Deutsche Märkte geschlossen

Warum die Kapitalmärkte nur kurz aufgeatmet haben

Der Erholungsversuch am deutschen Aktienmarkt ist gescheitert. Analysten erwarten, dass die Schwankungen weiter hoch bleiben. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Die Hoffnung währte nur kurz. Nach dem dramatischen Ausverkauf am Montag haben sich die Aktienmärkte am Dienstag zunächst stabilisiert, doch dann scheiterte der Erholungsversuch. Der deutsche Leitindex Dax stieg am Dienstag um bis zu 3,8 Prozent, drehte dann aber mit den US-Börsen ins Minus und verlor bis Handelsende 1,4 Prozent.

In New York haben die US-Börsen den Dienstag mit kräftigen Aufschlägen begonnen, kippten dann aber und rutschten ins Minus. Immerhin berappelten sich Dow, Nasdaq und S & P 500 bis zum Handelsschluss stimuliert vom angekündigten Hilfspaket des US-Präsidenten noch einmal und schlossen schließlich bis zu fünf Prozent im Plus.

Allerdings: Am Tag zuvor waren die Aktienbörsen so stark gefallen wie zuletzt in der Finanzkrise. Der Dax hatte knapp acht Prozent eingebüßt, an der Wall Street gingen die wichtigen Indizes mit jeweils mehr als sieben Prozent aus dem Handel. Zur Panik über die Folgen des sich auch in Europa immer stärker ausbreitenden Coronavirus hatte sich der Einbruch der Ölpreise gesellt.

Auch der Volatilitätsindex VDax, das Nervenbarometer der Börse, hat sich nach dem größten Sprung seiner Geschichte am Montag wieder beruhigt. Nach einem Anstieg um fast 57 Prozent auf 62,67 Punkte rutschte der Index am Dienstag wieder um 17 Prozentpunkte auf rund 45 Punkte ab.

Diese Marke zum Wochenstart war lediglich während der Finanzkrise 2008 mit 85,12 überboten worden. Je größer diese Ziffer, desto höhere Kursschwankungen erwarten die Anlageprofis in den kommenden Tagen und Wochen. Sie wird berechnet aus den an der Frankfurter Terminbörse gehandelten Optionen.

Kursbewegungen werden verstärkt

Zusätzlich zur Angst der Anleger verstärken Strukturen im Investorenverhalten und im Börsenhandel die Volatilität. Immer mehr Großinvestoren legen ihr Kapital regelbasiert oder auch computergesteuert an. Werden bestimmte Kursniveaus erreicht, kaufen sie automatisch Aktien oder werfen diese auf den Markt.

Auch Manager passiver Fonds wie der börsengehandelten ETFs kaufen Wertpapiere, wenn Anleger ihnen Kapital anvertrauen, und verkaufen, wenn Investoren ihre Fondsanteile loswerden wollen. Beides „verstärkt deutlich die Prozyklik und Kursausschläge am Markt“, sagt Rüdiger Sälzle, Chef des Fondsberaters Fonds Consult. In die gleiche Richtung wirkt, dass es quasi keinen Eigenhandel der Banken mehr gibt, der auch Kursausschläge glättete.

Für Strategen wie die der Deutschen Bank ist ohnehin „nicht ganz klar“, was der Auslöser für den Erholungsversuch der Märkte ist. Am ehesten sei es die Hoffnung auf Donald Trump. Der US-Präsident hat „umfangreiche“ wirtschaftliche Maßnahmen angekündigt, inklusive Lohnsteuersenkungen und erheblicher Entlastungen für Stundenlohnempfänger und Unternehmen.

An den Anleihemärkten zeigten Trumps Worte ebenfalls Wirkung. Investoren verkauften zum Teil ihre als ausfallsicher geltenden Staatsbonds. Entsprechend stiegen die sich gegenläufig zu den Kursen entwickelnden Renditen wieder deutlich.

Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe stieg von ihrem historischen Tief am Montag von 0,3 Prozent auf über 0,6 Prozent am Dienstag. Ein solcher Renditeanstieg in so kurzer Zeit ist außergewöhnlich. Die Rendite der für die Euro-Zone maßgeblichen zehnjährigen deutschen Bundesanleihe kletterte ebenfalls beachtlich – von ihrem historischen Tief bei minus 0,9 Prozent am Montag auf zuletzt minus 0,8 Prozent.

Zu viel Hoffnung auf Trump

Analysten trauen der Stabilisierung der Anlegerstimmung aber nicht. Nach Trumps Ankündigungen sei das „Potenzial für Enttäuschungen groß“, meint Michael Leister, Leiter der Zinsstrategie bei der Commerzbank.

Dabei spielt eine Rolle, dass sich die Coronakrise auch global zu einer ökonomischen Herausforderung entwickelt. Eine konzertierte politische Aktion ist aber bislang nicht in Sicht. Das ist für Michael Strobaek, Chefanlagestratege der Credit Suisse, der Hauptgrund dafür, dass auch in den kommenden Wochen mit einer „sehr großen Volatilität“ an den Märkten zu rechnen ist.