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Kik-Chef: „Es ist erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit der Handel vernichtet wird“

Kolf, Florian
·Lesedauer: 11 Min.

Patrick Zahn nennt den Lockdown ein „Konjunkturprogramm für Amazon“, kritisiert den Staatskredit für Karstadt und Kaufhof und wirft der Politik „Salamitaktik“ vor.

Der Chef des Textildiscounters Kik sieht die Handelsbranche im Lockdown ungerecht behandelt. Foto: dpa
Der Chef des Textildiscounters Kik sieht die Handelsbranche im Lockdown ungerecht behandelt. Foto: dpa

Seit dem 16. Dezember 2020 sind alle rund 2600 Filialen des Textilfilialisten Kik in Deutschland geschlossen. Kik-Chef Patrick Zahn kann die Notwendigkeit eines Lockdowns zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zwar grundsätzlich nachvollziehen. Aber er hält die ergriffenen Maßnahmen im Detail für falsch und wirft der Politik vor, dass sie den Kontakt zur Praxis verloren hat.

„Wir fühlen uns ungerecht behandelt – vor allem im Vergleich zu anderen Branchen“, sagt er im Interview mit dem Handelsblatt und nennt die Geschäftsschließungen ein „Konjunkturprogramm für Amazon“.

„Der entscheidende Punkt ist nicht der Handel selbst, sondern der Weg zum Einkaufen, beispielsweise über öffentliche Verkehrsmittel“, glaubt Zahn. Aus seiner Sicht hätten viel früher strengere Maßnahmen ergriffen werden müssen. Kik könne durch ein internes Nachverfolgungssystem zeigen, dass die Geschäfte der Kette kein Infektionsherd seien.

Harte Kritik übt er am Verhalten vieler Politiker. Bei Kik verzichte das Management selbstverständlich auf einen großen Teil des Gehalts. Er habe jedoch noch nicht gehört, dass in der Politik jemals ein freiwilliger Gehaltsverzicht ein Thema gewesen wäre. „Wenn der Kampf gegen das Virus eine gemeinschaftliche Aufgabe sein soll, dann geht es nicht, dass einige einen übermäßigen Beitrag leisten und andere nichts“, so Zahn.

Wenig Verständnis hat der Kik-Chef auch für die staatliche Unterstützung für den Warenhausbetreiber Galeria Karstadt Kaufhof. „Das ist schon verwunderlich, dass Geschäftsmodellen, die schon seit Jahren ein Grundproblem haben, noch mal extra geholfen wird.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Herr Zahn, was stört Sie an der Lockdown-Politik der Bundesregierung?
Wir fühlen uns ungerecht behandelt – vor allem im Vergleich zu anderen Branchen. Es scheint für die Politik am einfachsten zu sein, den Handel und die Gastronomie herunterzufahren. Mit dieser pauschalen Maßnahme wird aber eine ganze Branche zum Schafott geführt. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit der Handel hier vernichtet wird – obwohl wir mit unserer Wirtschaftskraft und den Hunderttausenden von Mitarbeitern eine der stärksten Branchen in Deutschland sind. Wenn ein Lockdown für nötig gehalten wird, sollte er bitte richtig hart und kurz sein – und nicht diese Salamitaktik über Wochen.

Aber werden damit nicht entscheidend die Kontakte reduziert?
Wir haben bei Kik ein internes Nachverfolgungssystem für alle Verdachtsfälle, weil wir unsere Mitarbeiter schützen wollen. Und das hat gezeigt, dass wir in allen Kennzahlen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt sind. Das heißt, dass wir nachweislich nicht der Infektionsherd sind. Wir haben ja auch nach dem ersten Lockdown durch unsere Konzepte bewiesen, dass bei uns eine Infektion deutlich unwahrscheinlicher ist als im privaten Bereich.

Was wäre die Alternative?
Der entscheidende Punkt ist nicht der Handel selbst, sondern der Weg zum Einkaufen, beispielsweise über öffentliche Verkehrsmittel. Aber dafür hätte man längst Lösungen finden können, durch die Begrenzung der Quadratmeterzahl pro Fahrgast, höhere Zahl an Transportmitteln oder die Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken, wie man es erst jetzt ja auch macht. Stattdessen wurde die Maßnahme ergriffen, bei der man am wenigsten nachdenken muss.

