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Kühlung auf minus 80 Grad: Corona-Impfstoffe stellen Logistiker vor Probleme

·Lesedauer: 6 Min.

Viele Covid-19-Vakzine müssen wohl unter minus 80 Grad gekühlt werden, um ihre Wirksamkeit zu behalten. Lager- und Transportanbieter suchen Lösungen.

Kühlung auf minus 80 Grad: Corona-Impfstoffe stellen Logistiker vor Probleme. (Symbolbild: Getty)
Kühlung auf minus 80 Grad: Corona-Impfstoffe stellen Logistiker vor Probleme. (Symbolbild: Getty)

Bereits seit August betreibt Post-Finanzchefin Melanie Kreis Eigenwerbung für ihren Konzern, was die Auslieferung von potenziellen Corona-Impfstoffen angeht: „Wir können Impfstoffe unter Einhaltung der Kühlkette in alle Gegenden der Welt liefern“, verkündete die 49-jährige Bonnerin vor sechs Wochen bei der Vorlage der Quartalszahlen. Die Konzerntochter DHL beschäftige schließlich 9000 zertifizierte Healthcare-Mitarbeiter und verbinde mit ihren Flugzeugen 220 Länder der Welt.

Dabei sind es keineswegs die fehlenden Flugkapazitäten, die der effizienten Verteilung von Impfstoffen voraussichtlich im Wege stehen werden. Das Problem, für das die weltweit operierenden Logistiker derzeit fieberhaft nach einer Lösung suchen, kommt für sie aus einer anderen, gänzlich unerwarteten Richtung: Ein Großteil der Medikamente, die nach dem Willen der Forscher schon bald Neuinfektionen mit dem Coronavirus verhindern sollen, verdirbt womöglich bei Temperaturen oberhalb von minus 80 Grad Celsius.

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„Das ist für uns in der Tat eine Herausforderung“, räumt eine Sprecherin der Deutschen Post ein. Mit Kühltemperaturen zwischen minus zwei und minus acht Grad sei der Konzern standardmäßig vertraut, heißt es aus dem Posttower. Zudem betreibe man 160 Kühllager rund um die Welt. Selbst minus 20 Grad konnte man den Kunden auf Wunsch bislang zusichern. Doch minus 80 Grad? „Da überlegen wir noch, wie wir eine solche Kühlkette aufsetzen“, lautet die Antwort der Pressestelle.

Wer bei der Verteilung der schätzungsweise zehn Milliarden Impfdosen weltweit mitmischen will, sollte darauf bald eine Antwort finden. Denn während die Kooperationspartner Biontech und Pfizer für ihr Serum einen geringeren Kühlungsbedarf in Aussicht stellen, benötigen insbesondere die neuartigen mRNA-Vakzine der Pharmafirmen Moderna und Curevac aller Wahrscheinlichkeit nach derart niedrige Lager- und Transporttemperaturen. Als Grund nennen Wissenschaftler das hohe Entwicklungstempo, bei der die Stabilität der Präparate vernachlässigt werde.

Sollte ein Logistiker die Kühlungsprobleme in den Griff bekommen, winkt ihm ein womöglich außerordentlich lohnendes Geschäft. Im Auftrag von DHL errechnete die Beratungsfirma McKinsey, dass für die Impfstoff-Versorgung in unterschiedlichen Lieferketten 200.000 Paletten-Transporte notwendig sind. 15 Millionen Kühlboxlieferungen seien erforderlich, 15.000 Flüge zu absolvieren.

UPS will der Post Konkurrenz machen

Welcher Transporteur den Auftrag erhält, ist bislang kaum absehbar. Nicht die Pharmaunternehmen selbst sind hier am Drücker, sondern in den meisten Teilen der Welt die nationalen Regierungen oder Länderzusammenschlüsse wie die Europäische Union. Die meisten von ihnen haben vor Wochen schon Verträge mit den Impfstoffentwicklern abgeschlossen, die ihnen jeweils Millionen an Impfdosen zusichern.

Wettbewerber der Deutschen Post ist zum einen der US-Rivale Fedex, der nach eigenen Angaben seine Kapazitäten für stark gekühlte Arzneimittel bereits ausgebaut hat. Zum anderen buhlt der US-Konzern UPS um Impfstoff-Transportaufträge. Wie der deutsche Dax-Konzern versorgt auch „Big Brown“ weltweit 220 Länder im Express- und Luftfrachtgeschäft.

