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Kärcher-Chef erwartet wegen Corona „große Welle von Insolvenzen“

·Lesedauer: 10 Min.

Hartmut Jenner fürchtet große Verwerfungen in der Wirtschaft. Der Chef des Reinigungsspezialisten Kärcher kritisiert: „Die Bundesregierung lässt einen klaren Kurs leider vermissen.“

Noch ist der Wahlausgang in den USA unklar. „Das birgt politisch und wirtschaftlich enorme Risiken. Es droht eine wochenlange Hängepartie, die schwerwiegende Auswirkungen auf die sowieso schon fragile wirtschaftliche Lage in den USA und die Weltwirtschaft haben wird“, sagte Kärcher-Chef Hartmut Jenner am Mittwochmorgen dem Handelsblatt.

Durch die Corona-Pandemie hatte das Milliarden-Unternehmen aus dem baden-württembergischen Winnenden im April ein Viertel seines Umsatzes verloren, bilanziert Jenner im Interview. Doch das habe man seither wieder aufgeholt und sei nicht der Grund, weshalb er pessimistisch ins kommende Jahr schaue, so der Firmenchef.

Vieles, was in den vergangenen Monaten von der Politik entschieden worden sei, könne er nicht mehr nachvollziehen. Jenner kritisiert: „So harte Maßnahmen, wie wir sie jetzt wieder erleben, müssen eine gewisse Stringenz aufweisen und obendrein gut erklärt werden.“ Als Manager müsse er „hier im Unternehmen auch einen klaren Kurs fahren und mich offen erklären. Dann wissen alle Bescheid. Diesen klaren Kurs lässt die Bundesregierung leider vermissen.“

Der Firmenchef des 1935 gegründeten und längst global operierenden Familienunternehmens lobt zwar das Konjunkturprogramm der Bundesregierung, bezweifelt aber zum Beispiel die Wirkung der Mehrwertsteuersenkung. Auch bei der Digitalisierung hinke das Land immer noch erschütternd weit hinterher.

2021 werde es daher „nicht die dynamische Erholung der deutschen Wirtschaft geben, die viele zurzeit noch prophezeien“, sagt Jenner. „Es kommt stattdessen eine große Welle von Insolvenzen auf uns zu, die steigende Arbeitslosenzahlen und sinkende Steuereinnahmen bedeutet“, prophezeit der Vorstandschef. Außerdem werde „der Staatengemeinschaft schlicht das Geld für weitere Konjunkturprogramme ausgehen“.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Herr Jenner, noch ist der Wahlausgang in den USA unklar. Was fürchten Sie?
Die Präsidentschaftswahlen in den USA haben das von vielen befürchtete Szenario gebracht: Es gibt keinen eindeutigen Sieger. Alles läuft auf ein denkbar knappes Ergebnis hinaus, das möglicherweise erst vom Supreme Court bestätigt werden muss. Das birgt politisch und wirtschaftlich enorme Risiken. Es droht eine wochenlange Hängepartie, die schwerwiegende Auswirkungen auf die sowieso schon fragile wirtschaftliche Lage in den USA und die Weltwirtschaft haben wird.

Kärcher ist weltweit ein Synonym für Reinigungstechnik. Das Verb „kärchern“ hat es bis in den Duden geschafft. Inwiefern könnte das Unternehmen sogar von Corona profitieren?
Reinigung galt bislang eher als notwendiges Übel und hat durch Corona natürlich ein völlig neues, besseres Image bekommen. Es bedeutet eben auch Werterhalt, Hygiene, Desinfektion. Insofern machen wir uns seit Ausbruch der Pandemie noch mehr Gedanken, wie wir die sich verändernden Ansprüche bedienen können. Das Schöne an unseren Dampfreinigern ist ja unter anderem, dass sie völlig ohne scharfe Chemie auskommen.