Haben Sie denn zumindest den Eindruck, dass die Regierung Verständnis für Ihre Sorgen hat?
Die Politik ist weit weg von dem, was wir in der Praxis erleben. Das fängt bei Kleinigkeiten an: Wenn Sie eine Talkshow sehen, haben Sie den Eindruck, alle Politiker waren beim Friseur. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die alle mit einem Friseur oder einer Friseurin verheiratet sind.

Welche Folgen hat der Lockdown für die Mitarbeiter?
Wenn Sie eine Vollzeitmitarbeiterin bei uns sehen, die hat durch die Kurzarbeit 240 Euro im Monat weniger. Bei der Gehaltsklasse entscheidet das darüber, ob am Monatsende das Geld noch fürs Essen reicht.

Müsste da nicht auch das Management verzichten?
Bei uns verzichtet das gesamte Management selbstverständlich auf Gehalt. Bei Kik sind die Managementgehälter extrem bonusgesteuert. Deshalb verzichte ich schon auf 40 Prozent meines Gehalts, nur weil der Umsatz runtergegangenen ist – und, wie gesagt, unverschuldet. Ich wüsste nicht, dass in der Politik jemals ein freiwilliger Gehaltsverzicht ein Thema gewesen wäre. Wenn der Kampf gegen das Virus eine gemeinschaftliche Aufgabe sein soll, dann geht es nicht, dass einige einen übermäßigen Beitrag leisten und andere nichts.

Einige Unternehmen haben das Kurzarbeitergeld freiwillig aufgestockt. Macht Kik das auch?
Nein, wir stocken das Kurzarbeitergeld nicht auf, weil wir einfach nicht wissen, wie lang das Ganze geht. Bei uns ist das Dramatische, dass wir Ware ordern mussten und die auch bereits bezahlen müssen. Und zum Thema Mieten gibt es ja auch keine klare Lösung. Diese Kosten laufen auch weiter.

Aber hat die Politik nicht die Möglichkeit geschaffen, sich auf den Wegfall der Geschäftsgrundlage zu berufen und die Miete zu kürzen?
Nein, so einfach ist das nicht, wir haben das rechtlich prüfen lassen. Das wird wieder vor Gericht gehen, und ob man da gewinnt, ist nicht klar. Wir könnten uns da ein Beispiel an Polen nehmen, da ist das klar geregelt: Während der Schließungszeit teilen sich Vermieter und Mieter die Kosten.

„Die Politik behauptet Dinge, die einfach nicht wahr sind“

Einige Händler lassen es einfach darauf ankommen und zahlen keine Miete. Sie auch?
Nein. Es gibt im deutschen Mietrecht die Regel, dass dem Mieter gekündigt werden kann, wenn er für zwei aufeinanderfolgende Termine mit einem nicht unerheblichen Teil der Miete in Verzug ist. Deswegen zahlt ein Großteil der Händler zumindest noch einen Teil der Miete. Ich finde es fürchterlich, dass die Politik hier Dinge behauptet, die einfach nicht wahr sind. Das ist nicht nur bei der Miete so, sondern auch bei der Überbrückungshilfe. Bei der Überbrückungshilfe III fällt Kik komplett raus. Es werden nur Unternehmen berücksichtigt mit einem Jahresumsatz von weniger als 750 Millionen Euro, da liegen wir deutlich drüber. Und dann gibt es noch die Kappungsgrenze von 1,5 Millionen Euro pro Monat. Wir haben allein monatliche Nebenkosten von über zwei Millionen Euro.

Fühlen Sie sich alleingelassen?
Ja, mir ist nicht klar, warum da ein großes Unternehmen anders behandelt wird als ein kleines. Ich sage es mit einigem Stolz: Wir sind ein aktiver Steuerzahler, wir haben keine Zwischengesellschaften in Irland oder den Cayman Islands, wie das der eine oder andere Onlinehändler hat, wir zahlen in Deutschland unsere Steuern. Und dann wollen wir zumindest fair behandelt werden.

