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Mit Kameras gegen Corona: Deutsche Bahn will Passagierströme bewusster lenken

Mit Videodaten aus Zügen will die Deutsche Bahn ihre Passagiere besser verteilen. Damit soll das Risiko einer Corona-Infektion gesenkt werden.

Menschenansammlungen will die Deutsche Bahn in Zeiten von Corona unbedingt vermeiden. Foto: dpa

An diesem Montag kommt der Überwachungskamera in einer S-Bahn in Stuttgart eine neue Bedeutung zu: Die Deutsche Bahn startet ein Pilotprojekt, vom dem sich der Konzern erhofft, den Fahrgaststrom in Echtzeit automatisiert auswerten zu können.

Dazu werden die Daten aus den bereits installierten Kameras genutzt, auf die bisher der Konzern und die Bundespolizei Zugriff hat. Die Videodaten sollen noch im Zug anonymisiert werden. Anschließend sollen die Metadaten an die Bahn zur Analyse versendet werden.

Ziel ist, die Menschen direkt dorthin zu leiten, wo mehr Platz ist: Die „intelligente Leitung von Personenströmen und die Optimierung von Zugkapazitäten könne maßgeblich zur Einhaltung und Kontrolle von Corona-Abstandsvorgaben im öffentlichen Raum beitragen“, heißt es in der Ankündigung.

Dazu arbeitet die DB Regio mit dem Start-up Brighter AI zusammen, deren Software die Daten der Videoüberwachung in den Zügen anonymisiert, sodass sie im Einklang mit der Datenschutz-Grundverordnung verarbeitet werden können, wie die Projektpartner betonen. Brighter AI hat 2019 den zweiten Platz beim Digitalpreis The Spark von Handelsblatt und McKinsey gewonnen.

„Wir versuchen herauszufinden, ob wir die vorhandene Technik nutzen können und dadurch einen Mehrwert für unsere Fahrgäste schaffen können“, erklärte Dirk Rothenstein, Chef der S-Bahn Stuttgart. Er möchte in Zukunft mehr Kapazität anbieten: „Wir haben neue Fahrzeuge bestellt, damit wir in der Hauptverkehrszeit alle Züge mit maximal möglicher Länge fahren können. Das ist aber voraussichtlich erst ab 2022 der Fall. Daher wäre es gut, wenn wir schon früher eine Möglichkeit finden könnten, die Passagiere besser zu verteilen.“

Sollte das Pilotprojekt, dessen erste Phase in einem Zug ohne „echte“ Passagiere startet und dann ab Mitte Mai im regulären Betrieb fortgesetzt wird, erfolgreich sein, könnte die Technologie flächendeckend und langfristig eingesetzt werden. „Wir sind bei der DB im engen Austausch mit der Zentrale und auch mit anderen Regionen“, sagt Rothenstein.

Daten werden anonymisiert

Die Investition wäre dabei wahrscheinlich verhältnismäßig gering. „Wir nutzen die Kameras, die ohnehin schon im Zug installiert sind“, betont Marian Gläser, CEO von Brighter AI. „Die Gesichter werden durch eine Künstliche Intelligenz geschützt, die sie vollständig anonymisiert. Erst dann leitet die Software die Daten weiter“, erklärt er.

Gläser kennt die Sorgen der Datenschützer: „Wir überprüfen auch, ob die Metadaten auf eine spezielle Person zurückführbar sind.“ Zum Beispiel wenn der Zug im Betriebsbahnhof stehe und ein Mitarbeiter zu einer bestimmten Uhrzeit ihn alleine reinige. Das sei sehr wichtig für den Datenschutz.

„Das ist ein unglaublich sensibles Thema, das ist uns sehr bewusst, und es gibt auch zu Recht kritische Stimmen“, sagt der Co-Gründer. „Genau deswegen gibt es uns ja. Uns geht es darum zu verhindern, dass solche Überwachungstechnologien ohne Schutz eingebaut werden.“ Die Software von Brighter AI wird seit drei Jahren von Automobilherstellern eingesetzt und getestet.

Auch die Deutsche Bahn betont, das gesamte Projekt werde von den eigenen Datenschutzbeauftragten eng begleitet. Der Konzern fällt in die Zuständigkeit der Berliner Datenschutzbeauftragten Maja Smoltczyk. Dort ist das Pilotprojekt bisher nicht bekannt. Eine konkrete Bewertung sei daher nicht möglich, sagte Smoltczyk.

Grundsätzlich wäre aber der Einsatz von Kameratechnik „zur anonymen Zählung von Menschen“ denkbar, sagt die Behördenchefin. „Sollten dabei keine personenbezogenen Daten verarbeitet werden, gäbe es aus datenschutzrechtlicher Sicht keine Bedenken.“ Sofern solche Daten erhoben und verarbeitet würden, wäre zu prüfen, ob dies durch das Bundesdatenschutzgesetz und in Verbindung mit dem Infektionsschutzgesetz gedeckt wäre.

Der baden-württembergische Datenschutzbeauftragte Stefan Brink betonte: „Ich kann der Deutschen Bahn und ihren regionalen Töchtern nur empfehlen, transparent vorzugehen.“ Wenn keine personenbezogenen Daten verarbeitet würden, sei dagegen grundsätzlich nichts einzuwenden. „Das sollte aber vorher öffentlich erklärt werden, um mögliche Beschwerden, die dann bei uns auflaufen, zu vermeiden.“

Thorsten Strufe, Professor für Praktische IT-Sicherheit am KIT, sieht das Projekt kritisch. Er fragt sich, ob der Einsatz der Technik überhaupt angemessen ist. Wenn es darum ginge, die Fahrgastdichte oder Abstand zwischen den Fahrgästen zu erheben, wäre es vollkommen ausreichend, die Kontrolleure diese Information erheben zu lassen, dafür müssen keine Videodaten ausgewertet werden.