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Japan setzt auf eine Fortsetzung der Hausse

Japans Anleger konnten sich 2019 über deutliche Kurssprünge freuen. Kommen keine externen Krisen in die Quere, könnte Japan auch 2020 zum Geheimtipp werden.

Die Götter des Kabuto-Schreins sind Japans Börsianern derzeit anscheinend gnädig gestimmt. Zu Beginn eines jeden Jahres versammeln sich Broker und Banker an dem kleinen Gebäude gegenüber der Tokioter Börse, um die Schutzpatrone für Wertpapierhäuser und Geschäftsleute um gute Gewinne zu bitten.

2019 wurden die Anleger dann nach schlechten acht Monaten doch noch mit einem 20-prozentigen Kurssprung belohnt. Am 27. Dezember ging der Nikkei-225-Index mit 23.837 Punkten aus dem Handel. Und der Chef von Citis japanischer Equity Research, Ken Yoshikawa, sagt eine Fortsetzung der Hausse voraus: „2020 wird ein sehr aufregendes Jahr für japanische Aktien.“

Er steht damit nicht allein. Die US-Großbank Goldman Sachs gehört dieses Mal mit einem Kursziel von 25.000 Punkten für den Nikkei-225-Index noch zu den vorsichtigen Auguren. Dies wäre nur ein Plus von fünf Prozent. Das Investmenthaus Jefferies hingegen erhöhte seine Erwartung von „moderate bullish“ auf „bullish“.

Japans Investmentbank Nomura wiederum sagt für den breiter gewichteten Topix-Index ein Plus von 19 Prozent voraus, Japan-Optimist Jesper Koll, ein dort ansässiger Berater des Investmentfonds Wisdomtree, einen Anstieg des Nikkei um 21 Prozent auf 29.000 Punkte. Dies wäre der höchste Wert seit mehr als 28 Jahren. „Japan könnte im Jahr der Olympischen Spiele in Tokio ein Topmarkt werden“, wirbt Koll.

Es gibt zwar Mahner im jüngsten Boom wie die Experten des Vermögensverwalters Vanguard-Gruppe. Die warnen, dass langsameres Wachstum und fortgesetzte geopolitische Unsicherheit ein unsicheres Umfeld für 2020 und die kommenden Jahre schaffen. „Die Wahrscheinlichkeit eines großen Absenkens von Aktien und anderen risikoreichen Vermögenswerten bleibt erhöht.“

Andere warnen vor einer Rezession in den USA oder einer neuen Krise um Nordkoreas Atomprogramm. Aber Citis Japan-Experte Yoshikawa glaubt, dass die Anleger den seit September anhaltenden Trend fortsetzen werden. Und verantwortlich dafür ist ein Faktorenbündel, das von externen Einflüssen bis hin zu einem riesigen Konjunkturprogramm reicht, mit dem Japans Regierung die negativen Folgen einer Mehrwertsteuererhöhung vom Oktober 2019 bekämpfen will.

Japan lockt mit niedrigen Bewertungen

Der Auslöser der Hausse war ein Stimmungswandel im Handelsstreit. In der zweiten Jahreshälfte ließen die Sorgen nach. „Der globale Risikoappetit hat sich verbessert“, so Citi-Mann Yoshikawa. Und Japan profitierte in dem Fall wie gewöhnlich besonders davon, denn exportorientierte Konzerne haben ein hohes Gewicht im Nikkei-Index. „Aber dieses Mal sind auch Japan-spezifische Faktoren am Werk“, so der Japaner.

Ein Faktor ist die vergleichsweise bescheidene Bewertung japanischer Aktien. „Japan sieht wie ein Sonderangebot aus“, meint Yoshikawa. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei zwölf bis 14. Japan biete globalen Private-Equity-Fonds eine große Gelegenheit, urteilt der Citi-Experte. Und die Bewertungen wirken noch billiger, wenn man sich den Zustand der Japan AG vor Augen führt.

Die Unternehmen sind generell nach Jahren an Rekordgewinnen keine Sanierungsfälle, sondern oft sehr profitabel und zudem extrem reich. 506 Billionen Yen (4,2 Billionen Euro) an flüssigen Vermögenswerten stehen in ihren Bilanzen. Und die Konzerne wollen ihr Geld nun nutzbringender verwenden, so Yoshikawa. Eine Anlageform sind dabei Dividenden und Aktienrückkäufe. Beide stiegen 2019 auf Rekordhöhen.

