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Kaum Booster-Impfungen trotz vierter Corona-Welle: Riskiert die Politik einen Winter mit vollen Intensivstationen?

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Eine Frau läuft über Corona-Hinweise in der Kölner Innenstadt.
Eine Frau läuft über Corona-Hinweise in der Kölner Innenstadt.

In anderen Länder werden Booster-Impfungen gegen Corona flächendeckend angeboten, in Israel sind sie sogar nahezu unverzichtbar, um am öffentlichen Leben teilzunehmen. Auch wenn in Deutschland jeder über zwölf Jahren den Anspruch auf eine Auffrischungsimpfung hätte, tut die Politik sich schwer damit, der breiten Bevölkerung Angebote hierzu zu machen – nicht zuletzt, weil die Ständige Impfkommission (Stiko) auf die Bremse tritt. Zudem ist der Anteil der Ungeimpften, die sich auch weiterhin nicht impfen lassen wollen, hoch.

Aktuell ist die Corona-Lage sogar schlimmer als im vergangenen Jahr. Damals, die Bundesregierung hatte gerade einen "Lockdown light" beschlossen, der sich schließlich als unzureichend im Kampf gegen die zweite Corona-Welle erweisen sollte, lag die Corona-Inzidenz in Deutschland bei 94. Niemand war gegen das Virus geimpft, 1569 Menschen lagen an Corona erkrankt auf deutschen Intensivstation.

An diesem Donnerstag liegt die Corona-Inzidenz in Deutschland bei 130 trotz einer Impfquote von 69 Prozent. Sie ist in den vergangenen Wochen schneller angestiegen als in den Vergleichswochen des Vorjahres. Auf den Intensivstationen liegen mit 1773 Corona-Patienten nicht nur mehr Patienten als 2020. Sie sind im Durchschnitt auch noch jünger als im vergangenen Jahr.

Kurzum, Deutschland rast in eine vierte Corona-Welle. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnt vor einer "kritischen Situation der Pandemie", den Intensivstationen droht eine Überlastung. Der Vorsitzende des Weltärzteverbandes, Frank Ulrich Montgomery, ruft deshalb in der "Augsburger Allgemeinen" auf: "Wir müssen alles in unserer Macht Stehende versuchen, um die Impfraten zu erhöhen." Ein fast unmögliches Unterfangen, denn eine vom Meinungsforschungsinstitut Forsa unter Ungeimpften durchgeführte Umfrage zeigt, dass sich zwei Drittel von ihnen "auf keinen Fall" und ein weiteres Viertel "eher nicht" impfen lassen wollen.

Und dann ist da die Diskussion über Booster-Impfungen.

Viele Länder setzen auf flächendeckende Booster-Impfungen – Deutschland nicht

Im August empfahl der Charité-Virologe Christian Drosten, älteren Menschen und Risikopatienten eine Booster-Impfung. Eine flächendeckende Booster-Impfung ist in Deutschland jedoch umstritten. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die Auffrischimpfungen zurzeit nur Menschen über 70, Menschen mit Vorerkrankungen, medizinischem und Pflege-Personal sowie Personen, die mit dem gegen die aktuelle Delta-Variante des Coronavirus schlechter wirksamen Impfstoff von Johnson & Johnson geimpft wurden. Nach Informationen von Business Insider will die Stiko ihre Empfehlungen trotz der ansteigenden Infektionszahlen nicht einmal auf Menschen über 60 ausweiten – von einer flächendeckenden Empfehlung ganz zu schweigen.

Andere Länder haben diese längst eingeführt. Dänemark etwa macht all seinen Bürgerinnen und Bürgern ein Angebot zur Drittimpfung. Sowie Frankreich, Ungarn und seit Donnerstag auch Japan. In Israel ist die Booster-Impfung mehr als nur ein Angebot: Nur wer sich eine Auffrischimpfung abholt oder in den vergangenen sechs Monaten zweitgeimpft wurde, bekommt den sogenannten "Green Pass", der den Zugang zu Universitäten, Sportstätten, Restaurants, Bars und sonstigen öffentlichen Einrichtungen ermöglicht. Israel ist es durch flächendeckende Booster-Impfungen mittlerweile gelungen, eine sich im September auftürmende neue Corona-Welle zu brechen.

Mit Blick auf Israel fordert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach deshalb auch in Deutschland flächendeckende Booster-Impfungen. Am Donnerstag zitierte Lauterbach auf Twitter eine aktuelle Studie israelischer Epidemiologen und Virologen, die zeigt, dass die Wirkung des auch in Deutschland am häufigsten verimpften Corona-Impfstoffes des Herstellers Biontech gegen die aktuell grassierende Delta-Variante nach sechs Monaten stark nachlässt. "Ideal wäre es, eine schnelle gut organisierte Booster-Impfung zu haben", fordert Lauterbach. "In den Praxen ist dies unorganisiert. Es gibt keine Kampagne. Die Menschen werden nicht angeschrieben."

