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Kapitalismus 2.0: Damit die Welt überlebt, müssen Regeln gebrochen werden, sagen diese Studierenden

Judith Schallenberg-Kappius
·Lesedauer: 5 Min.

Die Welt steht Kopf. Während sich die Klimakrise verschärft und die Corona-Pandemie Menschen das Leben kostet und weitere Sicherheiten nimmt, steigt die globale Ungleichheit Tag für Tag. Arme werden ärmer, Reiche noch reicher. Managergehälter erreichen Rekordwerte. Obwohl Wohlstand andernorts der Faktor ist, der Bildung ermöglicht und die Geburtenraten senkt – ab einem gewissen Maß ist Geld offenbar eher Nachteil als Vorteil. Es fördert Einzelinteressen.

Eine gute Zeit also für die Umsetzung großer Ideen – um Wirtschaft neu zu denken, sie grüner, besser, gerechter zu machen. Ein Thema, das auch künftigen Führungskräften begegnen wird. Sie finden sich etwa an Business Schools, wo sie einen Master of Business Administration (MBA) machen. Der Abschluss vermittelt Managementwissen und gilt als Garant für den Aufstieg in Führungsetagen.

An der IESE Business School in Barcelona und der Shizenkan University in Tokyo nahmen jetzt 81 Studierende am MBA-Kurs „Future of Capitalism“ teil. Kann Wirtschaft die Welt zu einem besseren Ort machen? Entlang dieser Frage sollten die Studierenden Ideen entwerfen. Das Konzept entwickelten Franz Heukamp, Dekan der IESE Business School, und Tomo Nado, Präsident der Shizenkan University. Der dreimonatige Kurs führte Studierende aus 22 Nationen von Januar bis April 2021 virtuell rund um die Welt – in den Dialog mit Menschen, die täglich in ganz unterschiedlicher Weise mit den Folgen des Kapitalismus in Berührung kommen.

Wie machen wir die (Wirtschaft-)Welt zu einem besseren Ort?

Die Studierenden sprachen dazu mit Führungskräften in Unternehmen, mit Beschäftigten in der Politik und in den Medien wie BBC und New York Times, die für den demokratischen Diskurs eine große Rolle spielen. Sie tauschten sich aber auch auch mit Aktivistinnen und Aktivisten in Organisationen wie Greenpeace aus – und mit jungen Menschen, die der westliche Kapitalismus ausgebeutet hat: Kinder ohne Obdach in Bangladesch und Kinder, die als Soldatinnen und Soldaten in Uganda eingesetzt wurden.

In Teams entwarfen sie Lösungen, mit denen Führungskräfte durch konkrete Ansätze Unternehmen zukunftsfähig machen können. Eine ihrer Ideen: die Neubewertung von Geld als Triebkraft. „Ein Schlüsselproblem der heutigen Wirtschaft ist, dass Geld-Schöpfung mehr zählt als Wertschöpfung“, so ihr Fazit. Die aufgeladene Bedeutung des Geldes überlagere Werte, die ein gutes Wirtschaften befördern sollten: Innovation, Sinn (Purpose), Gemeinschaft und Engagement für die Umwelt. Erfolgsfaktoren, die auf Dauer den reinen Cash Flow übersteigen.

Um diese Werte zu schärfen und sich für sie einzusetzen, könnten zum Beispiel Umweltveränderungen global einheitlich bewertet werden. Die Kosten, die es dann bräuchte, um etwa Gletscher oder Regenwald zu schützen, müssten Eingang in Wirtschaftsmodelle und Unternehmenskonzepte finden. So blieben sie immer auf dem Schirm und könnten nicht einfach ausgeblendet werden.

Auch politische Reformen haben nach Ansicht der Studierenden das Potenzial, die Bedeutung solcher Strukturen in der Wirtschaft zu unterstützen. Nachhaltigkeits-Fortschritte könnten etwa an internationale Abkommen gekoppelt werden -– unter der Beteiligung Chinas als aktivem Partner.

Wohl der Gemeinschaft über Gewinnmaximierung

Die Gesellschaft hat aus ihrer Sicht nur eine Chance auf Zukunft: Wenn es Führungskräften eher um das Wohl der Gemeinschaft als um kurzfristige Gewinnmaximierung geht. Nötig ist also ein Ausgleich zwischen Stakeholdern und Shareholdern.

„Etwas von der Macht großer Organisationen wird in Zukunft zurück in die Hände der Gesellschaft wandern, Medien werden ein Stück weit von den Bürgern mitgelenkt, Jobs autonomer organisiert und definiert werden“, so die Studierenden. An die Stelle einzelner Leader träten Gemeinschaften, die das Handeln lenken.

Parallel dazu müssten Menschen noch mehr und gleichwertiger Zugang zu Informationen erhalten. Nur das bringe den notwendigen Druck auf die Politik, der Fairness und Gemeinschaftsziele befördert. Oder, um wie die Studierenden mit den Worten des US-Autors Chuck Palahniuk („Fight Club“) zu sprechen: „Wir alle werden sterben. Das Ziel ist nicht, für immer zu leben, aber etwas zu schaffen, das das Zeug dazu hat.“

Mehr Gleichheit in den Regierungen, weniger Macht in den Händen einzelner Großunternehmen und nachhaltigere Geschäfts- und Vergütungsmodelle: Das sei die Zukunft.

Gesucht: Leader, die selbst Pioniere im Umgang mit Veränderungen sind

Noch aber stünden die Realitäten in den Unternehmen dem Fortschritt im Weg, räumten die Studierenden ein: „Zum Beispiel durch das Ungleichgewicht zwischen hoch entwickelten und kaum entwickelten Ländern, die noch zu geringe Verbreitung von grüner Energie und die hohen finanziellen Investitionen, nicht zuletzt außerdem eine Politik, in der Lobbyismus viel und Mitgefühl wenig zähle“.

Um diese Probleme anzugehen, könnten internationale Agenturen eingesetzt werden, die einzelne Länder zur Zusammenarbeit motivieren. Sie betonten die Bedeutung von Medien für die Verbreitung demokratischer Werte: Wenn Menschen durch sie zu gemeinsamen Themen wie politischen Werten miteinander ins Gespräch kommen, trage das dazu bei, Polarisierung zu vermeiden. Ebenso wichtig: Bildungsinstitutionen, die die Wirtschaft stärker in den Fokus rücken und zum Beispiel immer wieder aufzeigen, wie sie funktioniert.

Die gängigen Gehalts- und Anreizsysteme für Führungskräfte würden die Studierenden verändern: Nur ganzheitliche Leistungsanreize wären für Führungskräfte ein Weg, sich für langfristig nachhaltige Ziele einzusetzen. Erfolgsfaktoren wie Leistungskennzahlen (KPIs) könnten durch das Erreichen von Gemeinschaftszielen anstelle von finanziellen Anreizen positiv besetzt werden. Gängige Regeln im Wirtschaftsgefüge so zu brechen, setze gute Führung voraus: Leader, die etwa ein inklusives und diverses Umfeld schaffen und selbst Pioniere im Umgang mit Veränderungen sind.

Ihre Aufgabe sei es in Zukunft, Beschäftigte zu inspirieren und über positive Botschaften zu motivieren. Ein zentrales Ziel dabei sei Kollaboration – in Unternehmen selbst, aber auch mit politischen Entscheiderinnen und Entscheidern und Organisationen. So etwas könne sich auch messen lassen.

Studierende an der IESE Business School.
Studierende an der IESE Business School.