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"Kafka-Travel" mit Eurowings – in 29 Stunden durch die Reisehölle

Tobias Huch
Journalist und Englandkorrespondent
Eine Verspätung jagte die andere (Bild: Tobias Huch)

Unser Reporter Tobias Huch wollte am Wochenende von Wien nach London fliegen. Aus einer Angelegenheit von zwei Stunden wurden 29. Die absurde Odyssee (mit Zwischenspiel in der Schweiz) dokumentierte Huch auf Twitter. Ein Leidensbericht.

Als ich am Sonntag nachmittags, kurz vor 18 Uhr auf Twitter meinen ersten Tweet losschickte, konnte ich noch nicht ahnen, dass ich am Anfang einer beispiellosen Odyssee stand. Ich schrieb:


Es hatte unangenehme 30 Grad mit der dazu passenden hohen Luftfeuchtigkeit im Warteraum des Flughafens Wien. Die Eurowings-Maschine nach London-Stansted sollte sich um über eine Stunde verspäten. Nachdem besagte Stunde verstrichen war, wurde aus der Verspätung jedoch eine Annullierung.

In regelrechter Panik verließen die Passagiere den Wartebereich, einige beschimpften den überforderten Flughafenmitarbeiter am Gate, viele griffen sogleich zu ihren Handys. Auch ich machte mich auf den Weg zum passenden Schalter im Terminal 1, jedoch gemächlichen Schrittes. Dort erwarte mich eine endlose Schlange. Es ging zu wie beim Sommerschlussverkauf. Die Drängler und vorgerannten Passagiere hatten eindeutig die besseren Karten.


In der Warteschlange wurd schnell klar, dass es beim Fliegen im Ernstfall keine Klassenunterschiede gibt: Mein Business-Ticket erwies sich beim Anstehen als genauso wertvoll wie das unflexible Sparticket der Reisegruppe für ihre London-Woche.

Der EU ist es zu verdanken, dass bei Annullierung von Flügen mit einer Distanz unter 1500 Flugkilometern 250 Euro an Schadenersatz ausgeschüttet werden. Hinzu kommen, da eine Übernachtung notwendig wurde, Kostenübernahme für Hotel und billigste Verpflegung. Das setzt jedoch voraus, dass Servicepersonal vor Ort ist, das sich um die Passagiere kümmert und die Formalitäten regelt. Von Eurowings jedoch war zu diesem Zeitpunkt weit und breit niemand mehr zu sehen. Alle Mitarbeiter waren anscheinend schnell in den Feierabend entschwunden; hilflose Passagiere empfand man wohl als Belastung. Am Schalter versuchten folglich irgendwelche externen Dienstleister des Flughafenpersonals, der Lage Herr zu werden. So lagert Eurowings Probleme aus.


Jetzt wurde der Fall auch für meine Redaktion interessant: Was passiert eigentlich bei so einer Annullierung? Die Urlaubszeit steht schließlich bald an, da könnten Erfahrungswerte für die Leser nützlich sein.

Je näher ich dem Schalter kam, desto mehr Infos sickerten durch. Ich erfuhr, dass jedem Passagier 250 Euro zugesagt wurden und man die Passagiere nun in alle Himmelsrichtungen verteile. Schade – und ich hatte mich grade schon an meine Nachbarn in der Schlange gewöhnt!


Nach der Schlange ist vor der Schlange: Für die Hotelgutscheine und das Taxiticket brauchte es wieder einen neuen Schalter. Also wieder anstehen!


Ganz nebenbei fiel mir auf, dass wohl infolge fehlender Schulung des Bodenpersonals auch Business-Kunden mal eben so in die Economy-Klasse runtergestuft werden. Unzulässig, da man schließlich für Business bezahlt hat. Dieses Problems wollte ich mich allerdings erst später annehmen, da man am Schalter sogleich abblockte. First things first.

Das Chaos ging munter weiter: Mit dem Taxi-Voucher kam das nächste Problem. Der Taxifahrer wollte diesen nicht akzeptieren, ich solle bar zahlen. Das war mir dann auch egal: Ich würde ohnehin einen ganzen Haufen Quittungen einreichen müssen.


