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Kampf um Corona-Impfstoff: Deutschland schmiedet Anti-Trump-Allianz

Der US-Präsident will den ersten Zugriff auf Corona-Impfstoffe. Auf eine deutsche Initiative hin schließen sich vier EU-Staaten nun zu einem Gegenbündnis zusammen.

US-Präsident Trump hat die Suche nach einem Impfstoff mit der Entwicklung der Atombombe im Zweiten Weltkrieg verglichen. Foto: dpa

Donald Trump folgt gleichfalls in der Corona-Pandemie seiner außenpolitischen Leitschnur:  America First. Bei der Suche nach einem Impfstoff setzt der US-Präsident nicht auf internationale Zusammenarbeit, sondern auf das erste Zugriffsrecht. Trumps Regierung investiert Milliarden in die Forschung von Pharmakonzernen – im Gegenzug sollen Impfdosen zunächst an die Vereinigten Staaten gehen.

In Berlin hat man offenbar jede Hoffnung aufgegeben, die traditionellen Partner in Washington doch noch von einem gemeinsamen Vorgehen zu überzeugen. Nach Informationen des Handelsblatts haben sich vier Mitgliedsländer der Europäischen Union (EU) auf Initiative der Bundesregierung zu einer Impfstoff-Allianz zusammengeschlossen, die bereits mit mehreren Pharmaunternehmen über staatliche Forschungsgelder und Abnahmegarantien spricht. Deutschland, Frankreich, Italien und die Niederlande fordern eine faire Verteilung von Impfstoffen in der Welt – vor allem aber wollen sie verhindern, dass Europa im geopolitischen Wettrennen um Corona-Impfungen gegen die USA und China verliert.

Der Zugriff auf Impfstoffe gegen das Coronavirus sei „eine der drängendsten Fragen, die die Europäische Union gegenwärtig anzugehen hat“, schreiben Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und seine Kollegen aus den drei anderen Ländern an EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Daher habe sich eine „Kerngruppe von Mitgliedstaaten“ zusammengeschlossen, um „das schnellste und bestmöglichste Ergebnis in den Verhandlungen mit Schlüsselakteuren der Pharmaindustrie zu erreichen“.

Zu der Vierergruppe gehören die drei bevölkerungsreichsten EU-Staaten: In Deutschland, Frankreich und Italien leben zusammen mehr als 200 Millionen Menschen. Aus Regierungskreisen in Berlin verlautete, auf der Nachfrageseite müsse eine „Marktmacht“ aufgebaut werden, um im Ringen um Impfstoffe bestehen zu können.

Zwar möchte man in der Bundesregierung die Allianz nicht als Angriff auf Trump verstanden wissen. Allerdings, so formuliert es ein Ministeriumsvertreter, hätten Deutschland und Europa bei „realistischer Einschätzung“ der Lage keine andere Wahl.

Die Allianz ist bereits in Kontakt mit Pharmaunternehmen

Aus dem Bundestag kommen weniger diplomatische Äußerungen. Der CDU-Arzneimittelexperte Michael Hennrich sagte dem Handelsblatt: „Die amerikanische Vorgehensweise sollten wir uns nicht zum Vorbild nehmen.“ Es sei „richtig und notwendig“, dass Deutschland sich gemeinsam mit seinen Partnern für eine faire Verteilung von Impfstoffen einsetze und „die Fahne des Multilateralismus“ hochhalte.

In dem Schreiben von Spahn und seinen Ministerkollegen an die Kommission steht, dass die Allianz schon mit mehreren Pharmaunternehmen im Kontakt sei, die an Impfstoffen forschen. Nach Informationen des Handelsblatts gehört dazu auch der britische Konzern Astra-Zeneca, der an einem besonders vielversprechenden Impfstoffkandidaten arbeitet.

Die USA haben sich bereits mit 1,2 Milliarden Dollar an den Aktivitäten von Astra-Zeneca beteiligt und dafür die Zusage für mindestens 300 Millionen Impfstoffdosen erhalten. Insgesamt will Trumps Regierung zehn Milliarden Dollar in medizinische Forschungsvorhaben zum Coronavirus investieren.

Dabei will sich das Weiße Haus nun auf fünf Entwicklungsprojekte konzentrieren, wie am Donnerstag bekannt wurde. Neben Astra-Zeneca werden diese mehrheitlich von US-Pharmaunternehmen getragen. Es handelt sich um die Biotechfirma Moderna, deren Impfstoff-Kandidat sich bereits in der klinischen Testphase befindet. Dazu kommen die Projekte von Johnson & Johnson, Merck & Co. sowie Pfizer und dessen Kooperation mit der deutschen Biontech.

