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Das Japan-Paradox: Erfolge im Kampf gegen Corona helfen der Regierung nicht

Obwohl Japans Regierungschef Abe den Notstand vorzeitig aufhebt, hat er an Beliebtheit verloren. Das liegt auch an der schlechten Kommunikationsstrategie.


Der Ministerpräsident kann den Notstand früher aufheben als geplant. Doch bei der Bevölkerung hat er an Beliebtheit eingebüßt. Foto: dpa

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe hat an diesem Donnerstag einen Etappenerfolg im Kampf gegen das Coronavirus angekündigt: „Mit der Zustimmung der Experten werden wir am heutigen Tag in 39 der 47 Präfekturen den Notstand aufheben“, kündigte der Regierungschef an – zwei Wochen vor dem geplanten Ende. Nächste Woche könnten dann die Großräume Tokio und Osaka sowie die Insel Hokkaido folgen, so Abe. „Wir sehen einen guten Trend.“

Tatsächlich sticht Japan global im Kampf gegen das Coronavirus heraus. Obwohl Japan weniger Corona-Tests durchführt als andere Länder, scheint das Land das Virus unter Kontrolle zu haben. In vielen Präfekturen wurden schon seit mehr als einer Woche keine neuen Covid-19-Fälle gefunden. Die Webseite Covid19Japan.com zählt in Tokio mit fast 14 Millionen Einwohnern am Donnerstag nur 30 Fälle, landesweit waren es 70 Fälle. Dies ist weniger als ein Zehntel des Rekordwerts Anfang April.

Lange stand der Verdacht im Raum, durch die geringe Zahl an Tests würden womöglich Fälle übersehen. Doch auch nach dem Ausbau der Testkapazitäten bleiben die Fallzahlen niedrig. Und auch die Zahl der Todesfälle ist überschaubar. Insgesamt verzeichnet das Land mit seinen 126 Millionen Einwohner nur 702 Covid-19-Tote.

Die Lage scheint also unter Kontrolle zu sein. Trotzdem fliegen Japans Ministerpräsident im Gegensatz zu vielen weniger erfolgreichen westlichen Regierungschefs nicht etwa die Sympathien der Bevölkerung zu. Stattdessen litten seine Popularitätswerte unter seinem Zickzackkurs.

Dass Beliebtheit nicht von Opferzahlen abhängt, macht das britische Magazin The Economist klar. Nach dessen Umfragen ist die Zustimmungsrate zu Abe seit Ende März um etwa fünf Prozentpunkte auf 28 Prozent gefallen. Schlechter hat sich nur die Popularität von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro entwickelt, während der britische Premier Boris Johnson noch immer fast 15 Prozentpunkte über seinem März-Wert liegt.

Einige japanische Umfragen spiegeln den gleichen Trend wider. Im monatlichen Popularitätsbarometer des öffentlich-rechtlichen TV-Senders NHK sackte Abes Imagewert von Mitte Februar bis Mitte April um sechs Prozentpunkte auf 39 Prozent ab. Beim privaten Rivalen NTV fiel der Wert von Januar bis zum Mai sogar um zehn Prozent auf 42 Prozent.

Abe hat sich nicht als klarer Krisenmanager positioniert

Den Grund für dieses Paradox sehen Beobachter in Abes fehlender Führung und vager Kommunikationsstrategie. „Die Unentschlossenheit in kritischen Momenten hat Abes Ruf als entschlossener Führer permanent verändert“, urteilt Tobias Harris, Japan-Experte beim Sicherheitsberater Teneo Intelligence. Auch der deutsche Kommunikationsexperte Jochen Legewie, Asien-Vorsitzender des globalen PR-Beraters Kekst CNC, sieht es so: „Wir haben eine Reihe von Aktionen gesehen, aber keine klare Richtung und Führung der Regierung.“

Eine Vergleichsstudie von Kekst CNC zwischen Deutschland, den USA, Schweden, Großbritannien und Japan liefert einen weiteren Beleg für Japans Sonderrolle. In Deutschland und Schweden wuchs das Vertrauen in die Regierung, in den USA und Großbritannien sank es – aber verglichen mit Nippon nur leicht. Die Japaner sehen Behörden traditionell kritischer als die Bevölkerung in anderen Ländern. Nun verschlechterte sich bei 58 Prozent sich die Meinung noch.

