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Jobprotokoll einer Bestatterin: "Wir haben in der Corona-Pandemie einen Schneewittchensarg gebaut, damit sich die Angehörigen verabschieden können"

·Lesedauer: 6 Min.

Asta Maria Krohn führt mit ihrer Kollegin Helena Giuffrida das Bestattungsunternehmen "asta & helena" in Berlin. Als Bestatterin organisiert sie nicht nur die Beisetzung eines Verstorbenen, sondern begleitet die Hinterbliebenen auch in dieser Phase des Trauerns. In diesem Protokoll erzählt sie von einem Fall, der ihr besonders im Gedächtnis geblieben ist — von ihrem härtesten Tag.

Alle waren gekommen. Mehr als 100 Menschen hatten sich auf dem Friedhof versammelt, an einem grauen, recht kalten Tag im Oktober. Nur eine wichtige Person fehlte: Die Tochter des Verstorbenen. Es hatte im Vorfeld viel Streit gegeben. Sie und ihr Bruder waren sich nicht einig, wie ihr Vater beigesetzt werden soll. Beide hatten berechtigte Interessen. Die Tochter wollte eine Seebestattung — ihr Vater liebte doch das Meer so sehr. Der Sohn wollte einen Platz, wo er den Verstorbenen besuchen kann, ein Grab auf einem Friedhof also.

Soweit ich weiß, reden die Geschwister auch heute noch kein Wort miteinander. Ich arbeite seit etlichen Jahren als Bestatterin. Streit zwischen Angehörigen über die Art und Weise, wie eine Beerdigung ablaufen soll, kommt natürlich immer mal wieder vor. In so einem Ausmaß wie bei diesen beiden habe ich das allerdings noch nie erlebt.

Im Frühsommer, ein paar Wochen vor der Beerdigung, kontaktierte mich die Tochter. Ihr Vater hatte Suizid begangen. Obwohl sie und ihr Bruder wussten, dass der Vater Probleme hatte, waren sie sehr bestürzt darüber. Beide liebten den Verstorbenen sehr. Die Schwierigkeit war, dass er ihnen nichts hinterlassen hatte. Keinen Abschiedsbrief, keinen letzten Wunsch.

Dabei ist es für Angehörige unheimlich wichtig zu wissen, auf welche Art ein Mensch bestattet werden will. Das ist für viele Menschen ein heikles Thema und man muss auch nicht unbedingt einen Vorsorgevertrag abschließen oder Geld für die Bestattung anlegen — obwohl das durchaus vorteilhaft wäre. Hilfreich ist schon kurz aufzuschreiben, was man möchte und sich vorstellt. Auch wenn das einem im ersten Moment seltsam vorkommen mag — es hilft Hinterbliebenen enorm. Und uns auch.

"Teilweise gab es so verbale Aussetzer, dass ich richtig entsetzt war."

Ich bin mir sicher, dass der Vater nicht gewollt hätte, dass sich seine beiden Kinder deswegen derart verwerfen. Beide waren so vereint in dem Schmerz über den Verlust — und dann driftete es auseinander. Irgendwann wurde der Streit immer hässlicher, andere Verwandte mischten sich ein, machten Druck. Teilweise gab es so verbale Aussetzer, dass ich richtig entsetzt war. Ich habe immer wieder versucht zu vermitteln. Aber die Fronten waren so verhärtet, dass ich nicht wirklich etwas ausrichten konnte. Die Urne mit der Asche des Vaters blieb Woche für Woche liegen, Monat für Monat. Auch für mich eine belastende Zeit.

Ein Sterbefall ist immer eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten. Wird mir eine Bestattung anvertraut, gehören tröstende Gespräche und eine psychologische Begleitung genauso zu meinen Aufgaben wie die Organisation der Beerdigung. Seit mehreren Jahren arbeite ich ehrenamtlich als Sterbebegleiterin — ich weiß also, was Hinterbliebene brauchen. Und das ist meistens Zeit und Zuwendung.

Der Arbeitsprozess ähnelt sich zwar, ist aber auch in jedem Fall ein bisschen anders. Nachdem ein Mensch verstorben ist, bekomme ich normalerweise zunächst einen Anruf von den Hinterbliebenen. Wir besprechen die Abholung des Verstorbenen und die groben Vorstellungen der Familie — etwa, ob sie sich schon verabschiedet haben oder der Leichnam eingeäschert werden soll. Ich frage unter anderem, ob sie Kleidung für den Verstorbenen aussuchen oder sonst etwas als Sargbeigabe mitgeben möchten, und wir verabreden uns zu einem persönlichen Gespräch.

"Ob man sich von einem geliebten Verstorbenen verabschiedet, bedeutet viel im Trauerprozess."

