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Kohle-Debakel löst neue Debatte über den Chefposten bei Siemens aus

Der umstrittene Auftrag in Australien sorgt weiter für intensive Diskussionen. Erste Investoren fordern nun Klarheit über die künftige Konzernspitze.

Der Protest belastet das Image des Siemens-Chefs. Foto: dpa

Wäre es sein eigenes Unternehmen, hätte er vielleicht anders gehandelt. Das schrieb Joe Kaeser in seiner langen Stellungnahme zum Adani-Projekt. Er habe viel Empathie für Umweltbelange. Doch müsse er als Siemens-Vorstandsvorsitzender die Interessen der verschiedenen Stakeholder ausbalancieren. Und da habe es höchste Priorität, Versprechen gegenüber den Kunden einzuhalten.

Kurzum: Siemens hielt trotz aller öffentlichen Kritik am Auftrag im Rahmen des umstrittenen Kohleminenprojekts in Australien fest.

In der Diskussion um Adani steht der Siemens-Chef nun mächtig unter Druck. Das Thema sorgt auch konzernintern für viel Unruhe. „Jeder, der glaubt, dass das Thema nach zwei Wochen ausgestanden ist, der irrt sich“, prognostiziert ein Insider. Es sei möglich, dass es auch personelle Konsequenzen gebe. Dies betreffe wohl eher untere Ebenen, der Vorstand wurde erst spät in das Thema eingebunden.

Das Machtgefüge bei Siemens ist derzeit ohnehin in Bewegung. Kaesers Vertrag läuft in einem Jahr regulär aus. Eine nochmalige Verlängerung galt in Aufsichtsratskreisen schon vor der Aufregung um Adani als unwahrscheinlich. Im Sommer will der Aufsichtsrat nach bisherigen Plänen über die Nachfolge entscheiden.

Doch könnte das Thema schon jetzt an Dynamik gewinnen. „Die aktuelle Diskussion bestärkt uns darin, schnellstmöglich Klarheit in der Nachfolgeregelung zu fordern“, sagte Vera Diehl, Portfoliomanagerin bei Union Investment, dem Handelsblatt. Siemens brauche jetzt „klare Verhältnisse an der Spitze, damit sich das Unternehmen wieder aufs Geschäft konzentrieren kann, anstatt sich in Führungsdiskussionen zu verzetteln“.

Derzeit aber läuft erst einmal die Suche nach den Verantwortlichen für das Adani-Debakel. Klar ist nach Einschätzung in Industriekreisen, dass die operativ Verantwortlichen in Australien die Brisanz des für Siemens-Verhältnisse kleinen Auftrags über 18 Millionen Euro für Signaltechnik unterschätzten oder zu spät an die Konzernzentrale meldeten. Vor Ort habe man den Auftrag unbedingt haben wollen, heißt es in Industriekreisen.

Manche verweisen nun auch darauf, dass Konzernvize Roland Busch einen „Sustainability Board“ leitet, in dem der Auftrag einmal kurz Thema gewesen sein soll. Allerdings ist das Gremium bislang nicht für die konkrete Prüfung von Aufträgen zuständig, sondern eher allgemein für Nachhaltigkeitsthemen.

Schlechte Stimmung an der Spitze

Dennoch wurden Spekulationen laut, dass Kaeser versuchen könnte, die Verantwortung seinem Vize Busch zuzuschieben. In Industriekreisen wird das zurückgewiesen. Die Stimmung in der Führungsriege sei zwar nicht sonderlich gut. „Da hilft das Thema Adani nicht unbedingt.“ Kaeser und Busch aber arbeiteten professionell zusammen.

Im Dezember, als die Welt bei Siemens noch in Ordnung war, waren Busch und Kaeser bei einem Townhall-Meeting gemeinsam vor die Siemens-Beschäftigten getreten. Er wolle gleich über den „Elefanten im Raum“ sprechen, also über das Thema, das alle interessiere, über das aber keiner offen zu sprechen wage, sagte Kaeser: die Führung des Konzerns.