Tempo der Booster-Impfungen in Deutschland verläuft schleppend

Tatsächlich ist die Zahl der Auffrischimpfungen gegen das Coronavirus in Deutschland bisher gering. Laut Angeben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind bisher nur 2,2 Prozent der Gesamtbevölkerung dreifach gegen das Coronavirus geimpft. Zum Vergleich: Allein 17 Prozent der Bevölkerung sind 67 Jahre oder älter – für den größten Teil dieser Menschen wäre also eine Booster-Impfung dringend geboten, Millionen von ihnen haben sie jedoch noch nicht erhalten.

Eine Umfrage unter den Bundesländern durch Business Insider gibt Hinweise darauf, welche Gründe es für die geringe Quote an Auffrischungsimpfungen geben könnte. Denn eine zentrale Impfkampagne zu Booster-Impfungen durch die Bundesländer gibt es nicht. Angebote und Terminvergaben zur Auffrischimpfung erfolgen dezentral durch Gesundheitsämter, Landkreise oder Ärzte. Die Impfzentren in den Bundesländern wurden im September geschlossen, "die Hauptverantwortung für den Fortgang der Impfkampagne haben die niedergelassenen Ärzte", heißt es aus dem Gesundheitsministerium in Niedersachsen. Landesweite Bemühungen, für Auffrischungsimpfungen zu werben, gibt es jenseits von Aufrufen der Gesundheitsminister nur wenige. Das Gesundheitsministerium in Nordrhein-Westfalen etwa verweist auf einen Rundbrief an alle Über-70-Jährigen im Bundesland.

Entsprechend niedrig fallen die Zahlen der bisherigen Booster-Impfungen in den einzelnen Bundesländern aus. In Hessen, wo 1,2 Millionen Menschen über 65 Jahre alt sind, wurden Stand Montag nur 114.000 ein drittes Mal gegen Corona geimpft. In Bayern, wo 2,72 Millionen Menschen über 65 Jahren leben, waren bis vergangenen Mittwoch knapp 244.000 Booster-Impfungen durchgeführt worden. In Sachsen – knapp 1,1 Millionen Menschen im Rentenalter – wurden Stand Dienstag nur knapp über 40.000 Auffrischungsimpfungen verabreicht.

Über alle Bundesländer hinweg zeigt sich das gleiche Bild: Viele vor allem alte Menschen, die an sich von der Booster-Impfung stark profitieren würden, haben bisher keine bekommen. Doch auf die Frage, ob die Gesundheitsministerien Probleme bei der Impfkampagne für Booster-Impfungen sehen, erhält Business Insider immer wieder die gleiche, mal mehr mal weniger ausgeschmückte Antwort: "Nein."

Das größte Problem bleiben die Ungeimpften

Angesichts der geringen Zahl der seit September möglichen Booster-Impfungen in Deutschland ist aber genau das festzuhalten: Bei den aufgrund der rasant steigenden Corona-Inzidenz nötigen Drittimpfungen gibt es ein Problem. Zu wenige Menschen, deren Impfschutz laut Stiko aufgefrischt werden müsste, werden nachgeimpft. Und auch die Tatsache, dass rein rechtlich gesehen alle Menschen ab zwölf Jahren in Deutschland ihre Impfung auffrischen dürften, es aber kaum jemand tut, gibt Anlass zur Sorge.

Denn die mangelnden Auffrischungen sind vor allem deshalb gefährlich, weil eine große Minderheit in Deutschland sich gar nicht impfen lassen will: Eine aktuelle Forsa-Umfrage unter Ungeimpften zeigt, dass zwei Drittel sich auch in Zukunft "auf keinen Fall", ein Viertel sich "eher nicht" gegen Corona impfen lassen will.

Stand Mittwoch vergangener Woche lag die Corona-Inzidenz bei Ungeimpften laut dem RKI bei fast 255 – also nahezu doppelt so hoch, wie die Gesamtinzidenz in der aktuellen Woche. Ungeimpfte stecken sich also häufiger mit dem Coronavirus an. Sie erkranken laut Angaben des RKI auch öfter schwer, müssen öfter ins Krankenhaus, müssen öfter beatmet werden, sterben öfter an Corona als Geimpfte. Und: Sie stecken andere Menschen häufiger mit dem Virus an als Geimpfte. Menschen, deren Impfschutz in den vergangenen Monaten nachgelassen hat, die eine Auffrischung brauchen – und diese noch nicht bekommen haben.

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