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KfW rechnet mit bis zu 100.000 Hilfsanträgen – „Corona stellt alles in den Schatten“

Die Förderbank erwartet einen Ansturm auf die Coronahilfen. Eine Prognose für das Kreditvolumen wagt Bräunig nicht. Er fürchtet schlimmere Folgen als durch die Finanzkrise 2008.

Günther Bräunig hat in seinen gut 30 Dienstjahren bei der staatlichen Förderbank KfW einige Krisen hautnah erlebt. Während der Finanzkrise 2008 war der 64-Jährige als Feuerwehrmann gefragt, zum Beispiel bei der kriselnden Mittelstandsbank IKB – damals noch eine KfW-Tochter und erstes deutsches Opfer der Subprime-Krise –, bei der er interimistisch den Chefposten übernahm. Nun ist Bräunigs Kompetenz wieder gefragt – womöglich noch mehr als während der Finanzkrise 2008.

„Die Corona-Pandemie stellt alles in den Schatten, was wir bislang erlebt haben“, sagt der KfW-Chef im Interview mit dem Handelsblatt. Das Interesse der Unternehmen an den Diensten der KfW ist enorm. Bräunig stellt sich auf „20.000 bis 100.000 Anträge“ ein. Eine Prognose für das beantragte Volumen wagt er nicht. „Es gibt einfach keinen Präzedenzfall.“

Denn viele Probleme kommen derzeit zusammen. Im Auftrag der Bundesregierung hat die Förderbank ein umfassendes Sonderprogramm aufgelegt, das wegen Corona in Probleme geratenen Betrieben helfen soll – soweit es um Liquiditätsengpässe geht. „Unser Sonderprogramm ist ein Kreditprogramm, kein Zuschussprogramm“, stellt Bräunig klar. Anders gesagt: Nicht jeden Betrieb kann die KfW retten.

Die Bundesregierung nimmt den Banken bei den KfW-Corona-Krediten den größten Teil des Ausfallrisikos ihrer Kunden ab. Einigen Banken- und Wirtschaftsverbänden geht die Haftung bislang nicht weit genug.

Bräunig hält es aber für wichtig, „dass bei den Banken eine Mithaftung von zehn beziehungsweise 20 Prozent verbleibt“. Letztlich hätten die Institute bei den meisten Kunden ja auch noch andere Kredite ausstehen und müssten ein großes Interesse daran haben, dass das Unternehmen überlebt.

Das Hilfsprogramm der Bundesregierung hält der KfW-Chef für ausreichend bemessen. „Wenn wir allein die Maßnahmen im Nachtragshaushalt und im Wirtschaftsstabilisierungsfonds zusammenzählen, dann kommen wir in Deutschland auf eine Summe, die fast einem Viertel unserer jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht“, sagt er.

China legte bislang Hilfsprogramme im Umfang von vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung auf, der Vergleichswert für die USA liegt bei zehn Prozent. „Deutschland ist also sehr, sehr weit gegangen, auch im internationalen Vergleich.“

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Bräunig, wegen der Coronakrise und der starken Beschränkungen für alle führen wir dieses Interview am Telefon. Wo erreichen wir Sie gerade? Im Homeoffice?
Ja, vergangene Woche war ich noch – schön isoliert – im Büro. Aber seit Montag arbeite ich auch vom Homeoffice aus. Das ist auf jeden Fall eine neue Erfahrung.

Und? Kann man eine Bank von zu Hause aus leiten?
Interessanterweise schon. Ich finde es unglaublich, wie kooperativ und konstruktiv sich alle darauf einstellen. Wir kommen über den Umweg des Virus in ein flexibles, neues Arbeiten. Das wird uns sicher erhalten bleiben, auch wenn wir uns die Pandemie alle gerne erspart hätten.

Wie viele KfW-Mitarbeiter sitzen gerade wie Sie im Homeoffice?
Es sind derzeit ungefähr 2200 Mitarbeiter. Etliche andere müssen allerdings in der Bank arbeiten, um bestimmte Aufgaben im Zusammenhang mit dem Corona-Sonderprogramm zu erledigen.

Wegen Corona gibt es nun einen riesigen Ansturm auf die Kreditprogramme der KfW. Könnte Corona für die deutsche Wirtschaft schlimmere Folgen haben als die Finanzkrise 2008?
Die Corona-Pandemie stellt alles in den Schatten, was wir bislang erlebt haben. Denn mehrere Probleme treffen gerade zeitgleich aufeinander: Erstens, fast jedes Unternehmen ist direkt und unmittelbar betroffen, sowohl durch einen Nachfrage- als auch Angebotsrückgang. Das unterscheidet diese Krise deutlich von der Finanzkrise. Zweitens, wir stehen unter extremem Zeitdruck. Und drittens: Unser Sonderprogramm ist ein Kreditprogramm, kein Zuschussprogramm. Das bedeutet zugespitzt: Die Regulatorik der Kreditvergabe trifft auf Unternehmen in Panik.