Er selbst habe Busch als Stellvertreter vorgeschlagen, betonte der Siemens-Chef. Busch besitze seine volle Unterstützung. Wer glaube, dass man nicht auf einer Wellenlänge sei, liege „total falsch“.

Nicht wenige im Konzern hatten Kaeser im Verdacht, sich für nur schwer ersetzbar zu halten. Doch zeichnet sich seit einigen Wochen ab, dass der Wechsel geordnet über die Bühne laufen soll – wenn nicht etwas Dramatisches dazwischenkommt.

Nach Informationen des Handelsblatts aus Aufsichtsratskreisen ist fest geplant, dass Busch nach seiner Beförderung zum Stellvertreter auch tatsächlich Vorstandsvorsitzender wird. Viele im Unternehmen sehnen sich nach einem Ingenieur an der Spitze.

Kaeser habe auch vieles richtig gemacht, sagt ein Aufsichtsrat. Beispielsweise sei die Idee, den Geschäften mehr Eigenständigkeit und Agilität zu geben, weiter richtig. Allerdings seien manche inzwischen der Kapriolen, die Kaeser zuweilen schlägt, etwas überdrüssig. So sahen es viele im Unternehmen kritisch, dass Kaeser im November twitterte: „Wenn ein kiffender Kollege in den USA von Peterchens Mondfahrt spricht, ist er ein bestaunter Visionär.“ Gemeint haben konnte er damit nur den Tesla-Chef Elon Musk – ein wichtiger Siemens-Kunde. Auch früher hatte der Siemens-Chef schon mit Twitter-Tweets und klare Statements zu politischen Themen für Aufsehen gesorgt.

Über das Angebot Kaesers an die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, einen Aufsichtsposten bei Siemens Energy zu übernehmen, wird intern ebenfalls viel diskutiert. „Das war ein typischer Kaeser“, meint ein Siemensianer. Die Idee, das Gespräch mit den Kritikern zu suchen, sei richtig.

Das Angebot aber, in den Aufsichtsrat zu gehen, sei nicht gut vorbereitet gewesen und problematisch, wenn er zwei Tage später dann verkünde, dass man den Auftrag erfüllen werde. Der CEO habe es mal wieder allen recht machen wollen – und sitze nun zwischen allen Stühlen.

Bei Investoren stieß der Neubauer-Vorstoß aber auch auf Verständnis. Das Aufsichtsratsangebot zeige, dass Siemens es mit seinen Klimazielen ernst meine, sagte DWS-Fondsmanager Marcus Poppe dem Handelsblatt. „Es als rein taktisches Manöver abzutun wäre falsch.“


„Siemens muss verlässlich sein“

Für Kaesers Entscheidung, den Auftrag zu erfüllen, gibt es ebenfalls Rückendeckung bei Investoren. „Das Kind war schon mit der Annahme des Auftrags in den Brunnen gefallen“, sagte Portfoliomanagerin Diehl. Siemens hätte vor der Annahme des Auftrags die Tragweite der Entscheidung angemessen reflektieren und „vorausschauend diskutieren müssen, ob dies aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten vertretbar ist“.

Einen Kunden nach Abschluss eines Vertrags vor den Kopf zu stoßen, sei immer problematisch. DWS-Fondsmanager Poppe sagt: „Siemens muss verlässlich und berechenbar für seine Kunden sein. Daher ist die Entscheidung richtig, den Auftrag vertragsgemäß zu erfüllen.“

Nun, da Siemens den Auftrag erfüllen will, werden die Proteste auf der Hauptversammlung weitergehen. Dort wird es auch Fragen nach der Zukunft des CEOs geben. Dass die Diskussionen auch nach der Beförderung Buschs weitergingen, lag ein wenig auch an Kaeser selbst.