An dem Mann war nicht gerade ein Rennfahrer verloren gegangen. Und auch meine letzten 15 Euro wechselten den Besitzer.

Das Hotel entpuppte sich schließlich als sympathische, unscheinbare Jugendherberge ohne Klimaanlage. Die Geräuschkulisse der unmittelbar benachbarten Autobahn rundete den malerischen Gesamteindruck ab.


Ich hatte den fehlerhaften Downgrade meines Business-Tickets freilich nicht vergessen und kontaktierte vom “Hotel” aus die Eurowings-Hotline. Nach rund 20 Minuten kam ich durch. Erfrischend schnell erkannte man, dass ich nicht hätte heruntergestuft werden dürfen. Man bat mich allerdings, für Eurowings in Vorleistung zu gehen und die Preisdifferenz von knapp 650 Euro für ein paar Tage selbst zu übernehmen, da man im System die Tickets nicht umbuchen könne; nur Swiss Air und Lufthansa könnten dies. Das Geld, das wurde hoch und heilig versprochen, käme alsbald von Eurowings zurück – man vermerke das auch ausdrücklich im System.  Also wandte ich mich an die Swiss, die mich nach einer halben Ewigkeit an die Lufthansa verwies. Dort durfte ich mich nochmals durch eine nervtötende Warteschleife quälen.


Nach geschlagenen 45 Minuten hatte ich die Schnauze von der unerträglichen Warteschleifenstimme der LH-Hotline gestrichen voll und besann mich auf die Vielfliegerhotline von Miles&More. Hier kam ich zwar schnell durch – doch aus dem Versprechen „ich bin gleich wieder für Sie da“ wurden weitere 50 Minuten.

Um 650 Euro ärmer und nach drei Stunden Lebenszeitvernichtung in Warteschleifen konnte ich wenigstens versuchen, ein wenig zu schlafen. Morgen würde es erst nach Zürich weitergehen und von dort dann nach London-Heathrow, dem größten Flughafen Englands, der von meinem Zielflughafen Stansted aus gesehen natürlich am anderen Ende der Stadt liegt.

Wie befürchtet, war mein Schlaf nicht sonderlich erholsam.


Am nächsten Morgen blieb mir auf dem Flughafen ausreichend Zeit, meine bisherigen Erlebnisse in einem kurzen Video auf Twitter zusammenzufassen.


Da ich im Hotel kein Frühstück mehr bekommen hatte, versprach ich mir von der Lounge eine gewisse Stärkung. Für meinen (gewiss nicht exquisit-elitären) Geschmack fand sich dort aber nichts. Weiteres Geld ausgeben wollte ich ebenso wenig, und so war ich froh, dass ich für den Notfall immer etwas britisches Porridge dabei habe. Ein köstlicher Brei!


Am Gate nach Zürich angekommen, schwante mir Böses: Der Flug hatte schon jetzt knapp eine halbe Stunde Verspätung. Jedoch versicherte man mir, dass ich ohne Probleme meinen Anschlussflug in die Heimat bekommen würde.


Als meine Maschine endlich der Startbahn entgegenrollte, zweifelte ich diese Prognose aus gutem Grund an: Wir waren schon fast eine Stunde zu spät.

Während des Flugs schwand meine Hoffnung noch weiter.


In Zürich angekommen, dann das Erwartete: Mein Anschlussflieger war weg. Noch am Gate drückte man mir zwei neue Tickets in die Hand: Ich solle zurück nach Wien. Spätestens hier fühlte ich mich unweigerlich an die absurden Behörden-Irrgänge im Werk Kafkas erinnert.


Stinksauer machte ich mich auf dem Weg zum Umbuchungsschalter, nicht ohne meine Follower auch hier wieder per Video über den Fortgang des Wahnsinns zu „unterhalten“. Meine Hoffnung war, dass ich die Tickets auf einen späteren Flug von Zürich nach London umbuchen könne.