Besonders wichtig ist mir, dass die Hinterbliebenen sich richtig verabschieden können. Ich habe selbst Menschen verloren. Ob man sich von einem geliebten Verstorbenen verabschiedet, bedeutet viel im Trauerprozess. Ist ein Leichnam nicht infektiös, haben Angehörige die Möglichkeit, diesen nochmal nach Hause zu holen und aufzubahren. Oder wir machen das in unseren Räumen. So können sie nochmal Abschied nehmen — sollten sie beim Tod nicht dabei gewesen sein oder keine Möglichkeit gehabt haben, den Menschen vorher nochmal zu besuchen.

Gerade in der schlimmsten Corona-Zeit war das sehr schwer. Die Menschen konnten ihre Angehörigen manchmal monatelang nicht besuchen. Und eine Aufbahrung war auch nicht möglich. Wir haben in der Corona-Pandemie einen Schneewittchensarg gebaut, damit sich die Angehörigen verabschieden können. Durch einen durchsichtigen Deckel können sie den Verstorbenen noch einmal sehen – ohne Angst zu haben, sich anzustecken.

Vor der Bestattung gibt es normalerweise mindestens ein persönliches Gespräch. Manchmal auch mehrere. Ich versuche genau herauszufinden, was die Hinterbliebenen brauchen. Ohne Zeitdruck. Wenn mir jemand erstmal eine Stunde erzählen möchte, was für ein Mensch der Verstorbene war, ist das in Ordung. Es stört mich auch nicht, wenn ein Angehöriger spät Abends bei mir anruft und etwas nachfragt, dass ihm noch im Kopf rumgeistert. Das sind unheimlich viele Infos, die ein Hinterbliebener verarbeiten muss.

"Jemanden gehen zu sehen, ist schon eine spezielle Situation.."

Bei der Beisetzung und der Trauerfeier bin ich oder meine Kollegin immer dabei. Da gibt es auch Situationen, die einen schlucken lassen. Als Mutter und Großmutter macht das schon etwas mit einem, wenn man eine Frau sieht, die sich auf den Sarg ihres Babys wirft und ihn nicht loslassen will. Menschen beim Abschied zu begleiten, ist zwar unser Beruf. Wir wissen aber auch, dass es jeden von uns nur einmal gibt – und jemanden gehen zu sehen, ist schon eine spezielle Situation. Aber auch wenn mir das nahe geht, trauere ich nicht mit.

Durch meine Arbeit als Sterbebegleiterin habe ich mir ein gewisses Handwerkszeug angeeignet, das mir hilft, mit dem Tod besser umzugehen. Ich habe zum Beispiel einem Mann, denn ich sehr lange begleitet habe, nachdem er verstorben ist die letzten Kapitel aus einem Buch vorgelesen, das wir nicht mehr geschafft haben. Dann weiß er, dass ich ihn nicht vergessen habe — so lege ich mir das irgendwie immer zurecht. Das ist vielleicht etwas kindlich, aber meine Art, solche Dinge zu verarbeiten.

Eigentlich habe auch nicht ich mir diesen Beruf ausgesucht, sondern er mich. Ich bin psychologisch ausgebildet, gern für andere da und kann gut organisieren. Durch mein persönliches Erleben und die Arbeit als Sterbebegleitung hat sich das irgendwann einfach so gefügt. Eine Ausbildung habe ich nicht. Die gibt es zwar, sie ist aber nicht zwingend notwendig. Viele Bestatter sind heutzutage Quereinsteiger. Was toll ist, denn Herkunftsberufe und Lebenserfahrung sind eine gute Basis für diese Arbeit.

Mir und meiner Kollegin ist es ein Bedürfnis, nicht nur die Bestattung zu organisieren, sondern auch für die Sterbenden und Hinterbliebenen da zu sein. Es ist schön und beruhigend, wenn man nach Beisetzung und Begleitung weiß, so war es gut für die Angehörigen.

Vielleicht ist mir deshalb auch das mit den beiden Geschwistern so gut in Erinnerung geblieben. Denn hier war es eben nicht gut für alle Angehörige. Die Tochter gab nur nach, weil sonst ein Gericht hätte klären müssen, auf welche Weise der Vater seine letzte Ruhe finden soll. Sie lenkte schweren Herzens ein — und hatte trotzdem den Bruder und die Geschwister des Vater gegen sich. Für sie war das einfach nicht der Platz, wo sich der Vater wohlgefühlt hätte, so wie sie ihn kannte. Sie verband mit dem Grab und der Urne aus Stahl, die ihr Bruder ausgesucht hatte, ein unheimliches Gefühl des Eingesperrtseins.

Ihr Wegbleiben auf der Beerdigung hat für eine Lücke gesorgt. Da lag eine ganz merkwürdige Stimmung über dem Ganzen. Die Trauerrednerin hat die Schwester erwähnt, ihr Stuhl war aber leer. Verwandte des Vaters sind auf mich zugekommen und haben nach der Tochter gefragt. Ich fand es sehr bedrückend zu sagen: Sie kommt nicht, sie nimmt anders Abschied.

Das ist jetzt Jahre her. Vor ein paar Wochen hat die Tochter noch ein Bild von dem Grab ihres Vaters geschickt: Es war kein Stein drauf und völlig verwildert. Das hat mich wirklich bestürzt.