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Kein Krisenende in Sicht: Südeuropas Tourismusbranche sucht ein neues Geschäftsmodell

Demircan, Ozan Hanke, Thomas Höhler, Gerd Louven, Sandra Wermke, Christian
·Lesedauer: 8 Min.

Die EU-Kommission will Reisen weiter einschränken, Deutschland diskutiert über Flugverbote. Die Reisebranche wird laut Experten auch über 2021 hinaus in der Krise sein.

„Wir haben die Mini-Hoffnung, dass die Kombination aus mehr Geimpften und einem im Sommer offenbar weniger starken Virus eine Saison wie im vergangenen Jahr möglich macht.“ Foto: dpa
„Wir haben die Mini-Hoffnung, dass die Kombination aus mehr Geimpften und einem im Sommer offenbar weniger starken Virus eine Saison wie im vergangenen Jahr möglich macht.“ Foto: dpa

Vor allem für den Tourismus ist die Corona-Pandemie desaströs: Nach Angaben der Welt-Tourismus-Organisation UNWTO sind die internationalen Ankünfte im vergangenen Jahr weltweit um 74 Prozent eingestürzt.100 bis 120 Millionen Jobs in der Branche seien gefährdet, erklärte die Organisation am Donnerstag. Die Branche – und vor allem die Reisehungrigen selbst – hatten nach einem von Corona-Restriktionen geprägten Jahr darauf gehofft, dass 2021 wieder Ferien im Ausland möglich sein werden.

Doch steigende Infektionszahlen, neue Virusmutationen und ein schleppender Impfprozess trüben auch diese Hoffnung – und zwar nicht nur für das laufende Jahr. Die UNWTO rechnet damit, dass der internationale Tourismus erst in zweieinhalb bis vier Jahren wieder sein Vorkrisenniveau erreichen wird.

Die klassischen Ferienländer im Süden Europas erwarten für dieses Jahr allenfalls eine leichte Besserung mit rund halb so vielen Einnahmen wie im Jahr 2019, bevor die Pandemie ausgebrochen war. Das hat gravierende Folgen für ihre Konjunktur, denn das Geschäft mit den Urlaubern macht einen erheblichen Teil des Bruttoinlandsprodukts aus (siehe Grafik).

Von Entspannung kann derzeit keine Rede sein – im Gegenteil. Die EU-Kommission will Reisen weiter einschränken, um ihre Mitglieder vor neuen Virusvarianten zu schützen. Deutschland diskutiert ein Flugverbot für Ferienreisen; Großbritannien hat vor, Einreisende aus Hochrisikoländern zehn Tage lang in Quarantäne in ein Hotel zu schicken.

Die Osterferien haben die meisten Urlaubsorte bereits für sich abgeschrieben. Sie hoffen jedoch, dass die Impfungen zumindest die Sommersaison etwas beleben. Dafür fordern sie einen Impfpass, der Geimpfte von allen Reiserestriktionen befreit. Doch auch dabei hakt es: Noch ist unklar, ob Geimpfte das Virus übertragen. Zudem stocken in Europa die Impfungen, weil die Hersteller nicht mit den Lieferungen nachkommen.

Was die wichtigsten Urlaubsländer für das laufende Jahr erwarten, lesen Sie hier im Überblick.

Spanien: Branche fordert schnelleren Impfplan

Spanien ist nach Frankreich die weltweit meistbesuchte Urlaubsdestination. Im vergangenen Jahr sind die Einnahmen aus dem Tourismus um 69 Prozent geschrumpft. Der Anteil der Branche am Bruttoinlandsprodukt ist dadurch nach Angaben des Branchenverbands Exceltur von 12,4 auf 4,3 Prozent eingebrochen. Für das laufende Jahr rechnet die Branche mit 55 Prozent der Umsätze aus dem Jahr 2019.

Exceltur erwartet, dass sich die Reisen im ersten Halbjahr vor allem auf Ziele beschränken, die mit dem Auto erreicht werden können, sowie Orte abseits der touristischen Massen – das können Zweitwohnungen, Ferienhäuser oder Urlaub auf dem Land sein. Die großen Hotelketten profitieren davon kaum. Mit einer hundertprozentigen Erholung rechnen drei Viertel der Unternehmen erst für die zweite Hälfte des Jahres 2022 oder noch später.

Einige Hotels versuchen, sich neue Einnahmequellen zu erschließen und funktionieren ihre Zimmer zu Arbeitsplätzen für diejenigen um, die eine Alternative zum Homeoffice suchen.

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez will bis Ende des Sommers 70 Prozent der Spanier impfen und damit die ersehnte Herdenimmunität erreichen.

