagte Finan.

Doch das Argument, dass nur zufällig so viele Minderjährige mit E-Zigaretten nikotinabhängig werden, nehmen die Kritiker nicht ab. Unter Erwachsenen habe es keinen Anstieg in den vergangenen Jahren gegeben, während sich die Zahl der Vaping-Kunden bei den Jugendlichen verdoppelt und verdreifacht habe, betont Matthew Myers, Präsident der Kampagne „Tobacco Free Kids“. Auch unter den Twitter-Followern von Juul waren im April des vergangenen Jahres 45 Prozent Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren und nur 20 Prozent älter als 21.

„Entweder sie haben die schlechteste Marketingabteilung der Welt, oder sie lügen“

„Mit ihren geschmeidigen, süßlichen Hightech-Geräten und ihrer Werbung haben sie eindeutig Jugendliche umworben“, kritisiert Myers. „Wenn Juul behauptet, sie zielen nur auf Erwachsene, dann haben sie entweder die schlechteste Marketingabteilung der Welt, oder sie lügen“, sagt er.

Auf die Frage, was passiert, sollte Juul Insolvenz anmelden, sagt James: „Dann werden wir unsere Ansprüche vor dem Insolvenzgericht erkämpfen.“ Ob der Altria-Konzern als Großaktionär herangezogen wird, wollte die Generalstaatsanwältin nicht direkt kommentieren: „Ich kann nicht über unsere juristische Strategie sprechen. Aber wir werden all jene zur Verantwortung ziehen, die eine Rolle gespielt haben.“

Für Juul verdüstert sich damit die Zukunft des einst so hochfliegenden Silicon-Valley-Stars: Ende Oktober wurde bekannt, dass Juul 500 Mitarbeiter und damit rund zehn Prozent der Belegschaft entlassen wird.

Firmenchef Kevin Burns war bereits im September zurückgetreten. Mittlerweile steht K.C. Crosthwaite an der Spitze von Juul, ein Topmanager des Marlboro-Herstellers Altria. Er bringt seine langjährige Erfahrung in der Tabakindustrie mit. Crosthwaite hat bereits das Marketingbudget gekürzt und Kampagnen gegen Vaping für Jugendliche angestoßen. Ziel sei es, „eine Lizenz zu erlangen, mit der wir in den USA und weltweit operieren können“, teilte er mit.

Die Probleme bei Juul hatten zuletzt auch die Fusionsgespräche zwischen Altria und Philip Morris International beendet. Die beiden wollten sich eigentlich wieder zusammenschließen. Für Philip Morris war vor allem Altrias Beteiligung an Juul interessant gewesen.

Philip Morris konzentriert sich nun wieder auf die eigene E-Zigaretten-Variante Iqos, bei der Tabak erhitzt, aber nicht verbrannt wird. Diese wurde, anders als Juul, von der US-Gesundheitsbehörde FDA bereits zugelassen.