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Wie die KI-Expertin Wirecard durch die Krise manövrieren will


Die Personalabteilung des Rückversicherungskonzerns MunichRe hatte ein gutes Gespür. Als ein Wirtschaftsredakteur im Jahr 1999 um einen Tipp bat, wer aus den Reihen der jungen Mitarbeiter denn Aufsteigerpotenzial hätte, empfohlen sie Anastassia Lauterbach. Und so tauchte die damals 27-Jährige in einem Artikel über Karriereperspektiven bei einem Großkonzern im „Manager-Magazin“ auf.

Heute ist Lauterbach Multiaufsichtsrätin und eine der wenigen Deutschen, deren Kompetenz auch im Ausland gefragt ist. Lauterbach ist Expertin für Cybersicherheit und Künstliche Intelligenz, sie spricht bei Tech-Konferenzen auf der ganzen Welt, berät mit ihrer eigenen Firma Großkonzerne in Asien, den USA und Europa. Sie sitzt im Kontrollgremium der britischen Airline Easyjet, kontrolliert das US-Traditionsunternehmen Dun & Bradstreet. Seit einigen Monaten jedoch verwendet sie die meiste Zeit auf eines ihrer deutschen Mandate: Lauterbach ist Aufsichtsrätin beim im Dax notierten Zahlungsdienstleister Wirecard.

Seit Monaten jagt bei dem Münchener Tech-Unternehmen ein Skandal den nächsten. Der Aktienkurs befindet sich immer wieder auf Berg-und-Tal-Fahrt, weil Vorwürfe über intransparente Bilanzierung, krumme Deals in Singapur oder sinistre Geschäftspartner in schneller Schlagzahl aufgebracht und wieder entkräftet werden. Als Vorsitzende des Risikoausschusses ist Lauterbach eine zentrale Figur im Aufsichtsrat. Man kann sich vorstellen, wie viele Nächte sie im Krisenmodus durchgearbeitet hat.

Auf die Skandalserie angesprochen, sagt sie: „Ich mache mir keine Sorgen, ich habe nur viel Arbeit.“ Arbeit, die darin besteht, die Prozesse innerhalb des Unternehmens und der Gremien zu professionalisieren. Sich dafür einzusetzen, dass die Compliance-Abteilung – also jene Abteilung, die dafür sorgt, dass alle rechtlichen und moralischen Standards im Geschäftsgebaren eingehalten werden – deutlich verstärkt wird. Dieses Ziel hat Wirecard-Vorstandschef Markus Braun kürzlich bestätigt.

Für Lauterbach sind die Probleme von Wirecard eine Art Wachstumsschmerz. „Wir haben in Deutschland leider nicht viel Erfahrung mit stark wachsenden Unternehmen. Wirecard ist in dieser Liga hier allein – in den USA hätte man Vergleichswerte.“ Es ist ein Vergleich, der die Lage von Wirecard in einen Kontext setzt, aber keineswegs beschönigt. Denn bekanntermaßen haben auch die Datenskandale etwa von Facebook globale Wellen geschlagen.

Aufräumen ist Routine

Wenn sie beginnt, von anderen, zurückliegenden Aufsichtsratsmandaten zu erzählen, bei denen sie nach einer Skandalserie aufräumen musste, bei denen das Management ausgetauscht wurde, dann wirkt es fast so, als seien Krisensitzungen für sie eine Routinearbeit wie etwa den Schreibtisch aufzuräumen.

Etwas, das man einfach macht, ohne groß darüber zu reden. „Wichtig ist, dass Aufsichtsratsarbeit immer Teamarbeit ist“, betont Lauterbach. Im Idealfall kommen für sie im Kontrollgremium unterschiedliche Kompetenzen, unterschiedliche Blickwinkel zusammen, die sich gegenseitig ergänzen.

Bei Wirecard kam Lauterbach im Mai 2018 ins Gremium, als unabhängige Kandidatin, über einen Headhunter. Bereut sie, angesichts der Reputationsprobleme des Unternehmens, das Mandat überhaupt angenommen zu haben? Bei der Frage schaut sie überrascht auf. „Wirecard ist eines der ganz wenigen europäischen Unternehmen, die Künstliche Intelligenz schon jetzt sehr erfolgreich einsetzen“, sagt sie halb überrascht über die Frage, halb entrüstet – und setzt hinterher: „Ich sehe da ungeheures Potenzial.“

Und in dem Gebiet weiß sie, wovon sie spricht. Über Jahre hinweg hat sie ihre Kompetenz im Technologiebereich aufgebaut. Nach ihrem Karriereeinstieg beim Rückversicherer MunichRe ging sie zu McKinsey. Nach einer kurzen Station bei Daimler hat sie einige Jahre in hohen Funktionen für T-Mobile, Deutsche Telekom und später für den US-Halbleiterhersteller Qualcomm gearbeitet.