Juan Molas, Chef des Debattenforums „Mesa del Turismo“, fordert dagegen einen deutlich schnelleren Rhythmus. „Auch die private Krankenversorgung, das Militär und die Apotheken sollten impfen“, sagt er. „Bei dem Thema müssen alle verfügbaren Ressourcen und Fantasie eingesetzt werden.“ Würde an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr geimpft, könnten bis Ende April 70 Prozent der Bevölkerung das Vakzin erhalten und die Sommersaison gerettet werden.

Dabei helfen soll ein Impfpass. „Er könnte die Mobilität auf europäischem Niveau wiederherstellen“, sagt Tourismus-Ministerin Reyes Maroto.

Frankreich: Heimaturlaub der Franzosen milderte Einbruch ab

Bei „Atout France“, der staatlichen Agentur für die Entwicklung des Tourismus in Frankreich, hat man noch keine Schätzungen für das Jahr 2021. „Wir müssen erst sehen, wie sich die Restriktionen wegen der Corona-Epidemie und vor allem die Lage an den Grenzen entwickeln“, sagt Stéphanie Cadet von Atout France.

Im vergangenen Jahr fingen heimische Urlauber einen Teil des wegbrechenden internationalen Fremdenverkehrs auf. „Wir haben aber nicht nur aus dem Inland, sondern auch aus den Niederlanden und Deutschland eine erhebliche Zahl von Besuchern gehabt“, konstatiert Cadet. Dennoch schätzt Atout France den Einnahmeverlust auf 50 bis 60 Milliarden Euro, das sind rund 30 Prozent des jährlichen Tourismusgeschäfts.

Der Trend gehe eindeutig zu „einem authentischeren Erlebnis, mehr Nähe zur Natur, dem Besuch von kleinen Dörfern und dem Wunsch, die Franzosen kennen zu lernen“, so die Tourismusexpertin. Bei einem Webinar zur CES in Las Vegas wurden interessante Erwartungen laut: „Wir werden nach der Epidemie die Neuauflage der ‚Roaring Twenties‘ (die Goldenen Zwanziger des 20. Jahrhunderts) erleben‚ die Leute wollen sich vergnügen“, sagte ein französischer Anbieter.

Ein Experte für das Internet der Dinge schätzt dagegen, dass einige Verhaltensweisen auch nach dem Ende der Pandemie bestehen bleiben. Großen Erfolg hat er mit einem Summer, der anschlägt wenn der Träger sich einer anderen Person auf weniger als 1,50 Meter nähert: „Davon haben wir bereits mehr als eine Million Exemplare verkauft.“

Griechenland: „Wir bekommen bereits die ersten Stornierungen“

2020 sind die Einnahmen der Branche um 80 Prozent eingestürzt. Das ist ein Drama für die gesamte Wirtschaft, denn der Tourismus steuerte in früheren Jahren direkt und indirekt über ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. An ein schnelles Comeback glaubt in der Branche niemand mehr. „Wir bekommen bereits die ersten Stornierungen für die Monate März bis Mai“, berichtet Manolis Markopoulos, Vorsitzender der Hotelkammer auf der Insel Rhodos.

Damit droht nicht nur das Ostergeschäft auszufallen, Fragezeichen schweben auch über der Sommersaison. Yiannis Retsos, Präsident des Tourismusverbandes Sete, hofft zwar auf eine „allmähliche Erholung“. Der Verbandschef rechnet aber damit, dass die Branche 2021 allenfalls die Hälfte der Umsätze von 2019 erwirtschaften wird. Branchenexperten erwarten, dass frühestens 2023 das Vorkrisenniveau erreicht wird.

Jetzt gehe es darum, die Fundamente für die Zukunft zu legen, sagt Retsos. Dazu gehört aus seiner Sicht vor allem „ein Konzept zur umfassenden Nachhaltigkeit“. Ioanna Dretta, CEO von Marketing Greece, meint: „Der Fokus wird in der Post-Covid-Ära auf einer Individualisierung des Urlaubs liegen, auf weniger bekannten, noch nicht erkundeten Orten und auf Freizeitaktivitäten.“

Dafür sieht sie Griechenland mit seinen vielen Boutique-Hotels statt großer Bettenburgen gut aufgestellt. Premierminister Kyriakos Mitsotakis wirbt derweil in der EU für ein Impfzertifikat. Es soll geimpften Reisenden auf den Flughäfen eine Art „Fast Lane“ öffnen, wie sie Vielfliegern zur Verfügung steht. Dazu müsste der Impfeffekt aber erst einmal zum Tragen kommen.