Europa spürt das ruppige Vorgehen der Amerikaner: Im März empörten sich Mitglieder der Bundesregierung über einen angeblichen Versuch, die Tübinger Impfstoff-Firma CureVac in die USA zu locken. Das Unternehmen dementierte, dass ein solches Angebot vorgelegen habe. Vergangenen Monat irritierte Sanofi-Chef Paul Hudson mit der Aussage, die USA hätten wegen früher Unterstützung des französischen Konzerns bei der Corona-Forschung Vorrang.

Trump hat die Suche nach einem Impfstoff mit der Entwicklung der Atombombe im Zweiten Weltkrieg verglichen. Den Namen seines Programms hat er aus der Science-Fiction-Literatur entnommen: Operation „Warp Speed“. Gemeint ist die Vorstellung, durch das Krümmen der Raumzeit mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit in ferne Galaxien reisen zu können.

Bundesregierung bleibt China gegenüber skeptisch

Für Trump kann es jedenfalls nicht schnell genug gehen, er hofft auf die ersten Dosen im Oktober, kurz vor der Präsidentschaftswahl. Internationale Kooperation scheint da nur hinderlich. An der von der EU-Kommission organisierten Geberkonferenz Anfang Mai, bei der mehr als sieben Milliarden Euro für Impfstoffe und Therapien gegen das Coronavirus eingesammelt wurden, beteiligten sich die USA nicht.

Aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich Washington verabschiedet. Chinas Staatschef Xi Jinping sagte dagegen bei der WHO-Jahrestagung Mitte Mai, sein Land werde Impfstoffe als „öffentliches Gut“ weltweit verfügbar machen. Doch in der Bundesregierung stößt das Versprechen auf Skepsis, nicht zuletzt wegen der Rolle Pekings in der Pandemie. Chinesische Behörden hatten versucht, das Virus nach dem Ausbruch in der Millionenstadt Wuhan zunächst zu vertuschen.

Die Allianz von Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden gibt als Ziel aus, eine „ausreichende Versorgung für die EU und darüber hinaus“ mit Impfstoffen sicherzustellen. Nach Möglichkeit sollen die Präparate in der EU hergestellt werden. Ein „faires und transparentes Verfahren“ solle die Verteilung in den Mitgliedstaaten regeln, heißt es in dem Schreiben der Minister an die Kommission.

Dabei geht es auch um den Einsatz eines 2,4 Milliarden Euro schweren Notfallfonds, mit dem Corona-Impfstoffe gekauft werden könnten. Der Fonds soll verwendet werden, um die Impfstoff-Produktionskapazitäten in Europa zu erweitern und den Pharmaunternehmen eine Haftpflichtversicherung anzubieten, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters.

Nach Angaben aus Regierungskreisen in Berlin geht die Allianz maßgeblich auf die Bemühungen von Bundesgesundheitsminister Spahn zurück. Allerdings war die Impfstoff-Problematik auch in anderen europäischen Hauptstädten präsent.

Dem Handelsblatt liegt ein Diskussionsanstoß für eine „europäische Strategie für die Entwicklung, Herstellung und beschleunigte Zulassung von Impfstoffkandidaten gegen das Coronavirus Sars-CoV-2“ vor, den der Élysée-Palast Anfang Mai an das Kanzleramt und die britische Regierung schickte. Die französische Regierung schlägt darin einen gemeinsamen Plan von Frankreich, Deutschland und Großbritannien vor, um „fünf bis zehn“ aussichtsreiche Projekte von Pharmaunternehmen bis zur Marktreife zu fördern.

Die Urheberschaft dürfte am Ende zweitrangig sein: In Europa setzt sich das Bewusstsein durch, im Kampf um die Impfstoffe und beim Anspruch einer fairen Verteilung weltweit nur gemeinsam erfolgreich sein zu können. In dem Ministerschreiben an die EU-Kommission heißt es, dass alle anderen Mitgliedstaaten eingeladen seien, sich der Kerngruppe anzuschließen. Die Initiative richtet sich auch über die Grenzen der EU hinaus: Aus der Regierung eines beteiligten Landes hieß es, dass die vier „Gründungspartner“ bereits mit Großbritannien, Norwegen, Singapur und Japan über eine mögliche Zusammenarbeit reden würden.

In vielen Ländern wird befürchtet, dass das Thema Impfstoffe mehr und mehr in den Handelskonflikt zwischen den USA und Europa sowie China gerät. Das könnte die Entwicklung trotz aller finanziellen Zuwendungen bremsen. Denn die Suche nach einem Wirkstoff ist bei den beteiligten Pharmafirmen international vernetzt.

Das zeigt sich vor allem bei der Kooperation von Pfizer und dem deutschen Biotechunternehmen Biontech. Der von den Deutschen entdeckte Impfstoff befindet sich seit Ende April ebenfalls bereits in klinischen Tests. Bei der Weiterentwicklung arbeitet Biontech einerseits mit Pfizer in den USA zusammen, anderseits mit der chinesischen Fosun Pharma. Ziel ist es, möglichst große Patientengruppen testen zu können und möglichst hohe Laborkapazitäten zur Verfügung zu haben.