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Warum Joe Biden plötzlich den richtigen Ton trifft

Der demokratische Präsidentschaftskandidat galt als Wackelkandidat. Doch der 77-Jährige kommt bei den US-Bürgern gut an – quer durch alle Schichten der Gesellschaft.

Bis vor wenigen Wochen galt Joe Biden selbst in den Reihen seiner eigenen Partei als Wackelkandidat im wahrsten Sinne des Wortes. Als einer, von dem man nur hoffen konnte, dass ihn die rauen Wahlkampfwinde nicht umwerfen würden. Wochenlang verschanzte sich der demokratische Präsidentschaftskandidat vor dem Coronavirus im Keller seines Hauses im US-Bundesstaat Delaware. Nicht jedes Statement, das der 77-Jährige von dort via Webcast in die USA versandte, bestand aus vollständigen Sätzen und ergab auf Anhieb Sinn.

Die Republikaner und der ihnen nahestehende Nachrichtensender Fox News nutzten jeden Versprecher, um Biden als senilen Greis zu karikieren. Und zu allem Überfluss behauptete seine ehemalige Mitarbeiterin Tara Reade auch noch, Biden habe sie 1993 sexuell belästigt – was Biden bestreitet. Dass er in Wahlumfragen trotzdem knapp vorne lag, verdankte er weniger der eigenen Stärke als dem erratischen Corona-Krisenmanagement seines Kontrahenten Donald Trump.

Am 25. Mai, bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Corona-Lockdown, hatte sich Biden noch damit begnügt, einen Kranz an einer Kriegsgedenkstätte niederzulegen. Es war Memorial Day, der Volkstrauertag der USA.

Am selben Tag starb in Minneapolis der Afroamerikaner George Floyd, grausam erdrosselt durch weiße Polizisten. Tag für Tag erlebten die USA daraufhin friedliche Proteste gegen den Rassismus, die Nacht für Nacht in Gewalt umschlugen. Und angesichts dieser neuen Krise traf plötzlich Biden den richtigen Ton.

Sein zweiter öffentlicher Termin gilt eine Woche nach Floyds Tod einer afroamerikanischen Kirchengemeinde in Bidens Heimatstadt Wilmington. Ein ikonisches Bild von diesem Auftritt zeigt den gläubigen Katholiken Biden, gemeinsam mit schwarzen Gemeindemitgliedern tief ins Gebet versunken. So etwas mögen Amerikaner.

Es ist der gleiche Tag, an dem sich US-Präsident Donald Trump von Bundespolizisten den Weg durch friedliche Demonstranten zur St. Johns Church gegenüber vom Weißen Haus freiprügeln lässt. Das ebenso ikonische Bild von diesem Auftritt zeigt Trump, wie er unvermittelt eine Bibel neben seinen Kopf hält. Dabei wirkt er etwa so empathisch wie ein Exorzist mit Zahnschmerzen.

Solidarisch mit den Demonstranten

Am Tag darauf hält Biden eine Rede in Philadelphia. Er verurteilt den Tod von Floyd, erklärt sich solidarisch mit den friedlichen Demonstranten und startet dann eine Attacke auf Trump, so leidenschaftlich wie man sie zuvor noch nie von Biden gehört hat: „Ist das wirklich das, was wir unseren Kindern und Enkelkindern mitgeben wollen – Furcht, Angst, Schuldzuweisungen?“, fragte er. Um dann über Trumps Auftritt vom Vortag zu spotten: „Ich wünscht er würde die Bibel aufschlagen statt sie nur hoch zu halten. Da könnte er was lernen.“

Nach dem Tod von Floyd rief Biden dessen Bruder an, um ihm sein Beileid auszusprechen. Der schwärmte anschließend: „Ich habe das Gespräch mit Biden geliebt.“ Trump rief den Bruder ebenfalls an. „sehr kurz“, sei das Telefonat gewesen, sagt dieser hinterher. Einmal mehr bewahrheitet sich Bidens Selbsteinschätzung: „Ich kann gut mit Afroamerikanern, und ich glaube die können gut mit mir.“

Moe Vela, Bidens Verwaltungschef in dessen Zeit als Vizepräsident unter Barack Obama, sagt über seinen ehemaligen Chef: „Er hat die Fähigkeit, wirklich jedem Menschen mit Empathie zu begegnen.“

Bei Auftritten in Hotels, erinnert sich Vela, brauchte Biden bei dem für Politiker üblichen Weg durch die Küche in den Saal besonders lange, weil er mit jedem, der in der Küche arbeitete, ein Schwätzchen hielt. Dieser Respekt kommt bei Afroamerikanern besonders gut an, die sich im US-Alltag oft als Bürger zweiter Klasse fühlen. Seit Floyds Tod ist aus Bidens knappem Vorsprung in den Umfragen ein solider Abstand von zehn Prozentpunkten geworden.

Auch ein anderes Problem hat sich für Biden erledigt. Die ihm nahstehenden liberalen Medien vom Nachrichtensender CNN bis zur „New York Times“ begannen in Tara Reades Vergangenheit zu graben. Sie stießen auf einen Hochschulabschluss, den sie erfunden hatte, mehrere ehemalige Vermieter, denen sie Geld schuldig geblieben war. So ungerecht das sein mag – den Vorwurf der sexuellen Belästigung nimmt Reade nun kaum noch jemand ab.