Italien: Hoteliers nutzen Suchdaten der Kunden

Italiens Erwartungen an die Osterferien sind sehr niedrig. Das Fest kommt dieses Jahr relativ früh, die Impfungen werden bis dahin noch nicht weit genug fortgeschritten sein. „Es gibt keine Hoffnungen, dass man sich großartig bewegen kann“, sagt Marina Lalli, Präsidentin des Verbandes Federturismo. Von ausländischen Gästen brauche man noch gar nicht zu sprechen.

Für den Sommer sehe es etwas besser aus. „Wir haben die Minihoffnung, dass die Kombination aus mehr Geimpften und einem im Sommer offenbar weniger starken Virus eine Saison wie im vergangenen Jahr möglich macht“, meint Lalli. Die allerdings war katastrophal: Allein in der Hotellerie geht der Verband für 2020 von einem Umsatzrückgang von 80 Prozent aus. Für Italien ist der Tourismus eine der wichtigsten Branchen. „Selbst die Aluminiumbranche ist mit uns verknüpft, um die vielen Sonnenschirme an den Stränden zu produzieren“, erklärt Lalli.

Die Idee eines Impfpasses kommt in Italien gut an. „Wichtig ist, zu verstehen, ob ein Geimpfter das Virus weitergeben kann“, sagt Lalli. Bis das nicht klar sei, würden sich die Menschen nicht sicher fühlen und kaum verreisen. „Wenn es aber die Sicherheit gibt, sollten Geimpfte Reisefreiheit bekommen.“

Italien ist das erste Land, das Googles neues Tool „Hotel Insights“ ausprobieren darf. Die Plattform bietet Hoteliers Zugriff auf Echtzeit-Suchdaten und regionale Trends. So lässt sich etwa herausfiltern, aus welchen Ländern besonders stark nach einer bestimmten Ferienregion gesucht wird. Die Unternehmen sollen ihre Angebote damit besser auf die Nachfrage zuschneiden können.

Gleichzeitig werden die Hoteliers digital geschult. Bei Federturismo hofft man, dass das Know-how einen zusätzlichen Schub gibt, sobald die Branche wieder richtig loslegen kann.

Portugal: Regierung hofft auf Schnelltests

Die Einnahmen im Tourismus schrumpften 2020 nach Angaben des portugiesischen Tourismusverbands um 56 Prozent. Für das laufende Jahr ist die portugiesische Staatssekretärin für Tourismus, Rita Marques vorsichtig optimistisch. „Es gibt zweifellos eine Lust auf Reisen und viele Unternehmen haben nach einem dramatischen 2020 ihre Preise für 2021 gesenkt“, sagt sie. Der internationale Tourismus werde aber nicht vor 2023 auf sein altes Niveau zurückkehren. Raul Martins, Präsident des Hotelverbandes (AHP), erwartet eine komplette Erholung erst 2024.

Mit Blick auf einen Impfpass ist Staatsekretärin Marques zurückhaltend. „Obwohl in vielen Mitgliedstaaten derzeit Impfprogramme laufen, ist es noch ein weiter Weg bis zur signifikanten Immunisierung der Bevölkerung“, sagt sie. Sie hofft, dass es bald preiswerte und effektive Schnelltests als Voraussetzung für Reisen gibt und setzt auf ein gemeinsames Vorgehen aller EU-Mitglieder, um plötzliche Grenzschließungen ebenso zu vermeiden wie unterschiedliche Quarantäne- und Corona-Test-Bestimmungen.

Das Land ist vergleichsweise glimpflich durch die erste Viruswelle gekommen, hat inzwischen aber eine der höchsten Infektions- und Todesraten weltweit. Portugal hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne.

Türkei: Die meisten Hotels blieben geöffnet

Nachdem die Besucherzahlen im vergangenen Jahr um 70 Prozent eingebrochen sind, rechnet Tourismusminister Mehmet Ersoy für das laufende Jahr mit 30 bis 31 Millionen Besuchern. Das wären doppelt so viele wie im Jahr 2020, aber nur 61 Prozent so viele wie 2019. Über Impfpässe wird in der Türkei nicht diskutiert.

Seit Mai vergangenen Jahres setzen türkische Hoteliers auf ein Zertifizierungsverfahren für ihre Anlagen. Damit sollen Hygiene, Abstandsregeln und Notfallmaßnahmen in den Hotels sichergestellt werden. Die meisten Hotels blieben seit Beginn des Zertifizierungsverfahrens geöffnet.

„Wir werden nach der Epidemie die Neuauflage der ‚Roaring twenties‘ erleben‚ die Leute wollen sich vergnügen.“ Foto: dpa
„Wir werden nach der Epidemie die Neuauflage der ‚Roaring twenties‘ erleben‚ die Leute wollen sich vergnügen.“ Foto: dpa