Als er im Herbst nach einer möglichen Vertragsverlängerung gefragt wurde, antwortete er, dass er das Unternehmen nie in Unordnung hinterlassen würde: „In dem völlig unerwarteten und unwahrscheinlichen Fall, dass es dann nicht klappt, könnte ich mir vorstellen, mich für zwei weitere Jahre zu verpflichten.“

Andere hätten da nur auf die Zuständigkeit des Aufsichtsrats verwiesen, der für die Vorstandspersonalien verantwortlich ist. Ein wenig, meint ein Insider, habe sich Kaeser dann doch verhalten, als ob es sein eigenes Unternehmen wäre.

Sollte der Übergang wie geplant klappen, stellt sich die Frage nach Kaesers Zukunft. Vorstellbar ist, dass er nach der obligatorischen Abkühlphase Aufsichtsratschef der Siemens AG wird. In Unternehmenskreisen wurde über eine entsprechende Absprache spekuliert.

Doch lässt der amtierende Chefkontrolleur Jim Hagemann Snabe bislang keine Amtsmüdigkeit erkennen. Solange er das Gefühl habe, Siemens dienen zu können, werde er weitermachen, hieß es in Aufsichtsratskreisen. Es gebe keinen Automatismus, dass Kaeser den Posten beanspruchen könne. Auch Investoren plädieren für ein langfristiges Engagement Snabes.

Als wahrscheinlichste Variante gilt intern derzeit, dass Kaeser den Aufsichtsratsvorsitz bei der neuen Siemens Energy übernehmen könnte. In den kommenden Monaten spaltet Siemens die Energiesparte ab, die für 40 Prozent der Umsätze steht. Kaeser sei immer viel um die Welt gereist und habe Aufträge für die Energiesparte eingeworben, heißt es in Aufsichtsratskreisen. Daher passe das Anforderungsprofil grundsätzlich zu ihm.

Manche Investoren würden sich aber auch hier eine Abkühlphase wünschen, selbst wenn diese gesetzlich nach Einschätzung von Experten nicht zwingend gefordert ist. Der Energy-CEO Michael Sen müsse Gelegenheit bekommen, sich freizuschwimmen.

Neues Gremium stößt auf Skepsis

Doch momentan ist all dies Zukunftsmusik. Zunächst muss Siemens die Folgen der Adani-Krise bewältigen. Die Frage ist, wie Siemens verhindern will, dass sich so ein Fall wiederholt. „Wenn Neugeschäft zulasten der Reputation geht, ist es richtig und sogar notwendig, auf problematische Kundenaufträge zu verzichten“, sagt Portfoliomanagerin Diehl. Auch Ingo Speich von Deka Investments fordert ein besseres „Reputationsmanagement“.

Kaeser hat die Berufung eines neuen Gremiums angekündigt, in das auch externe Experten berufen werden sollen. Dieses Gremium soll rechtzeitig eingreifen können, bevor ein möglicherweise problematischer Auftrag unterschrieben wird. Das klingt gut – doch gibt es im Unternehmen Skepsis. Siemens sammelte zuletzt Aufträge im Volumen von 98 Milliarden im Jahr ein. Darunter sind unzählige in der Größenordnung des Adani-Projekts.

Die alle im Blick zu behalten, erfordert gut funktionierende Prozesse. „Zudem ist die Frage, wo man die rote Linie zieht“, sagte ein Insider. Siemens-Automatisierungstechnik zum Beispiel ist in fast jeder Fabrik dieser Welt installiert.

Soll der Konzern für alle Produkte verantwortlich gemacht werden, die mit deren Hilfe produziert werden? In Australien liefert Siemens ja nicht einmal Minentechnologie. Es geht lediglich um die Signaltechnik für die Züge, die die Kohle zum Meer transportieren.

Joe Kaeser ist bewusst, wie schwer diese Fragen zu beantworten sind. „Wir sind weit davon entfernt, perfekt zu sein“, schrieb er in seinem Adani-Brief. Doch habe Siemens zum Beispiel mit Siemens Gamesa den weltgrößten Spezialisten für erneuerbare Energien geschaffen und helfe den Kunden, ihren CO2-Ausstoß zu reduzieren. Wenn man zusammenarbeite, wo es gemeinsame Ziele gebe, könne man viel erreichen für eine bessere Welt.