Ein Grund ist die vage Reaktion der Regierung. Zu Beginn der Epidemie fehlten klare Strukturen, während Abe einen Zickzackkurs fuhr. Zuerst hielt er lange die Grenzen zu China offen, um die angespannten Beziehungen zu dem Staat zu verbessern. Dann forderte er im Februar ohne Vorwarnung und Rat der Experten die Schließung aller Schulen.

Als dann im März die Infektionszahlen in Tokio in die Höhe schnellten, reagierte nicht der Regierungschef. Stattdessen rief Tokios Gouverneurin Yuriko Koike eine Art informellen Notstand aus und bat die Menschen, nach Möglichkeit zuhause zu bleiben. Abe folgte erst am 7. April für einige Zentren, eine Woche später für das ganze Land. Anfang Mai musste er dann den Notstand, der keine strengen Ausgangssperren wie in Europa umfasste, auch noch verlängern. Denn die Infektionszahlen sanken langsamer, als es den Experten lieb war.

Zugleich rätselten selbst Experten, wie schlimm die Lage wirklich ist. Denn zum einen führte Japan kaum Coronatests durch. Zum anderen veröffentlichte der Expertenrat der Regierung wichtige Daten wie die Infektionsrate erst Anfang Mai. Konkrete Maßstäbe für die Aufhebung des Notstands wurden sogar erst jetzt publik.

Eine Bedingung lautet, dass die Zahl der Neuinfektionen unter 0,5 Person unter 10.0000 Einwohnern pro Woche liegen sollte. Das wäre ein 100stel des deutschen Werts, wie man in Japan betont. Weitere Kriterien für die Lockerung sind der Anteil unklarer Infektionsquellen und der Belastungsgrad des Gesundheitssystems.

In der Coronakrise stieg auch in Japan die Beliebtheit von lokalen Politikern, die transparenter und klarer führten. Der Bürgermeister der Millionenmetropole Osaka, Hirofumi Yoshimura, legte beispielsweise gegen den Widerstand der Zentralregierung eigene Kriterien vor, nach denen er die Beschränkungen in seiner Stadt lockern will. Der Lohn: In zwei Umfragen ist er nun der beliebteste Politiker des Landes geworden, gefolgt von Tokios Gouverneurin Koike.

Japaner sind unzufrieden über Hilfsmaßnahmen

Einen anderen Grund für die schlechten Popularitätswerte des Ministerpräsidenten liefert die Studie von Kekst CNC: die Unzufriedenheit mit dem Hilfsprogramm der Regierung, das inklusive Kreditgarantien immerhin 20 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht.

Nun kündigte Abe noch ein zweites Konjunkturpaket an, für das es zumindest imagepolitisch einen guten Grund gibt: In Japan befürchten 39 Prozent der Menschen, ihren Job zu verlieren. Das sind zwei bis dreimal so viele wie in anderen Ländern. Und nur zwölf Prozent der Menschen hielten die bisherigen Maßnahmen für ausreichend.

Legewie macht für die Unzufriedenheit drei Ursachen aus: „Es ist sehr kompliziert, sich um die staatliche Hilfe zu bewerben.“ Sei es Kurzarbeitergeld oder die direkte Hilfe von 800 Euro pro Person. Und das Geld habe oft die Menschen noch nicht erreicht. „Das ist besonders der Fall für kleine und mittlere Unternehmen, bei denen die Menschen nicht über starkes soziales Netzwerk wie in Deutschland oder Schweden verfügen“, erklärt Legewie.

Ministerpräsident Abe versprach am Donnerstag, diese Kritikpunkte zu verbessern. Gleichzeitig rief er die Bürger auf, rigoros den Vorschlägen für neue, sozial distanziertere Lebens- und Arbeitsstile zu folgen, die Epidemiologen und mehr als 80 Industrieverbände ausgearbeitet haben. Die Menschen müssten noch lange mit dem Virus leben, sagte Abe. „Das ist eine große Herausforderung.“

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