Dort wurde mir erklärt, dass die spätere Maschine von Zürich nach London überbucht sei und ich folglich darin keinen Platz finden würde. Meine Bitte, mir doch wenigstens einen Flug über Prag zu buchen, damit ich dort das Grab von Franz Kafka besuchen könne, wurde lächelnd ignoriert.

Weil ich meine 310.000 Follower auf Facebook glatt vergessen hatte zu informieren, ging dafür nächste Video noch aus dem Flugzeug heraus, vor dem Start, live online.

Kaum hatte ich die Videoübertragung beendet, erklärte der Kapitän per Durchsage, dass wir erst eine Stunde später starten würden, weil kein „Slot“ frei sei. Ich sah mich schon in dem schrecklichen Flughafen/Autobahn-Hotel aufwachen.

Als wir endlich in der Luft waren, hielt ich – Internet per Satellit sei Dank – Kontakt zu meinen Followern. Ich hatte bereits in der Planung, dass ich, sollte der Flug nach London erneut weg sein, tatsächlich mit dem Auto nach Prag fahren würde, um – passend zu der ganzen Situation – eine Kafka-Tour zu machen und von dieser zu berichten. Ich hätte es knallhart durchgezogen! Der Anflug auf Wien mit 80 Minuten Verspätung verhieß mir daher bereits ein böhmisches Nachtessen.


Wir landeten extrem verspätet – doch es geschah ein Wunder: Auch mein Anschlussflug stand noch am “Finger” im Terminal G. Ich rannte wie ein Irrer durch den Airport. G37, das bedeutete quasi das allerletzte Gate am allerletzten Terminal, also am Allerwertesten des Flughafens. Als besonderes Handicap für mich, so schien es mir, hatte man alle Laufbänder auf dem Weg dorthin zu Wartungszwecken deaktiviert. Ich rechnete bei jedem Schritt mit eigens abgestellten Flughafenmitarbeitern, die mir ein Bein stellen oder Bananenschalen auf den Weg werfen würden. Doch tatsächlich: Unter Mobilisierung meiner letzten Kraftreserven und buchstäblich auf allen Vieren bestieg ich die Austrian-Airlines-Maschine nach London.


Ich war so froh darüber, dass ich mir prompt die Zeit nahm, auch ein paar schöne Eindrücke des vergangenen Horrortrips in einem Tweet zusammenzufassen: Ausnahmslos freundlich waren alle Crews auf den Wegstrecken gewesen; das war durchaus positiv hervorzuheben. Die Österreicher vielleicht noch einen Tick freundlicher – typisch Österreich halt.


In London angekommen, erwartete ich, dass nun hochverdientermaßen endlich das Ende meiner Reise gekommen war, und schloss für mich – vorläufig – das Kapitel „Eurowings“.


Doch zu früh gefreut; das Ende war nicht wirklich das Ende. Meine Mutter, die stets über alles und jeden Schritt informiert werden will (auch wenn ich nicht mehr 6, sondern 36 bin: Der Bub bleibt ihr Bub!), war natürlich über mein Reisechaos im Bild und erkundigte sich immer wieder nach meinem Gepäck. Wie sich zeigte, waren ihre Sorgen begründet: Selbiges war auf dem Gepäckband 5 im Terminal 2 nicht mehr auffindbar. Doch bei „Lost&Fund“ wusste man nach einigen Klicks schnell Bescheid: Mein Koffer stand dort, wo Großbritannien wieder hin will: Außerhalb der EU. In Zürich, in der Schweiz.


Man versprach mir hoch und heilig, ihn bis zum Mittag des nächsten Tages nach Hause zu liefern. Dass auch dieses Versprechen nicht gehalten werden würde, ahnte ich da bereits – doch es war mir egal. Hauptsache endlich zuhause. Tatsächlich erreichten mich meine Schmutzwäsche, meine Wechselhemden und mein Kosmetikbeutel erst am Dienstabend gegen 18 Uhr London-Time. Kafka wäre erleichtert gewesen.