Das heißt also, die Banken müssen nach wie vor sorgfältig prüfen, ob sie das Geld wiedersehen, bevor sie Kreditanträge bewilligen …
Sowohl für die Eilbedürftigkeit der Kreditversorgung als auch für die Notwendigkeit einer sorgfältigen Kreditprüfung muss man Verständnis haben. Denn letztlich kann ja keiner sagen, wie lange das Virus das Wirtschaftsleben lahmlegen wird. Unter dem Strich muss ich sagen, wir haben noch nie ein Programm so schnell an den Start gebracht wie die Corona-Hilfe.

Wie lange hat es denn gedauert?
Die Gespräche mit den Ministerien in Berlin fingen schon vor drei Wochen an. Dynamik und Ausmaß der Pandemie haben sich in der Zwischenzeit erheblich beschleunigt. Wir haben bestehende KfW-Förderprogramme erweitert, weil das am schnellsten geht.

Sie haben also mit heißer Nadel gestrickt …
Nein, aber das war wie eine Operation am offenen Herzen. Nach Verkündung des Programms haben wir noch viele Anregungen von Unternehmen und Banken mit aufgenommen. Das gilt unter anderem für Fragen der Höhe der Haftungsfreistellung, für die Lockerung von Kreditvergabestandards und für den Verzicht einer eigenen Risikoprüfung durch die KfW bei Krediten bis zu drei Millionen Euro Volumen. Das alles muss auch in der IT abgebildet werden, bei uns und bei den durchleitenden Banken und Sparkassen.

Werden Ihre IT-Systeme mit der Antragsflut zurechtkommen?
Die aktuelle Situation zeigt, wie gut es war, dass wir in den vergangenen Jahren hart daran gearbeitet haben, unsere Prozesse bei der Antragsstellung zu digitalisieren. Wir können auch mit sehr hohen Antragszahlen umgehen. Und es geht deshalb schon sehr schnell los. Am Montag lagen bereits die ersten Anträge vor, mittlerweile schon im Umfang von über vier Milliarden Euro. Dabei mussten die Banken noch bis Sonntag nacharbeiten, weil die Margen für das Programm erst am Wochenende mit der EU-Kommission festgelegt werden konnten.

Voraussetzung für KfW-Kredite ist eigentlich eine positive Fortführungsprognose, also die Erwartung, dass ein Betrieb seine Notlage überlebt. Wie will man so etwas in Pandemiezeiten realistisch abschätzen?
Die Kreditanalyse wird zunächst von den Hausbanken gemacht. Wir sagen, das Unternehmen muss bezogen auf das Jahr 2019 gesund und kreditfähig gewesen und nur wegen Corona in Schwierigkeiten geraten sein. Aber natürlich muss man auch Annahmen dafür treffen, wann das Wirtschaftsleben wieder weitergeht.

Wann wird das Ihrer Ansicht nach der Fall sein?
Belastbar wissen wir das natürlich nicht, aber man kann den Blick nach China richten, wo das Wirtschaftsleben nach etwa 50 Tagen wieder angesprungen ist. Vielleicht nicht mit der alten Dynamik, aber es geht aufwärts – und das ist das Wichtigste. Wir – und auch andere – gehen davon aus, dass in absehbarer Zeit die Shutdown-Maßnahmen gegen das Virus nach und nach wieder gelockert werden. Viele Ökonomen erwarten, dass es nach einem scharfen Einbruch im zweiten Quartal im zweiten Halbjahr wieder zu einer relativ schnellen Erholung kommen kann. Aber ob es so kommt, kann niemand garantieren.

Gelockerte Kreditstandards, eigene Risikoprüfungen erst ab drei Millionen Euro – wie groß ist die Gefahr, dass die KfW „Zombie-Firmen“ fördert, die auch ohne Corona in Not geraten wären?
Es ist der politische Wille, dass wir schnell handeln, weil alle Unternehmen massiv betroffen sind. Natürlich müssen dabei Kreditvergabestandards eingehalten werden. Aber wenn so viel auf einmal kommt, kann man nicht ausschließen, dass dabei auch Unternehmen gefördert werden, die nachher nicht wieder aus der Krise kommen. Die Akzeptanz eines höheren Risikos ist in den Hilfsprogrammen durchaus angelegt.