Und irgendwann läuft man Gefahr, dass die Rücklagen aufgebraucht sind?
Ja, absolut, das ist tägliches Brot bei uns. Als Geschäftsführer ist es eine meiner Kernaufgaben, eine Insolvenz abzuwenden, sonst werde ich rechtlich belangt. Wenn sie keine Umsätze haben, aber weiter Kosten, ist das logischerweise irgendwann ein Thema. Wir haben allein jährliche Mietkosten in Höhe von 13,5 Millionen Euro in Deutschland.

Die Einschläge in Ihrem Segment kommen näher: Adler Moden und Pimkie sind insolvent, Promod schließt alle Läden in Deutschland, Woolworth und Takko haben die Geschäftsführung ausgetauscht. Ist Ihnen auch schon mulmig?
Nein, wir waren ja vorher sehr erfolgreich und haben auch die Phase des Lockdowns bislang gut gemeistert. Wir haben ein starkes und gutes Konzept und haben mit Christian Haub einen Inhaber, der mit uns den Weg geht. Aber natürlich, wenn der Lockdown bis April weitergehen sollte, wird das auch bei uns hart werden. Unendlich geht das nicht.

Profitieren Sie davon, wenn Konkurrenten früher umkippen?
Es ist auch nicht in unserem Interesse, dass die Handelslandschaft sich so radikal verändert wie im Moment. Ich sehe mit Besorgnis, mit welcher Gleichgültigkeit die Politik gerade ein Konjunkturprogramm für Amazon betreibt.

„Im ersten Lockdown an die 300 Millionen Euro verloren“

Das heißt, Sie erwarten eine weitere Auslese unter den stationären Händlern?
Es hat schon schleichend eine Auslese stattgefunden. Der Handel stirbt leise. Und vielleicht schleudert es jetzt die schwachen Konzepte noch etwas schneller raus. Aber für einzelne Große wie Galeria Karstadt Kaufhof scheint das ja nicht zu gelten. Da gibt es offenbar doch Töpfe, die zumindest mir unbekannt sind. Das ist schon verwunderlich, dass Geschäftsmodellen, die schon seit Jahren ein Grundproblem haben, noch mal extra geholfen wird.

Wie stark war für Kik der Einbruch?
Wir haben im ersten Lockdown an die 300 Millionen Euro verloren. Wir hatten danach sukzessive aufgeholt. Wir waren trotz allem gut unterwegs, aber der Lockdown im Dezember hat uns extrem wehgetan. Wir haben ja nicht nur Textilien, und nicht zuletzt für diese Waren ist die Adventszeit entscheidend. Das ging los in Österreich, und dann wurde peu à peu ganz Europa geschlossen. Das war brutal.

Wie viel ging der Umsatz insgesamt zurück?
Der Umsatzrückgang lag bei uns im vergangenen Jahr nur bei 6,5 Prozent. Da sind wir auch stolz drauf. Wir hatten den Vorteil, dass wir nicht in den Innenstädten liegen und dass wir unterhalb der 800-Quadratmeter-Grenze liegen – also nach dem ersten Lockdown im April schon wieder öffnen durften. Und wir sind eben auch Nahversorger, deshalb sind viele zu uns gekommen, die nicht mehr in die Innenstadt gefahren sind. Zugpferd waren da eher Gartenartikel oder Dekoration fürs Heim, weniger die Textilien.

Konnten Sie auch einiges mit zusätzlichem Onlinegeschäft kompensieren?
Wir haben unseren Onlineumsatz im Lockdown verdoppelt, aber auf niedrigem Niveau. Sie müssen bedenken: 88 Prozent der bei uns verkauften Teile liegen im Preis unter 5,99 Euro, etwa 50 Prozent liegen sogar unter 1,99 Euro. Das bekommen Sie online nicht profitabel abgebildet. Unser Geschäftsmodell funktioniert so, wie es strukturiert ist und wie es die Kunden erwarten, nicht online. Was der Kunde gern annimmt, ist die Lieferung von online bestellter Ware in die Filiale.