Eigentlich beginnt mit dem „Frühjahrsputz“ Ihre Hauptsaison. Wie hat Kärcher den Lockdown im März und die Zeit danach erlebt?
Dass da was Größeres auf uns zukommen würde, wussten wir schon im Januar, als ein großes Werk von uns in China schließen musste. Dann kam das Virus schnell nach Italien, wo wir mit Fieberschleusen an unseren dortigen Werkstoren frühzeitig gut auf die Krise reagiert haben, auch indem wir die Schichten entzerrt haben – trotz des Produktionsausfalls.

Wie ist der Kärcher-Umsatz zu dieser Zeit insgesamt eingebrochen?
Wir hatten uns für den Monat April auf ein Minus von 30 Prozent eingestellt. Es wurden dann „nur“ 25, fiel also nicht schlechter aus als die eigenen Prognosen. Das half uns, klar Kurs zu halten.

Ziehen Sie Vergleiche zur Finanzkrise 2009?
Damals, im März 2009, hatten wir einen Umsatzeinbruch von 16 Prozent.

Womit rechnen Sie jetzt fürs Gesamtjahr?
Mit einem Umsatz leicht über Vorjahr bei gut 2,6 Milliarden Euro.

Trotz oder wegen Corona?
Weder noch. Es ist ein extrem asymmetrisches Geschäft geworden. Einerseits erleben wir ein sehr gutes Konsumentengeschäft. Die Leute wollen es sich in solchen Krisenzeiten ja in ihrem direkten heimischen Umfeld schön machen. Andererseits sind Felder wie die Gebäudereinigung oder der Verkauf von größeren Maschinen an Geschäftskunden natürlich derzeit schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das gilt natürlich auch für die Bereiche Hotel und Büro. Kommunen und große Firmen haben viele Investitionen erst mal gestoppt.

Und dennoch wollen Sie noch mit einem Plus aus diesem Krisenjahr kommen?
Geschäfts- und Privatkunden halten sich bei uns umsatzmäßig sonst die Waage. Diesmal verteilt sich das eben anders. Einen echten Wachstumssprung werden wir sicher nicht machen.

„Vieles, was entschieden wurde, konnte ich nicht nachvollziehen“

An Corona war nicht viel neu: Viren gab es schon, auch durchaus gefährlichere. Pandemien hat die Menschheit ebenfalls schon einige er- und überlebt. Einzigartig war aber der global orchestrierte Lockdown. War diese Maßnahme im Nachhinein gerechtfertigt?
Ich finde schon. Auch heute noch. Weniger gut fiel die Vorbereitung des Lockdowns aus. Als mein Sohn von einem Tag auf den anderen ins Homeschooling geschickt wurde, wurden die Aufgaben offenbar noch mit Windows 95 erstellt. Da zeigten sich unsere ganzen Defizite. Und ich kritisiere schon, dass wir in puncto digitale Infrastruktur noch lange nicht gut sind. Mein zweiter Kritikpunkt: So harte Maßnahmen, wie wir sie jetzt wieder erleben, müssen eine gewisse Stringenz aufweisen und obendrein gut erklärt werden.

Beides fehlt Ihnen?
Leider ja. Vieles, was in den vergangenen Monaten entschieden wurde, konnte ich nicht mehr nachvollziehen. Und da bin ich sicher nicht allein. Als Manager muss ich hier im Unternehmen auch einen klaren Kurs fahren und mich offen erklären. Dann wissen alle Bescheid. Diesen klaren Kurs lässt die Bundesregierung leider vermissen.

Was halten Sie von der aktuellen Corona-Politik?
Es ist gut, dass es nun eine einheitliche Linie von Bund und Ländern gibt. Mir war das in den vergangenen Monaten zu vielstimmig.

Trotz der finanziellen Wohltaten, die übers Land verteilt werden?
Das Konjunkturprogramm war richtig. Die Senkung der Mehrwertsteuer dürfte dagegen kaum etwas bringen. Da sind die Kosten höher als der Nutzen. Mehr Sorgen macht mir aber die Tatsache, dass das alles nächstes Jahr viel schwieriger werden wird.

