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Wer jetzt keine Aktien oder ETFs besitzt, ist entweder verrückt oder genial

Stefan Naerger, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Investoren werden gerne als kauzige Eigenbrötler betrachtet, die einem seltsamen Hobby nachgehen. Aktien? ETFs? Klingt alles nach Modelleisenbahn!

Der Anteil der Aktionäre an der Gesamtbevölkerung in Deutschland zeigt, wie einsam die Investoren hierzulande wirklich sind. 2019 waren rund 4,16 Millionen Bundesbürger direkt oder indirekt in Aktien investiert. Das entspricht einem Anteil von 6,5 %.

Nicht 50 %, nicht 25 %, sondern unter 10 %! Und das trotz der rekordverdächtigen Kursentwicklung, an der sich die Investoren dieser Welt in den vergangenen zehn Jahren eine goldene Nase verdient haben.

Aber noch ist das letzte Wort natürlich nicht gesprochen. Rein theoretisch können DAX & Co jederzeit auf null fallen. Eine kleine Kostprobe hat uns die Covid-19-Krise ja bereits serviert.

Wenn es so weit kommt, müsste man der Mehrheit der Nicht-Investoren selbstverständlich neidlos zugestehen, den absolut richtigen Riecher gehabt zu haben. Doch vielleicht irrt sich die Masse und läuft ohne Aktien und ETFs auf Dauer in ihr selbstverschuldetes finanzielles Verderben. Wer ist verrückt, wer ist genial? Zeit für eine Standortbestimmung!

Das Bargeld lebt wieder! Aber wie lange noch?

Ein paar Billionen Euro hier, ein paar Milliarden Euro da. Im Rahmen der Covid-19-Krise zeigen sich Regierungen und Notenbanken von ihrer großzügigen Seite.

Und siehe da: Die Welt ist nicht untergegangen. Selbst die gefürchtete Hyperinflation ließ sich nicht blicken. Ganz im Gegenteil. Für den April 2020 wurde in der Europäischen Union eine Inflationsrate von 0,7 % im Vergleich zum Vorjahresmonat gemessen. Im Januar und Februar 2020 wurden noch mehr als doppelt so hohe Werte gemessen.

Es scheint fast so, als würde sich derzeit eher die ebenso gefürchtete Deflation breit machen. Sinkende Preise auf breiter Front? Damit bekämen Nicht-Investoren, die ihr Erspartes am liebsten auf dem Tagesgeldkonto parken, endlich den Zins, auf den sie schon so lange warten mussten. Besitzer von Aktien und Aktien-ETFs dürften im Falle einer hartnäckigen Deflation am kürzeren Hebel sitzen. Sinkende Preise, sinkende Einnahmen, zäher Zahlungsfluss: Das sind für gewöhnlich nicht die Parameter, die Aktien in luftige Höhen katapultieren können.

Sind die Freunde des Bargelds also die wahren Genies? Für den Moment mag das so aussehen! Doch womöglich ist die Inflation nur kurz auf dem Rückzug, um Kraft für den finalen Gegenschlag zu sammeln. Die kaum mehr greifbaren Billionen-Euro-Pakete, die innerhalb weniger Tage aus dem Hut gezaubert wurden, lassen vermuten, dass langfristig kein Mangel an Bargeld herrschen wird. Das ist offenbar schnell und schmerzfrei in die Welt gebracht. Wesentlich schneller und schmerzfreier, als es bei Aktien oder ETFs möglich wäre.

Selbst wenn sich die Inflation wieder bei einer Rate von „nur“ 2 % einpendeln würde (der offiziellen Grenze für die Preissteigerung, die von der europäischen Zentralbank offiziell als „Preisstabilität“ bezeichnet wird), wäre es absolut verrückt, keine Aktien oder ETFs zu besitzen. Wer heute 10.000 Euro bei 0 % Zinsen und einer Inflationsrate von 2 % pro Jahr auf dem Tagesgeldkonto parkt, verliert nach rund 35 Jahren 50 % der ursprünglichen Kaufkraft. Ja, Aktien und Aktien-ETFs schwanken kurz- bis mittelfristig ebenfalls im Wert. Aber auf Sicht mehrerer Jahrzehnte ist nicht anzunehmen, dass man hochqualitative Unternehmen unter Wert verkaufen muss. Jedenfalls nicht freiwillig!

Die wahren Genies setzen auf Aktien und ETFs

Offenbar streiten derzeit zwei Szenarien um die Vorherrschaft. Setzt sich die Deflation durch, erscheint das seltsame Hobby der wenigen Investoren, die an Aktien und ETFs festgehalten haben, im Nachhinein als absolut verrückt. Wirft jedoch die Inflation wieder den Geldschredder an, müssen sich die Freunde des Bargelds früher oder später die Frage gefallen lassen, ob es seinerzeit nicht völlig verrückt war, keine Aktien oder ETFs zu besitzen.

Doch welches Szenario ist das wahrscheinlichere? Immer wenn ich nicht weiterweiß, schaue ich, was die echten Genies gerade machen. Damit meine ich nicht Börsenlegende Warren Buffett oder Hedgefondsmanager Bill Ackman, sondern die kommerziellen Händler an den US-Terminmärkten.

Die haben oft einen fabelhaften Riecher für Aktien. Vielleicht auch dieses Mal! Aktuell übersteigt die Nettopositionierung der kommerziellen Händler im US-Aktienindex S&P 500 das Plus, das im März 2016 gemessen wurde (Stand: 19.05.2020, für jedermann nachzuschlagen im wöchentlich erscheinenden CoT-Bericht). Damals lagen die Damen und Herren Genies völlig richtig. Es folgte ein märchenhafter Kursschub im S&P 500, der erst nach gut zwei Jahren eine kurze Verschnaufpause einlegte.

Vom Covid-19-Crash wurden die kommerziellen Händler ebenfalls nicht unvorbereitet überrascht. Bereits seit Mitte 2019 wurden kräftig Positionen im VIX (ein Index, der die Volatilität im S&P 500 abbildet) aufgebaut. Tatsächlich schoss der VIX im März 2020 kräftig in die Höhe. Mit einem erneuten Aufflammen der Volatilität scheinen die kommerziellen Händler derzeit allerdings nicht zu rechnen (Stand: 19.05.2020).

Die Daten vom US-Terminmarkt erhärten den Verdacht, dass es ziemlich genial ist, jetzt Aktien und ETFs zu besitzen. An der Seitenlinie zu verharren und sich an sein Tagesgeldkonto zu klammern, wirkt hingegen mit jedem neuen Billionen-Euro-Paket verrückter.

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