Bis zu welchem Grad wäre das für Sie ein notwendiges, aber akzeptables Übel?
Ich halte es für wichtig, dass bei den Banken eine Mithaftung von zehn beziehungsweise 20 Prozent verbleibt. Das erscheint mir die entscheidende Mindestgrenze zu sein. Was Ausfallquoten angeht, haben wir ja Erfahrungen aus anderen Sonderprogrammen, bei denen wir den Banken ebenfalls bis zu 90 Prozent der Haftung abgenommen haben. Unter dem Strich gab es da nicht übermäßig viele Ausfälle. In Einzelfällen wird sich aber nicht alles vermeiden lassen, zumal ja heute auch niemand seriös sagen kann, wie die Welt nach der Coronakrise aussehen wird.

Die KfW haftet nur bei großen Firmen mit 80 Prozent, bei kleinen und mittleren sind es schon heute 90 Prozent. Die Bankenverbände fordern nun sogar eine noch höhere Haftungsübernahme. Ist das verständlich oder einfach nur unverschämt?
Zuerst möchte ich einmal den Banken und Sparkassen für ihren engagierten Einsatz danken. Ohne den Schulterschluss von KfW und Durchleitungsbanken würde die Corona-Hilfe nicht zu den Unternehmen kommen. Das ist eine großartige Leistung aller Beteiligten. Aber die Entscheidung obliegt der Bundesregierung. Ich glaube, es ist wichtig, dass es eine gewisse Eigenhaftung gibt. Letztlich haben die Banken bei den meisten Kunden ja auch noch andere Kredite ausstehen und müssen ein großes Interesse daran haben, dass das Unternehmen überlebt. Deshalb ist es auch für die Banken wichtig, dass ihre Firmenkunden, bei denen ja weitere Kredite bestehen, nun weitere Liquiditätshilfen von der KfW bekommen.

Wie viele Leute haben Sie denn abgestellt, um die Antragsflut zu bewältigen?
Wir haben es hier mit einem Mengengerüst zu tun, wie wir es noch nie hatten. Aktuell sind fast 1 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter direkt oder indirekt mit dem Aufbau und der Umsetzung der Corona-Hilfe befasst – mit steigender Tendenz. Deshalb ordnen wir in unserem Konzern dem Sonderprogramm alles unter, was wir sonst tun. Das bedeutet auch, dass wir im Moment Ressourcen, auch personelle, aus anderen Bereichen der KfW dorthin lenken. In den ersten Tagen des Programms haben wir mehr als 200 Anträge erhalten. Das wird in den nächsten Wochen deutlich anziehen. Bislang sind wir mit dem Prozess sehr zufrieden.

Wie lange dauert es, bis ein Unternehmen Geld ausgezahlt bekommt, wenn es sich heute an seine Hausbank wendet?
Unternehmen kommen sehr schnell an das Geld aus der KfW-Corona-Hilfe. Zum Beispiel bei Krediten bis drei Millionen Euro: Nachdem der Antrag bei der Hausbank gestellt, dort geprüft und dann mittels digitaler Antragsstellung bei uns eingeht, geben wir innerhalb kürzester Zeit wiederum digital der Hausbank eine unwiderrufliche Zusage, auf Basis derer die Hausbank den Kredit auszahlen kann. Dies geht deshalb so zügig, da die KfW bei Darlehen von bis zu drei Millionen Euro auf eine eigene Risikoprüfung verzichtet und die Risikoprüfung der Hausbank übernimmt. Bei Krediten über drei Millionen Euro haben wir eine vereinfachte Risikoprüfung etabliert.

Der Verzicht auf eine Risikoprüfung bei kleineren Darlehen soll der KfW Arbeit ersparen. Reicht die gewählte Schwelle von drei Millionen Euro?
Wir schätzen, dass mit dieser Größenordnung etwa 90 Prozent der Stückzahlen aller Anträge – also nicht das Volumen, sondern die Anzahl – erfasst werden können. Aus meiner Sicht bringt es nicht so viel, diese Schwelle noch weiter anzuheben, um von 90 Prozent auf vielleicht 95 Prozent der Anträge zu kommen. Hinzu kommt, dass wir für Anträge, bei denen die Kreditsumme zwischen drei und zehn Millionen Euro liegt, ein Schnellverfahren bei der Prüfung anwenden, bei dem wir nur auf bestimmte Kennzahlen und das Rating schauen. Hier wird es keine Engpässe geben.