Doch am eindrucksvollsten war die Verringerung des Aktienbestands. Das Volumen der Rückkäufe stieg 2019 um 50 Prozent auf zehn Billionen Yen – Tendenz gleichbleibend. Denn die neuen Corporate-Governance-Richtlinien der Regierung erhöhen den Druck auf die Japan AG, ihre Kapitalrendite zu erhöhen. „Und der einfachste Weg dafür sind Aktienrückkäufe“, sagt Kentaro Koyama, Chefvolkswirt der Deutschen Securities, des Wertpapierarms der Deutschen Bank in Japan.

Und damit nicht genug: Gleichzeitig schnellen die Fusionen und Firmenkäufe in die Höhe. Doch das Neue an dem Trend ist, dass Japans Unternehmen sich nicht mehr nur im Ausland umschauen, sondern auch daheim, um sich zu restrukturieren, meint Wisdomtree-Berater Koll. „Japans Konzernchefs erwachen aus ihrem Winterschlaf.“

Das bietet Investmentfonds und Aktionärsaktivisten zusätzliche Chancen. Außerdem setzen die Propheten des Booms darauf, dass Japans Zentralbank vorerst weiterhin durch börsennotierte Fonds Aktien kauft und damit den Markt stützt. Schon jetzt besitzt die Bank of Japan rund acht Prozent an der Japan AG.

Der Joker: Japans Wirtschaftswachstum

Am weitesten gehen allerdings die Meinungen über Japans Wirtschaftswachstum auseinander – und das hat Folgen für die Kursziele. Ökonom Koyama liegt am unteren Ende der Prognosen, weil er einen großen negativen Einfluss der Mehrwertsteuererhöhung erwartet. Für 2020 sagt er daher ein Wachstum von „höchstens 0,1 Prozent“ voraus. Dennoch sieht auch er eine Basis für eine Fortsetzung des Booms.

„Die globale Wirtschaft erholt sich weiter, und die Zentralbanken erhalten den geldpolitischen Status quo“, glaubt er. Damit würde überall in den Industrienationen eine große Lücke zwischen nominalem Wachstum und Firmengewinnen auf der einen Seite und Zinsen für Anleihen klaffen. „Das sollte ein sehr gutes Umfeld für riskante Vermögenswerte darstellen“, so Koyama.

Der selbst ernannte Japan-Optimist Koll – selbst ausgebildeter Ökonom – hält dagegen eine Wachstumsrate von über ein Prozent für möglich. Ein Grund ist für ihn die Regierung, die ein Konjunkturprogramm von insgesamt 110 Milliarden Euro aufgelegt hat. Ein anderer Grund sind die Unternehmen, die wegen des grassierenden Arbeitskräftemangels immer mehr in Automatisierung investieren. „Die Gewinne könnten daher 2020 durchaus um bis zu 15 Prozent steigen“, meint er. Der Konsens läge bei null bis zwei Prozent.

Die unterschiedlichen Annahmen bestimmen dann auch die Auswahl der Sektoren, die die Strategen empfehlen. Weitgehend einig sind sich die Berater in ihrer Abneigung gegen die Autoindustrie. Denn durch den Umbruch in der Branche sind die Investitionen in Elektromobilität und autonomes Fahren sehr hoch, der Ausgang des Rennens ist allerdings unabsehbar. Recht gute Chancen werden einigen Unternehmen des Technologiesektors wie Sony oder Herstellern von Bauteilen eingeräumt, bei denen Japan sehr wettbewerbsfähig ist.

Umstritten sind die Aussichten für Banken. „Niemand will Makrowetten auf Banken abschließen“, meint Citi-Berater Yoshikawa. Es gebe zu viele, und die Gewinnkraft sei wegen der Minuszinspolitik der Notenbank zu niedrig. Morgan Stanleys Strategen stimmen dem zu.

Der Investmentfondsberater Koll hingegen teilt diese Auffassung nicht. Die Banken hätten zwar keine Chancen, durch höhere Kreditzinsen ihre Gewinnmargen zu verbessern. „Aber sie sind hochinteressant“, so Koll. Die Talsohle sei durchschritten. Und wenn die Wirtschaft wirklich so rasant wächst, wie er es vorhersagt, könnten auch die Banken zulegen. Oder auch nicht: Selbst in einem Bullenmarkt gibt es Chancen, Geld zu verspielen.