Inwiefern?
Erstens: Es wird nicht die dynamische Erholung der deutschen Wirtschaft geben, die viele zurzeit noch prophezeien. Zweitens: Es kommt stattdessen eine große Welle von Insolvenzen auf uns zu, die steigende Arbeitslosenzahlen und sinkende Steuereinnahmen bedeutet. Drittens: Der Staatengemeinschaft wird schlicht das Geld für weitere Konjunkturprogramme ausgehen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Berliner Politik die harten Folgen der Krise in die Zeit nach der Bundestagswahl verschieben will?
Das ist Spekulation, zumal diese Wahl ja noch sehr weit weg ist. Denken Sie mal zurück an die Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011. Die ereignete sich wenige Wochen vor der baden-württembergischen Landtagswahl, die dadurch letztlich auch entschieden wurde.

„China ist unser größter Konkurrent“

Kärcher ist auf der ganzen Welt vertreten. Sehen Sie Länder, die Corona besser managen als wir?
Der skandinavische Weg, nicht nur der in Schweden, scheint mir schon sehr konstruktiv – auch wenn sich dort weniger Menschen auf größerem Raum verteilen. Auch das hochdigitalisierte Südkorea hat die Herausforderung sehr gut bewältigt. Die Negativbeispiele sind leider weitaus zahlreicher.

Wen verstehen Sie als global operierendes Unternehmen eigentlich derzeit am ehesten als Konkurrenz?
China.

Weil man gern kopiert ...
Das war früher mal ein Problem. Gefährlich wird es inzwischen, weil Innovationen an den Start gebracht werden. Das ist die weit größere Herausforderung.

Was sollen bei Kärcher die Wachstumstreiber der Zukunft sein?
Das Thema Reinigung verträgt noch jede Menge Innovationen, die uns ja immer schon ausgezeichnet haben. Das meiste an Reinigung findet bislang manuell statt. Da können wir wirklich für alle Bereiche und Anwendungsgebiete noch viel tun. Wir mechanisieren das Thema.

Robotik spielt da auch eine Rolle?
Klar. Gar nicht mal im Haushalt, sondern eher im gewerblichen Bereich. Eine Logistikhalle kann heute auch eine Maschine reinigen – und übrigens auch desinfizieren. Da spielen Sensorik und Digitalisierung ebenfalls eine große Rolle. Wir können das ja längst steuern, dass zum Beispiel eine Reinigungskraft öfter in den Eingangsbereich eines Kaufhauses geschickt wird, wenn es draußen gerade regnet. Solche Steuerungen sind die Zukunft. Und solche Plattformen bauen wir gerade – und wollen sie dann auch für andere öffnen. Personal wird dadurch übrigens nicht überflüssig, kann aber viel effizienter eingesetzt werden.

Halten Sie eigentlich trotz Corona an Ihren eigenen strategischen Zielen fest? Zum Beispiel haben Sie versprochen, dass es 2025 kein mobiles Gerät mehr im Haushalt mit Kabelanschluss geben wird.
Für Kärcher gilt das auch. Allein dieses Jahr haben wir 40 neue Akku-Geräte auf den Markt gebracht. Das wird mit Kraft vorangetrieben.

Mal generell betrachtet: Unterscheiden wir künftig nur noch zwischen Vor- und Nach-Corona-Zeiten?
Es gibt zumindest ein paar Trends, die bleiben werden, auch wenn die vielleicht nicht alle unmittelbar mit dem Virus zu tun haben. Die zu beobachtende Deglobalisierung wird sich fortsetzen und wurde durch die Pandemie sicher befeuert. Auch die Digitalisierung wird weiter alle Lebensbereiche erobern. Und das Thema Nachhaltigkeit ist jetzt endgültig in aller Munde. Für uns ist auch das längst Alltag. Nächstes Jahr werden wir in allen unseren Werken klimaneutral sein.

Als der Lockdown kam, haben Sie auch Antrittsprämien für jene Mitarbeiter in der Produktion gezahlt, die nicht ins Homeoffice gehen konnten. War’s eine gute Idee?
Eine sehr gute Idee. Die Aktion läuft noch bis Ende des Jahres und war ein überragender Erfolg.

