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Kim Jong Un gesteht wirtschaftliches Scheitern ein – und spricht von „bitteren Lehren“

Kölling, Martin
·Lesedauer: 3 Min.

Sanktionen, Taifune und die Coronakrise zerstören die Hoffnung des Landes auf Wachstum. Nun will Kim auf dem achten Parteitag eine neue Strategie vorstellen.

Nordkoreas Machthaber beschrieb die vergangenen fünf Jahre als „beispiellos“ und die „schlimmste aller Zeiten“ für das Land. Foto: dpa
Nordkoreas Machthaber beschrieb die vergangenen fünf Jahre als „beispiellos“ und die „schlimmste aller Zeiten“ für das Land. Foto: dpa

Kim Jong Un zeigt keine Angst vor der Coronakrise. Dicht gedrängt und ohne Masken sitzen rund 7000 Delegierte und Zuschauer an diesem Dienstag auf dem achten Parteitag der nordkoreanischen Arbeiterpartei in einer Halle in der Hauptstadt Pjöngjang, um der Eröffnungsrede des „Obersten Führers“ des Landes beizuwohnen.

Und Kim scheut sich auch nicht, das Offensichtliche offen einzugestehen: Der auf dem jüngsten Parteitag 2016 beschlossene Fünfjahresplan ist gescheitert. Zwar seien die innere Kraft und das Ansehen des Landes in der Welt gestärkt worden, lobte er mit Anspielung auf die atomare Aufrüstung und seine Gipfeltreffen mit US-Präsident Donald Trump.

Aber wirtschaftlich „blieben fast alle Bereiche weit hinter den gesetzten Zielen zurück“, so Kim. „Die bereits erzielten Erfolge sind für uns von unschätzbarem Wert, ebenso wie die bitteren Lehren, die wir gezogen haben.“

Der achte Parteitag soll nun vor allem die Politik für die kommenden fünf Jahre bestimmen. Für große Spannung unter den Nordkorea-Beobachtern ist dabei gesorgt, denn weder ist die Tagesordnung bekannt noch die Dauer der Veranstaltung, und auch über die Lehren, die Kim gezogen hat, oder seine neuen Ideen gibt er in seiner Eröffnungsrede keine Details preis.

„Wir müssen abwarten, was er am Ende sagt und was die Ergebnisse sind“, sagt Kim Duyeon, Nordkorea-Expertin vom Center for a New American Security.

Kim nennt die vergangenen fünf Jahre „beispiellos“

Dabei sollten der siebte Parteitag im Jahr 2016 und der Fünfjahresplan Kims grandioser Start als Führer werden. Im Dezember 2011 war der damals unerfahrene, vermutlich erst 28-jährige Sohn des verstorbenen Führers Kim Jong Il zum Diktator aufgestiegen. Durch eine blutige Reinigung in der Partei festigte er seine Macht und ließ sogar seinen Schwiegeronkel Jang Song Thaek hinrichten.

Um seine Legitimität zu erhöhen, berief er dann 2016 den ersten Parteitag seit 30 Jahren ein und rief dort die „Byongjin“-Politik aus: das gleichzeitige Streben nach Atomwaffen und Langstreckenraketen sowie nach wirtschaftlichem Fortschritt.

Die Freisetzung der zerstörerischen Kraft des Atoms erwies sich allerdings als einfacher als die Schaffung dauerhaften Wachstums. Zwar verbesserte sich der Lebensstandard eine Zeit lang. Doch ab 2017 schrumpfte die Wirtschaft des bitterarmen Landes nach einer Schätzung der südkoreanischen Notenbank wegen Sanktionen der Staatengemeinschaft wieder deutlich.

Voriges Jahr kamen noch Überschwemmungen und verheerende Taifune hinzu – und die Coronakrise, die den Tourismus und den Handel mit der Schutzmacht China vernichtete.

Kim beschrieb die vergangenen fünf Jahre daher als „beispiellos“ und die „schlimmsten aller Zeiten“ für das Land. Sein Eingeständnis kommt nicht völlig überraschend, denn Nordkoreas Propaganda schwärmt nicht von vollen Scheunen, wenn den Massen die Mägen knurren.

Stattdessen nutzt sie die andauernden Krisen als Mittel, um die Bevölkerung immer wieder auf Opferbereitschaft und Kampfgeist einzuschwören. „Der sicherste und schnellste Weg, um die gegenwärtigen vielfältigen Herausforderungen zu bewältigen, besteht darin, alle möglichen Anstrengungen zu unternehmen, um unsere eigene Macht und unsere eigene Fähigkeit zur Selbstständigkeit zu stärken“, sagte Kim.

Eines stimmt einige Beobachter hoffnungsvoll: Kim erwähnte die Erzfeinde Südkorea und USA nicht, sondern konzentrierte sich auf die Binnenwirtschaft. Südkoreas Vereinigungsministerium äußerte daher die Hoffnung, dass die festgefahrenen Verhandlungen wieder angeschoben werden könnten.

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