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Jon Ossoff ist der Hoffnungsträger der Demokraten

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Zwei Stichwahlen in Georgia entscheiden darüber, wer die Mehrheit im mächtigen US-Senat bekommt. Alle Augen sind auf den Jungpolitiker gerichtet.

Jon Ossoff hat Erfahrung damit, über Nacht bekannt zu werden. 2017 fehlten ihm nur wenige Prozentpunkte, um einen streng konservativen Kongress-Distrikt im Norden Atlantas zu erobern. Mehr als 23 Millionen Dollar sammelte Ossoff für seine Kampagne, für eine regionale Wahl eine spektakuläre Summe.

Das knappe Rennen im Bundesstaat Georgia kündigte die Schwierigkeit der Republikaner an, Speckgürtel von Metropolen zu halten. Das ist auch einer der Gründe, warum Donald Trump die Präsidentschaftswahlen verlor. In Georgia, das lange als klar republikanisch galt, liegt aktuell Joe Biden vorn.

Jetzt ist der 33-jährige Ossoff schon wieder ein bundesweites Phänomen, dieses Mal tritt er für den mächtigen US-Senat an. Bei den Wahlen am 3. November hatte keiner der Kandidaten für zwei Senatssitze die absolute Mehrheit bekommen, im Januar geht es in die Stichwahlen. Die Zwillingswahlen entscheiden darüber, wer künftig die Mehrheit im Senat innehat.

Gehen beide Sitze an die Demokraten, wird es Biden deutlich leichter haben, Steuerreformen, Klimaschutzgesetze und andere große Projekte durchzusetzen. Die Demokraten hätten dann genügend Stimmen, dass Vizepräsidentin Kamala Harris als „tie breaker“ eine Mehrheit sichern kann. Halten die Republikaner auch nur einen der Sitze, wird Bidens Präsidentschaft weniger bewegen können.

Alle Augen sind deshalb auf Georgia gerichtet – und auf Ossoff. Er tritt gegen David Purdue an, Ex-CEO von Reebok und Vertrauter von Trump. Das zweite Rennen wird bestritten vom afroamerikanischen Pastor Raphael Warnock, der die Republikanerin Kelly Loeffler herausfordert. Die charismatische Politikerin Stacey Abrams gilt als Kraftwerk der Demokraten in Georgia, sie treibt Millionen Dollar an Spendengeldern ein.

Fokus auf Gesundheit, Wirtschaft, Infrastruktur,

Ossoff gibt sich siegesgewiss, auch wenn seit mehr als 20 Jahren kein Demokrat mehr die Senatswahlen in Georgia gewonnen hat. „Wir haben die Euphorie. Wir haben die Energie. Wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte“, rief er vor einigen Tagen. Umgeben war er von Unterstützern, die „Vote your Oss-off“-Schilder schwenkten, angelehnt an die Redewendung „sich den Hintern abarbeiten“.

Ossoff gibt den Demokraten Hoffnung für Regionen, die jünger und diverser werden. Er verspricht einen Fokus auf Gesundheit, Wirtschaft und Infrastruktur, will Kleinunternehmer und Familien fördern, Atlanta in „ein neues Silicon Valley“ verwandeln. Der Jungpolitiker wurde in Atlanta geboren, wuchs aber in einem Vorort auf, den er nur als Revier der Republikaner erlebte. In seinem Geburtsjahr 1987 vertrat der konservative Hardliner Newt Gingrich den Bezirk im US-Kongress. Doch die Zeiten ändern sich, die Demokraten sind hier wettbewerbsfähig geworden.

In seinen Zwanzigern produzierte Ossoff in London Dokumentarfilme, zum Beispiel über Kriegsverbrechen des Islamischen Staats, ein wichtiger Kunde war die BBC. Zuvor hatte Ossoff, der jüdischen Glaubens ist, seinen Master an der London School of Economics abgelegt. Seine Konkurrenz attackiert ihn als unerfahren, noch immer streuen sie Aufnahmen von Ossoff als Student im Netz, wie er angeschickert „Star Wars“-Charaktere imitiert. Verheiratet ist er mit der Gynäkologin Alisha Kramer.

Ossoff wirkt in Menschenmengen höflich und besonnen. Im Kongresswahlkampf 2017 mochten viele Anhänger, dass er sich auf keine Schlammschlacht einließ. Damals war Trump noch neu im Amt, und viele Demokraten wollten es vermeiden, nur über den Präsidenten zu reden. Fragte man Ossoff, was das Schlimmste an Trump sei, lautete die Antwort: „Seine Haltung und Tonlage spaltet das Land, zumindest im Moment.“

Inzwischen klingt er ganz anders, er verurteilt den „Trumpismus“ seines Konkurrenten Perdue und zeigt sich fassungslos angesichts der Coronakrise, die weiter außer Kontrolle gerät. Und noch etwas hat sich verändert: Ossoff tritt politisch moderater auf und betont, dass er weder eine komplett staatliche Krankenversicherung unterstützt noch die Abschaffung der Einwanderungsbehörde ICE. Ossoff will zwar links sein, aber nicht zu links. Es ist ein ähnliches Rezept, das auch Biden mehrheitsfähig machte.