Apropos: Hat das Homeoffice auch bei Ihnen im Konzern Einzug gehalten?
Von unseren weltweit rund 13.000 Beschäftigten arbeiten 2000 hier am Stammsitz in Winnenden. 800 davon aus nicht produktionsrelevanten Bereichen hatten schon lange vor Corona Homeoffice-Zeiten. Das wurde bei uns früh kultiviert.

Ein Arbeitsmodell der Zukunft?
Homeoffice hilft und unterstützt. Wir sollten uns aber auch nichts vormachen: Die Produktivität einer Firma leidet auf Dauer, wenn alle nur noch zu Hause sitzen. Das lässt sich ein paar Monate durchhalten. Dann spürt man, wie viel Kreativität und wichtiger direkter Austausch im Tagesgeschäft eben auch verloren gehen können. Und es wird übrigens auch künftig nicht ohne Geschäftsreisen gehen. Ich müsste zum Beispiel dringend mal wieder zu unseren Auslandstöchtern nach China oder in die USA. Einfach mit unseren Leuten dort reden. Aber dieses Jahr dürfte das wohl nichts mehr werden.

Hier in der Zentrale ist es auch stiller geworden, oder? Normalerweise bieten Sie sogar regelmäßige Führungen und Firmenbesuche an …
… die sehr gut frequentiert sind. Übers Jahr begrüßen wir normalerweise rund 20.000 Neugierige.

Und das, obwohl Hochdruckreiniger ja nicht gerade die glamourösesten Geräte sind?
Reinigung stellt ein hochemotionales Bedürfnis dar. Das unterschätzen die meisten. Und wir haben ja eine extrem breite Palette, die preislich von 29 bis eine Million Euro reicht. Das ist schon spannend.

Was hat es Sie eigentlich gekostet, dass Bruce Willis in dem Hollywood-Actionfilm „Red 2“ einen Kärcher-Reiniger aus dem Regal eines Baumarktes zog?
Nichts, haha! Ich habe später in Erfahrung bringen können, dass Willis das Gerät wohl selbst zu Hause hat und deshalb unbedingt einen Kärcher wollte. Für uns fast noch besser: Im Film „Ziemlich beste Freunde“ ruft der Pfleger, er werde seinen Schützling jetzt „abkärchern“.

Kärcher reinigt auch weltweit Denkmäler wie Mount Rushmore in den USA oder die Jesus-Statue in Rio de Janeiro. Lassen Sie sich das ganz normal bezahlen?
Das läuft bei uns unter Kultursponsoring. Zurzeit etwa widmen wir uns – trotz aller Corona-Beschränkungen – der hufeisenförmigen Freitreppe von Schloss Fontainebleau. Oft wissen ja selbst professionelle Restauratoren gar nicht, was unsere Geräte alles leisten können. Und manchmal lernen sogar wir noch dazu.

Wo zum Beispiel?
Schon 1999 haben wir die Säulen auf dem Petersplatz in Rom gereinigt. Über Jahrhunderte sind die nur mit Lehm und Wasser geflickt worden. Und nur das Kohlenmonoxid und der Teer des Straßenverkehrs, die sich auf den Säulen ablagerten, haben die am Ende quasi noch zusammengehalten. Als unsere Kollegen da mit der Reinigung anfingen, brachen sofort Teile raus. Es war problematisch. Dafür haben wir dann eine Reinigungspistole entwickelt, die mit Gummikügelchen ganz vorsichtig die Oberfläche säubert. Verkauft sich mittlerweile rund 500 Mal pro Jahr an Restauratoren. Klein, aber fein.

Sie sind jetzt 55, seit fast 30 Jahren bei Kärcher und schon 20 Jahre Chef. Wollen Sie hier eigentlich in Rente gehen?
Die Frage habe ich mir noch nie gestellt. Aber ein hundertprozentiges Familienunternehmen wie dieses hier versteht sich ja auch als etwas, das über Generationen hinweg geführt werden soll. Ich selbst komme aus der Landwirtschaft. Da ist mir so ein langfristiger Ansatz nicht fremd.
Herr Jenner, vielen Dank für das Interview.