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Europäische Ziele steuert UPS dabei hauptsächlich von der Airport-Drehscheibe Köln/Bonn an, die Nacht für Nacht 42 Starts und Landungen von UPS-Frachtern abfertigt. Der Hub für das internationale Langstreckengeschäft ist London-Heathrow.

Das europäische Zentrallager für Medikamente betreibt UPS 128 Kilometer vom Köln-Bonner Flughafen entfernt in Roermond, unmittelbar jenseits der niederländischen Grenze. Müssten die Impfdosen durchgehend auf minus 80 Grad gekühlt bleiben, würde dies für die US-Amerikaner zur Herausforderung. Selbst nachts dürfte die Lkw-Fahrt von Roermond zum Köln-Bonner Flughafen mindestens anderthalb Stunden dauern.

„Wir besitzen aktiv gekühlte Container“, hält ein Sprecher von UPS dagegen, „testen regelmäßig neuartige Verpackungen und blicken auf reichlich Erfahrung mit Medikamenten-Transporten zurück.“ Ob dies für eine dauerhafte Kühlkette von minus 80 Grad reichen würde, kann jedoch auch die Deutschland-Zentrale nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Wenig überraschend äußerte deshalb vor wenigen Tagen UPS-Healthcare-Chefin Anouk Hesen gegenüber der Deutschen Welle die Absicht, an weiteren Orten Kühllager zu errichten. Ins Gespräch brachte sie neben einem Kühlhaus in Großbritannien auch einen Standort in der Nähe des Flughafens Frankfurt.

Laborausrüster Binder könnte massiv profitieren

Die Nachfrage der Logistikkonzerne nach bislang kaum benötigten Tiefkühl-Aggregaten könnte nun einem wenig bekannten Mittelständler aus Tuttlingen zu unverhofftem Auftragseingang verhelfen: dem Laborausrüster Binder, der 2018 gerade einmal einen Umsatz von 70,5 Millionen Euro auswies.

Ultratiefkühlschränke bis minus 86 Grad, so bestätigt ein Forschungsinstitut an der Universität Bern, bauen die Schwaben wie kaum ein anderer. In der Schweizer Hauptstadt nutzt Professor Volker Thiel die Binder-Schränke, um Coronaviren zu Forschungszwecken einzulagern. Der erste Klon eines Coronavirus gelang mit Binder-Freezern. Auch Impfstoffhersteller Curevac in Tübingen vertraut auf die Tuttlinger Tiefkühlung.

In einem kubikmetergroßen Freezer können Impfstoffe im Wert von mehreren Hunderttausend Euro eingelagert werden. Zum Versand stehen Spezialtransportbehälter mit Trockeneis bereit, die Impfstoffe drei Tage lang auf unter minus 80 Grad halten können. Allein das Umpacken in minus 20 Grad kalten Kühlräumen stellt die Logistiker allerdings noch vor Herausforderungen.

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Binder-Kühlschränke kosten 30.000 bis 40.000 Euro, auch weil sie über eine batteriegepufferte CO2-Notkühlung verfügen, die bei Stromausfall die teuren Impfstoffe noch 72 Stunden ohne Temperaturverlust weiterkühlen kann.

Aufträge gebe es bereits, berichtet Binder-Chef Peter Michael Binder. Namen nennt der 66-Jährige aber nicht. Mit 420 Beschäftigten produzieren die Schwaben ausschließlich in Tuttlingen. Dort werden aus 800 Teilen die Klimaschränke gefertigt, insgesamt rund 22.000 Geräte pro Jahr. Zwölf Millionen Euro investierte Binder 2017 in eine Fertigungshalle, so dass die sogenannten Simulationsschränke per Flugzeug innerhalb einer Woche lieferbar sind.

Dennoch drohen voraussichtlich Engpässe, falls die Nachfrage sprunghaft ansteigt. „Wir können die Produktion um 30 bis 40 Prozent steigen“, berichtet Binder, der das Unternehmen 1983 gründete. Auch Wettbewerber wie der US-Konzern Thermo-Fisher oder der japanische Anbieter Sanyo, die mit ihren Tiefkühl-Aggregaten in den Markt drängen, könnten einen Teil der Nachfrage auffangen.

Sorgen bereiten dem schwäbischen Unternehmer die mächtigen Rivalen allerdings nicht. „Mit Corona wird die Biotech-Forschung einen ganz neuen Stellenwert bekommen“, erwartet er. „Dann müssen auch die großen Logistiker umdenken.“

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