Und ausgerechnet das haben Sie im Lockdown jetzt eingestellt. Warum?
Das liegt an unserem Warenwirtschaftssystem, das ist darauf nicht eingerichtet. Wir haben je nach Standort unterschiedliche Sortimente, und wir haben von der Zentrale keinen exakten Zugriff auf den Filialbestand. Das war damals eine bewusste Entscheidung, weil die Prozesskosten bei einer absolut bestandsgenauen Erfassung deutlich höher gewesen wären und wir dann nicht mehr so günstig anbieten könnten. Das ist Teil unseres Erfolgsmodells.

„Wir werden unser Filialnetz noch mal durchleuchten“

Das heißt, Ihr Erfolgsmodell ist abhängig vom stationären Verkauf – und damit von geöffneten Geschäften?
Ja, absolut. Kik wird mit diesem Sortiment kein Onlineplayer, das geht in diesem Preiswertsegment nicht. Konkurrenten wie Action oder Primark machen gar keinen E-Commerce. Dazu kommt: Wir sind kein Start-up, das um jeden Preis wachsen will, bei uns muss alles Rendite bringen, zumindest auf mittlere Sicht. Und irgendwann kommen Sie an eine Grenze, an der Sie sich entscheiden müssen, ob Sie noch stärker in dieses Geschäft investieren, um neue Kapazitäten zu schaffen, ohne die weiteres Wachstum nicht möglich wäre.

Warum verkaufen Sie nicht über Marktplätze?
Wir haben es versucht, es ist aber nicht erfolgreich gewesen. Der Unterschied ist: In der Filiale inspirieren wir die Kunden zu zusätzlichen Ausgaben, online gelingt uns das nur sehr bedingt. Der Onlineshop ist Zusatzgeschäft, da bestellt auch schon mal ein Unternehmen 50 rote Fleece-Decken. Aber eine echte Alternative zur Filiale ist er nicht.

Sind Sie dann überhaupt noch zukunftsfähig?
Ich kann jetzt natürlich nicht 20 Jahre im Voraus gucken. Aber in unserer Mittelfriststrategie sind wir überzeugt, dass das stationäre Geschäft für Kik weiterhin sehr erträglich sein kann. Es gibt in diesem Niedrigpreissegment keinen Online-Komplettanbieter. Und unsere Kunden freuen sich, das Haus verlassen zu können, sie sind im Schnitt sehr lange in der Filiale.

„Wir haben ein Nullwachstum geplant“

Was bedeutet die Pandemie für Ihre Expansionsstrategie?
Ich gebe das Jahr noch nicht auf und gebe auch noch nicht auf, dass wir am 15. Februar wieder aufmachen. Klar ist: Wir werden unser Filialnetz noch mal durchleuchten und schauen, welche Standorte zukunftssicher sind. Das wollen wir radikal angehen und damit die Profitabilität des einzelnen Stores nach oben bringen. Die Zahl der Geschäfte dürfte in Deutschland nicht mehr steigen, aber vielleicht können wir durch Schließungen und Neueröffnungen noch die Qualität der Standorte verbessern.

Bieten Ihnen die Auslandsmärkte bessere Wachstumschancen?
International ist die Expansion im Moment extrem schwierig. Sie brauchen Leute vor Ort, und die Schlüsselpersonen nur per Videokonferenz kennenzulernen ist schwierig. Wir hätten in diesem Jahr gern noch ein weiteres Land im Südwesten Europas dazu genommen, ob das klappt, ist aber offen. Im Osten sind wir ja schon sehr stark. Und da haben wir auch die Liquidität, um weiter zu wachsen.

Mit welchem Wachstum rechnen Sie in diesem Jahr?
Unsere Planung ist sehr konservativ, wir haben ein Nullwachstum geplant. Und mit dem Lockdown wäre ich sogar froh, wenn wir dieses Ziel erreichen könnten.

Herr Zahn, vielen Dank für das Interview.

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