Entscheidende Jahre, wie sie selbst sagt. Der damalige T-Mobile-CEO Hamid Akhavan bezeichnet Lauterbach als „enorm strategische Denkerin“, die es aber zugleich schaffe, die erdachte Strategie Schritt für Schritt umzusetzen und so ein Geschäftsfeld zum Erfolg zu führen.

Sie hätte wohl ihre Konzernkarriere noch weitertreiben können, entschied sich dann aber für eine „Portfolio-Karriere“, wie sie es nennt, also die Kombination aus der selbstständigen Beratung und mehreren Aufsichtsratsmandaten. „Das ist besser mit meiner Familie zu vereinbaren“, sagt Lauterbach. Wenn sie über ihre zehnjährige Tochter spricht, gerät sie ins Schwärmen. „Ich verstecke das Thema nicht, auch nicht gegenüber Geschäftspartnern. Ich nehme meine Tochter auch immer wieder mal mit zu Terminen, damit sie besser versteht, was ich mache“, erzählt Lauterbach.

Geschickt hat sie mit Cybersicherheit und KI auf Kompetenzen gesetzt, die derzeit in fast jedem Aufsichtsrat gesucht werden. In Russland, wo Lauterbach aufgewachsen ist, hat sie Linguistik studiert. „Damals habe ich schon Computerlinguistik gelernt – ich komme jetzt mit KI also zurück zu meinen Wurzeln“, sagt sie grinsend.

Im Alter von 19 Jahren kam sie nach Deutschland, weil sie in Russland keine Perspektiven für sich sah. Sie entschloss sich zu einem weiteren Studium, diesmal Psychologie. Das Studium finanzierte sie sich mit Übersetzungsjobs. Was übrig blieb, schickte sie ihren Eltern in Russland, weil deren Lehrergehalt keine großen Sprünge erlaubte.

Über die Jahre hat sich Lauterbach neben der Expertise in Cybersicherheit, die sie bei Telekom und Qualcomm aufbaute, auch Programmieren beigebracht. „Ich schreibe keine schönen Codes“, sagt sie und lacht. „Aber ich kann auf Augenhöhe mit den richtig guten Programmierern sprechen.“ Ihr Buch „The Artificial Intelligence Imperative. A Practical Roadmap for Business“ ist für die meisten Laien zu wissenschaftlich, in Fachkreisen aber ein Must Read. Davon – und von ihrem starken internationalen Netzwerk – zeugen die Widmungen im Buch. Etwa jene von Twitter-Gründer Jack Dorsey, den sie zu ihren Freunden zählt.

Internationales Netzwerk

Wegbegleiter erzählen, dass sie eine begnadete Netzwerkerin ist, weil sie sich Gedanken über die Lebenssituation ihres Gegenübers macht. Dadurch weiß sie beispielsweise ganz genau, welches Buch bei ihrem Gegenüber als Mitbringsel einen Nerv treffen wird, oder welche Flasche Wein wirklich dessen Geschmack trifft. Einmal im Jahr lädt sie zu einem großen Fest „Start-ups meet Arts“ Künstler, Musiker, Unternehmer und Querdenker aus der ganzen Welt zu sich nach Hause ins Rheinland ein.

„Sie verbindet analytische und emotionale Intelligenz, wie man es selten vorfindet. Und sie ist offen für die irrationalen Impulse der Kunst“, beschreibt sie etwa der bildende Künstler Thomas Schönauer. Lauterbach hat auch eine große Passion für Musik. „Musik öffnet die Herzen“, sagt sie. Im Kindesalter träumte Lauterbach davon, Konzertpianistin zu werden. „In der Musik gibt es kein Pardon. Man muss brutal ehrlich sein. Entweder du bist Weltklasse, oder eben nicht. Ich spielte zwar gut, aber es reichte nicht.“ Und dann lacht sie ihr leises Lachen.

Es ist dieses Glucksen, das Martha Josephson, eine der bekanntesten Headhunterinnen der USA und Partnerin beim Personalberater Egon Zehnder, wohl im Kopf hat, wenn sie sagt, dass Lauterbach „immer Freude in den Raum“ bringt – ganz im Gegensatz zu den oft schwierigen Persönlichkeiten der Start-up-Gründer, mit denen sie sonst zu tun hat.

„Ich arbeitete mit Anastassia zusammen, als sie im Beirat eines US-Tech-Unternehmens saß, und wir halfen ihnen, einen sehr schwierigen Führungswechsel zu meistern. Sie steckte technisch tief in der Materie und zielte auf die große, sinnvolle Lösung, wo andere viel zögerlicher waren. Das sorgte für eine sehr positive Dynamik.“

Solch eine positive Dynamik kann Wirecard sicherlich gut gebrauchen.

Mehr: Die Achterbahnfahrt geht weiter. Ein Bericht über Wirecard-Verbindungen mit zwielichtigen Zahlungen sorgte für den jüngsten Absturz. Doch Analysten loben die langfristige Perspektive.