Deutsche Märkte öffnen in 5 Stunden 16 Minuten

Weshalb die Kamera in Video-Meetings unbedingt angeschaltet gehört

·Lesedauer: 5 Min.

Konferenzen via Zoom oder Teams verkommen zunehmend zu gesichtslosen Zusammenkünften. Das muss sich dringend ändern, findet unsere Autorin.

Auch das bayerische Kabinett tagt derzeit gerne per Videokonferenz (Bild: Matthias Balk/dpa Pool)
Auch das bayerische Kabinett tagt derzeit gerne per Videokonferenz (Bild: Matthias Balk/dpa Pool)

Mal ehrlich, wie häufig schalten Sie in Videomeetings die Kamera an? Nach Gefühl? Nach Gesprächspartner? Nie? Nun: Es scheint an der Zeit, noch einmal über Sinn und Unsinn von Videokonferenzen zu sprechen.

Denn bestimmt ist es Ihnen auch aufgefallen: Haben sich zu Beginn der Pandemie noch mehr Leute mit Bild und Ton in Diskussionen eingebracht, scheint mittlerweile eine Zoom-Fatigue um sich zu greifen – die gibt es übrigens wirklich. Motto: „Lieber nicht auffallen, dann ist es schnell vorbei und ich kann mich meiner eigentlichen Arbeit widmen.“

Die Folge: Die Funktion, die Videokonferenzen eigentlich haben, wird ad absurdum geführt – denn sie sollen virtuell Nähe schaffen, wo echte Nähe gerade schwierig ist. Und so verschwindet peu à peu auch ein Stückchen Mitmenschlichkeit, wenn es im Corona-Arbeitsalltag immer mehr Usus wird, bei Videocalls die Kamera auszuschalten.

Mehr noch: Was schon bei internen Besprechungen zur Normalität wird, überträgt sich auch schnell auf den Kontakt nach außen mit wichtigen Gesprächspartnern und Kunden. Wer so seine Businesspartner mit einem zu geringen Grad an Interaktion irritiert, bekommt dann womöglich den entscheidenden Folgeauftrag nicht zugesprochen oder geht an anderer Stelle leer aus.

So kann ein ungeschicktes virtuelles Kommunikationsverhalten ein Unternehmen real Geld kosten.

Die US-Personalmanagerin Lauren Griffiths hat deshalb kürzlich auf LinkedIn den Aufruf gestartet, die Kamera doch bitte immer bei Videobesprechungen anzuschalten. Und man kann nur sagen: Recht hat sie!

Griffiths war vor einigen Wochen auf der Karriereplattform zur Kurzzeitberühmtheit avanciert, weil sie ihr professionelles Profilbild gegen ein Alltagsfoto aus dem Homeoffice getauscht hat. Jetzt macht sie sich dafür stark, dass die Leute auch beim Thema Videocall mehr Authentizität zeigen. Sie fürchtet, dass Menschen sonst langsam vereinsamen und sich missverstehen, wenn sie sich nicht sehen.

Es stimmt: Eine Vielzahl von Studien belegt, dass etwa die Hälfte unserer Kommunikation nonverbal ist. Klar gehört auch die Stimmlage dazu, aber warum sollte man die anderen Faktoren wie Blickkontakt, Mimik und Gestik einfach per Klick ausblenden? Schließlich heißen Videokonferenzen doch Videokonferenzen, damit man sich sieht.

Sie verstehen, worauf es hinausläuft: Kamera-Muffel müssen ihre Art zu kommunizieren verändern und erweitern. Dafür muss die Muffel-Fraktion aus meiner Sicht genau vier Dinge tun:

Erstens: Blickkontakt zulassen

Ja, zugegeben: In Videocalls per Blickkontakt zu interagieren fühlt sich erst mal unnatürlich an und kostet Überwindung. Doch es hat Vorteile: Wenn jemand etwas vorträgt, lässt sich am Blick erkennen, wie ernst es jemand meint. Das ist eine unglaubliche Kommunikationsabkürzung, frei nach Nietzsche: „Der Mensch kann mit dem Mund so viel lügen, wie er will – mit dem Gesicht, das er macht, sagt er stets die Wahrheit.“

Auch lässt sich an einem zustimmenden oder ablehnenden Blick erkennen, wie andere auf Vorschläge reagieren. Und: Mit Blicken lässt sich spielen. Mächtige Manager wissen das, wenn sie durch eine tiefer gestellte Kameraposition wirkungsvoll ihre Position unterstreichen wollen.

Aber Vorsicht: Spürt der Gesprächspartner, dass er ins Hintertreffen gerät, ist mehr Schaden als Nutzen erreicht. Schließlich geht es darum, die Gesprächspartner mit echten Augenblicken – und auf Augenhöhe – wertzuschätzen.

Zweitens: Bei der Sache bleiben

Wer nicht zu sehen ist, lässt sich leicht ablenken. Da werden nebenbei E-Mails gecheckt, chatten Konferenzteilnehmer auf anderen Kanälen über vermeintlich Wichtigeres oder werfen schnell einen Blick aufs Handy. Na, erwischt? Mit Verlaub: So ergibt ein Meeting per Video keinen Sinn!

Wichtig ist, konzentriert bei der Sache zu bleiben und eine Art konstruktive Störungskultur zu entwickeln. Dabei hilft eine angeschaltete Kamera, ganz einfach, weil man schwerer im Off abtauchen kann.

Politikberater und Blogger Martin Fuchs spricht sich in dem Zusammenhang sogar für einen neuen Videoknigge aus, weil sonst – Zitat – der demokratische Diskurs „gekillt“ würde. Das ist vielleicht etwas fatalistisch. Aber: Sich einmischen, Diskussionen anregen, Fragen stellen, das macht auch die Streitkultur in Unternehmen besser.

Drittens: Auf Netiquette achten

Auch wenn wir zu Hause womöglich mehr als gewohnt organisieren müssen – Stichwort: Eltern im Corona-Herbst –, ein bisschen präsentabel sollten wir schon aussehen. Jackett oder Blazer sind kein Zwang, und die perfekte Frisur oder Rasur müssen auch nicht sein, da hat Lauren Griffith in ihrem LinkedIn-Kommentar absolut recht.

Aber: Gepflegt rüberkommen – das ist eine Mindestanforderung des Respekts gegenüber anderen. Genauso wie anderen nicht ständig ins Wort zu fallen. Das macht schon offline und in persona jede Diskussionskultur kaputt.

Viertens: Stärker interagieren

Blick, Haltung, Handeinsatz – in Videokonferenzen spielt auch Körpersprache eine wichtige Rolle. Denn wenn Menschen miteinander kommunizieren, sind ihre „Stimmungsantennen“ ständig auf der Suche nach solchen Signalen. Gestik und Mimik geben uns ein klares Feedback, wie auch die Körperhaltung. Virtuelle Meetings können das nur bedingt liefern. Wir starren schließlich auf den Screen oder in die Kamera, statt vis-à-vis die anderen zu erleben.

Erste Hilfe könnte aber ein größerer Bildausschnitt liefern, wie Karrierecoaches empfehlen: Statt nur Mimik zu übertragen, könnte es den Experten zufolge helfen, den ganzen Oberkörper zu zeigen, um mehr Gestik zu transportieren. Das bringt ein bisschen mehr Energie und Drive.

Also: Kamera an! Lassen Sie den Blick der anderen in Ihre Stimmungslage zu, und lesen Sie, was die Mimik und Gestik der anderen Ihnen verraten. Das ist nur fair.