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Jungfraubahn: Bestens gerüstet für die Zeit nach der Pandemie

Henning Lindhoff, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
·Lesedauer: 4 Min.

Die Tourismusbranche liegt derzeit am Boden. Hoffnungsschimmer, die im Sommer 2020 noch an manchen Stellen funkelten, sind mit den abermaligen Lockdown-Maßnahmen erloschen. Nach Zahlen des Schweizer Bundesamtes für Statistik fiel die Zahl der Logiernächte in der Schweiz im vergangenen Jahr zwischen Januar und November um 39,9 % auf 22,1 Mio.

Dementsprechend präsentierte die Jungfraubahn AG (WKN: A0CACJ) für das erste Halbjahr 2020 Daten wie zuletzt in den 1980er-Jahren. Die Zahl der auf das Jungfraujoch beförderten Fahrgäste sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 78,6 % auf 100.600. Zudem rutschte das Unternehmen erstmals in der mehr als hundertjährigen Firmengeschichte in die roten Zahlen. Das EBIT lag bei -10,7 Mio. Schweizer Franken. Pro Aktie generierte das Unternehmen einen Verlust von 1,94 Schweizer Franken.

Das Ergebnis im ersten Halbjahr 2020 war ein Desaster. Doch äußerst beeindruckend finde ich die Reaktion des Unternehmens auf die Krise. Am 5. Dezember 2020 wurde trotz aller Widrigkeiten der Eiger Express eröffnet – eine neue, hochmoderne Gondelbahn und das Herzstück eines fast eine halbe Milliarde schweren Investitionsprojekts. Die neue Seilbahn des Eiger Express bringt nun die Gäste vom neuen Terminal direkt zur Station Eigergletscher hoch. Wer auf das Jungfraujoch will, steigt dort in die Zahnradbahn um.

Corona gab dem Eiger Express neuen Schub

Der strategische Weitblick, den das Management dazu veranlasste, seinem Eiger Express treu zu bleiben, überzeugt mich. Auch wenn die Lockdowns noch etwas andauern werden, geben die Impfstoffe neue Hoffnung auf einen deutlichen Aufschwung im Laufe dieses Jahres. Ein Unternehmen wie die Jungfraubahn AG, das finanziell stabil aufgestellt ist, tut daher gut daran, sich nicht von seinen langfristigen Plänen durch Corona abbringen zu lassen.

Natürlich mussten auch bei Jungfraubahn Sparmaßnahmen eingeleitet werden. Die Belegschaft musste weitestgehend in Kurzarbeit gehen. Auch bei Investitionen wurde der Rotstift angesetzt – aber am zukunftsweisenden Eiger Express hielt das Unternehmen fest.

Tatsächlich wurde er sogar eine Woche vor dem ursprünglich geplanten Termin fertig. Dies ist der „einzig positive Effekt, den Corona für uns hatte“, so der Finanzvorstand Christoph Seiler. Der Betrieb der Bergbahnen stand über Monate (von Frühling bis Anfang Juni) fast vollkommen still. Durch Umsetzung und Einhaltung eines strengen Schutzkonzepts konnten währenddessen die Bauarbeiten weitergehen. Die Baulogistik wurde dabei fast drei Monate lang nicht vom touristischen Fahrbetrieb „gestört“.

Das wichtige Asien-Geschäft benötigt noch etwas Zeit

Das Kerngeschäft bleibt natürlich auch in Zukunft die Zahnradbahnstrecke zum Jungfraujoch. Mit einem Mehr an Besuchern wird es zunächst dauern. Die interkontinentalen Besucher (vor allem aus Asien) werden aller Voraussicht nach zunächst weiter ausbleiben. Auch Touristen aus anderen europäischen Ländern sind vorerst nicht zu erwarten.

Warum fährt der Eiger Express dann überhaupt schon? Zum einen ist es besser, eine derartige Anlage regelmäßig im Betrieb zu haben. Zum anderen unterstützt die nun höhere Kapazität auch das Schutzkonzept, dass die Jungfraubahn Holding nochmals verschärfen möchte – etwa durch Personal, das den Abstand von Besuchern in Warteschlangen und in den Bergbahnen streng überwacht.

Später, wenn wieder ausländische Touristen kommen, kann Jungfraubahn von höheren Passagierzahlen je Tag und infolgedessen von steigenden Einnahmen profitieren. Insbesondere die Touristen aus Fernost haben sich in der Vergangenheit als wenig preissensibel erwiesen. Für sie ist der Besuch des Jungfraujochs ein ganz besonderes Erlebnis.

Bilanz und Finanzlage bleiben stark

Im ersten Halbjahr wies Jungfraubahn einen Verlust in Höhe von 11,5 Mio. Schweizer Franken aus. Das EBITDA blieb immerhin positiv. So sieht das Management auch das Gesamtergebnis mit Gelassenheit. Die Aussage von Christoph Seiler: „Verluste sind nicht schlimm, solange unser EBITDA positiv ist.“

Das Unternehmen steht weiterhin finanziell auf stabilen Füßen. Der Verschuldungsgrad lag zuletzt bei gerade einmal 0,1. Trotz Corona-Krise ist der Cash-Bestand weiterhin hoch und deckt die kurzfristigen Verbindlichkeiten zu 197 % ab. Auch die 160 Mio. Schweizer Franken an Gesamtverbindlichkeiten sind wenig im Vergleich zu den 756 Mio. an Vermögenswerten.

Die Jungfraubahn ist weiterhin eine gute Tourismus-Aktie

Am Markt ist die Holding auch in der Pandemie unangefochten. Wer wird schließlich mutig (oder verrückt) genug sein, eine zweite Bergbahn zum Schweizer Jungfraujoch zu errichten? Die dortige Zahnradbahnstation auf 3.454 Metern Höhe ist die am höchsten gelegene Station Europas. Der Burggraben des Unternehmens ist damit auf natürliche Art gewachsen.

Die Art, wie das Management mit der aktuellen Krise umgeht, überzeugt mich. Mein seit Jahren schon guter Eindruck vom Management hat sich wieder einmal bestätigt. Die Aktie notiert aktuell (am 18. Februar 2021) bei 137 Schweizer Franken und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 37,5. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt bei 4,2, das Kurs-Buchwert-Verhältnis sogar bei nur 1,1.

Ein günstiger Einstiegskurs sieht anders aus, doch langfristig ist das Papier aus meiner Sicht eine interessante Beimischung für jedes Depot. Wer bereits während des Mini-Crashs im Frühjahr 2020 eingestiegen ist, kann sich nun freuen. Den in den letzten Jahren äußerst stabilen Wachstumspfad wird die Jungfraubahn AG bald wieder einschlagen können.

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Henning Lindhoff besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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