Wittern Sie anderswo Engpässe?
Engpässe sehe ich eher, wenn wir sehr schnell sehr viele Konsortialkredite bekommen. Solche Gruppendeals, bei denen sich mehrere Banken für eine Finanzierung zusammenschließen, erfordern mehr Handarbeit.

Was glauben Sie, wie viel Geld am Ende abgerufen wird? Welche Prognosen legen Sie zugrunde?
Wir haben drei Szenarien von klein, mittel bis groß modelliert. Wir wissen nicht, welches eintritt. Aber es ist sicherlich hilfreich, dass die Bundesregierung unabhängig von unseren Kreditangeboten einen Solidarfonds über 50 Milliarden Euro aufgelegt hat. Er ermöglicht Unternehmen mit bis zu zehn Mitarbeitern direkte Zuschüsse. Damit wird sofort eine große Masse – sicher drei, vier Millionen Antragsteller – auf diesen Fonds umgeleitet, was uns entlastet. Dennoch stellen wir uns auf 20.000 bis 100.000 KfW-Anträge ein. Und fragen Sie mich nicht nach einem Volumen, das lässt sich nicht seriös prognostizieren. Es gibt einfach keinen Präzedenzfall.

Wenn man alle Maßnahmen der Regierung im Kampf gegen die Corona-Auswirkungen zusammenzählt, reicht das Volumen aus Ihrer Sicht?
Wenn wir allein die Maßnahmen im Nachtragshaushalt und im Wirtschaftsstabilisierungsfonds zusammenzählen, dann kommen wir in Deutschland auf eine Summe, die fast einem Viertel unserer jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht. Im Vergleich dazu hat China bisher vier Prozent ausgelobt und die USA zehn Prozent. Wir haben ein Kreditprogramm für Liquidität, ein Zuschussprogramm für kleine Unternehmen, Selbstständige und Künstler. Außerdem gibt es mit dem Wirtschaftsstabilisierungsfonds noch ein Bürgschafts- und ein Eigenkapitalprogramm, das auch Start-ups umfasst. Deutschland ist also sehr, sehr weit gegangen, auch im internationalen Vergleich.

Angesichts der unlimitierten Hilfsprogramme muss sich die KfW selbst im großen Stil refinanzieren. Klappt das angesichts der Unruhe an den Finanzmärkten?
In der vergangenen Woche hat das am Markt sicherlich noch für eine gewisse Unsicherheit gesorgt, weil man nur die hohen Zahlen des Sonderprogramms kannte, aber nicht wusste, wie die KfW das refinanzieren will. Wir haben aber ein ganzes Bündel an Maßnahmen zusammengetragen. Dazu gehört auch, dass der Bund der KfW über den Wirtschaftsstabilisierungsfonds bis zu 100 Milliarden Euro leihen darf. Daneben können wir uns wie jede andere Bank auch Geld bei der EZB leihen. Am Donnerstag haben wir gerade eine Anleihe über vier Milliarden Euro platziert. Um unsere Refinanzierung mache ich mir also überhaupt keine Gedanken.

Haben Sie das Gefühl, dass die Notenbanken die Anleihemärkte wieder beruhigt haben?
Die Kapitalmärkte gucken derzeit nicht nur darauf, was die Zentralbanken machen, sondern genauso auf die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität zu Neuinfektionsraten. Alle warten darauf, dass diese Neuinfektionszahlen in einzelnen Ländern im Vergleich zum Vortag sinken. Das ist ein wichtigerer Indikator im Moment als das, was die Zentralbanken tun. Aber dennoch: Die Mischung aus fast unbegrenzten Ankaufprogrammen der Zentralbanken einerseits und das massive Fiskalpaket der US-Regierung andererseits hat wieder für mehr Zuversicht an den Kapitalmärkten gesorgt.

Erhöht die Krise aus Ihrer Sicht die Akzeptanz von staatlichen Akteuren im Wirtschaftsgeschehen – wie eben der KfW?
Ich habe mir über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der KfW nie Gedanken gemacht, weil es immer wieder neue Aufgaben für die KfW gegeben hat. Bis vor drei Monaten haben wir nur über neue Maßnahmen für Klimaschutz geredet oder einen zehn Milliarden Euro großen Fonds für Zukunftsinvestitionen. Das ist nicht in Vergessenheit geraten, ist aber vorläufig in den Hintergrund getreten. Und das Tempo, mit dem wir das aktuelle Corona-Krisenprogramm auf die Beine gestellt haben, zeigt, dass es vielleicht ganz gut ist, wenn es ein Unternehmen mit öffentlichem Auftrag gibt, das der Wirtschaft im Notfall so schnell zur Hilfe eilen kann.