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„Ist doch keine Castingshow“: Meyer Werft lässt seine Mitarbeiter über Entlassungen abstimmen, Betriebsrat ist empört

·Lesedauer: 4 Min.
Betriebsversammlung am heutigen Montag: Laut Angaben des Betriebsrats haben rund 1.800 Beschäftigte teilgenommen. Auf dem Podest: Betriebsratschef Nico Bloem.
Betriebsversammlung am heutigen Montag: Laut Angaben des Betriebsrats haben rund 1.800 Beschäftigte teilgenommen. Auf dem Podest: Betriebsratschef Nico Bloem.

Eigentlich sollte das Zukunftskonzept für den Schiffbauer "Meyer Werft" schon vor drei Monaten stehen. Diesen Zeitplan hatte der Geschäftsführer des Familienbetriebs, Jan Meyer, Ende letzten Jahres als Losung ausgegeben, nachdem das Unternehmen 2020 den größten Verlust seiner Geschichte eingefahren hat. Der Grund: Durch die Corona-Pandemie ist die Kreuzfahrtindustrie eingebrochen; viele Schiffe konnten monatelang nicht fahren. Entsprechend tendiert die Nachfrage nach neuen Schiffen gegen null.

Jetzt ist Juni – und das Meyer'sche Zukunftspaket ist noch in weiter Ferne. Es gibt Streit zwischen Betriebsrat, Gewerkschaft und dem Unternehmen. Geschäftsführer Jan Meyer sagte in einer offiziellen Mitteilung, dass die Uhr ticke: "Nach mehr als einem Jahr Gesprächen brauchen wir endlich Ergebnisse und gehen einen Weg nach vorne. Als Geschäftsleitung übernehmen wir Verantwortung für über 10.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze auf der Werft und in der Region."

Das Unternehmen hat die Umsetzung der bestehenden Aufträge gedrosselt – bis 2025 sollen sie abgearbeitet werden. Die Firma beschäftigt derzeit rund 4.200 Mitarbeitende; gut 40 Prozent Arbeitskapazität will Meyer abbauen.

https://www.youtube.com/watch?v=uH71798CCAI

Mitarbeiter sollten online über Entlassungen abstimmen

Die Fronten sind verhärtet. Das Unternehmen hat zwei Wege vorgeschlagen: Der erste Weg sieht den Abbau von 660 Jobs vor. Im Gegenzug müssten die verbleibenden Mitarbeiter 200 Stunden mehr arbeiten – unbezahlt. Das müssten sie beim alternativen Weg nicht; dafür würden in diesem Szenario 1.000 Mitarbeiter betriebsbedingt gekündigt werden.

Thomas Gelder, Bevollmächtigter der IG Metall in Leer/Papenburg, nannte das die Wahl zwischen "Pest und Cholera". Die Gewerkschaft möchte betriebsbedingte Kündigungen verhindern – ebenso der Betriebsrat.

Am vergangenen Wochenende hat sich das Management für einen ungewöhnlichen Weg im Tarifkonflikt entschieden: Die Mitarbeiter durften online über die beiden Wege abstimmen. Beteiligt hatten sich daran 1.557 Mitarbeiter, von denen 1.446 für den ersten Weg, also den Stellenabbau von "nur" 660 Jobs, gestimmt haben.

Rechtlich bindend ist dieses Votum nicht – immerhin sei bei einem Stellenabbau dieser Größe alleine der Betriebsrat der Ansprechpartner für das Management, erklärt Dr. Jan Tibor Lelley, Arbeitsrechtler der Kanzlei Buse, im Gespräch mit Business Insider.

Betriebsversammlung mit rund 1.800 Teilnehmern

Es handele sich viel mehr um eine symbolische Geste mit großer Tragkraft – und um eine juristische Grauzone. "Das passiert oft, wenn die Geschäftsführung das Gefühl hat, dass der Betriebsrat nicht alle Teile der Belegschaft hinter sich hat", sagt Lelley. Es gehe mehr um die psychologische Wirkung, die das Ergebnis der Abstimmung in der Belegschaft haben kann. Die Botschaft: Überlegt Euch gut, was Ihr in den Verhandlungen fordert, Eure Kollegen könnten es eventuell anders sehen. "Und offensichtlich ist das Unternehmen ja auf offene Ohren gestoßen, da sich doch einige Mitarbeiter an der Abstimmung beteiligt haben."

Das sieht Betriebsratschef Nico Bloem ganz anders. Er weist darauf hin, dass lediglich rund 1.500 der 4.200 bei Meyer Beschäftigten an der Abstimmung teilgenommen haben, also gerade einmal etwa 35 Prozent.

Nach der Abstimmung hatte er für den heutigen Montag eine Betriebsversammlung einberufen, an der laut Bloem rund 1.800 Beschäftigte teilgenommen haben. "Am Applaus der Kollegen haben wir gemerkt, dass sie die Haltung des Betriebsrats unterstützen. Wir sind hier nicht in einer Castingshow, in der man entscheiden kann, wer ausgewählt wird!", erklärt Bloem gegenüber Business Insider.

Lange Protestgeschichte: Schon im Januar demonstrierten Mitarbeiter gegen den Abbau von fast 2.000 Arbeitsplätzen vor der Meyer-Werft.
Lange Protestgeschichte: Schon im Januar demonstrierten Mitarbeiter gegen den Abbau von fast 2.000 Arbeitsplätzen vor der Meyer-Werft.

Sein Vorwurf an das Management: "Die Art und Weise, in einer Abstimmung nur die beiden Wege der Geschäftsleitung vorzugeben, ist respektlos gegenüber der Belegschaft – wenn ich suggeriert bekomme, die Wahl zwischen 660 oder 1.000 Entlassungen zu haben, wählt man natürlich die kleinere Zahl!"

Der Betriebsrat ist der festen Überzeugung, ohne betriebsbedingte Kündigungen durch die Krise zu kommen: Man sei bereit, im Rahmen eines Interessenausgleichs über Maßnahmen zu verhandeln. Der Überhang könnte durch Altersteilzeit, Qualifizierung und Freiwilligen-Programme abgebaut werden, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. "Es stimmt nicht, wenn die Geschäftsleitung behauptet, wir seien nicht bereit, einen Beitrag zu leisten", sagt Bloem.

Wird der Konflikt bald zu Ende gehen?

Immerhin – der Tarifkonflikt wird jetzt voraussichtlich in seine finale Runde gehen. Letzter Schritt wird eine Einigungsstelle sein, die mit Vertretern des Managements, des Betriebsrats und einem unparteiischen Vorsitzenden besetzt ist. Werden sich die Parteien nicht einig, legt am Ende die Einigungsstelle verbindlich den Sozialplan fest – entweder in Form von einem der aktuell schon diskutierten Wege oder einer anderen Variante.

Die jüngste Überführung eines fertig gebauten Kreuzfahrtschiffes von der Werft über die Ems in Richtung Nordsee fand vor gut drei Monaten statt.
Die jüngste Überführung eines fertig gebauten Kreuzfahrtschiffes von der Werft über die Ems in Richtung Nordsee fand vor gut drei Monaten statt.
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