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Warum Japan vom Klimasünder zum Symbol der Wende werden will

·Lesedauer: 5 Min.

Bislang war Japan ein Nachzügler im Klimaschutz. Japans Regierungschef Suga will das ändern. Denn die Japan AG sorgt sich, in der Umwelttechnik abgehängt zu werden.

Japans neue Regierung setzt verstärkt auf Sonnen- und Windenergie. Foto: dpa
Japans neue Regierung setzt verstärkt auf Sonnen- und Windenergie. Foto: dpa

Asien ist schon lange der wirtschaftliche Motor der Welt. Nun beginnt die Region, auch beim Klimaschutz aufs Gas zu drücken. Nach China hat nun auch die Exportnation Japan ihre Emissionsziele drastisch gesenkt.

Kaum im Amt, versprach Japans neuer Ministerpräsident Yoshihide Suga im Oktober sogar, bei Treibhausgasemissionen wie die Europäische Union bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Das bedeutet, dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt dann nur noch so viele Treibhausgase ausstoßen will, wie sie in Wäldern oder mit neuen Technologien der Atmosphäre wieder entzieht.

Damit wird das Land der aufgehenden Sonne zum Symbol dafür, mit welcher Leichtigkeit ein drastischer Tempowechsel in der Klimapolitik gelingen kann – wenn die Bedingungen stimmen. Bislang war Japan ein Nachzügler im Klimaschutz. Japans Regierung hatte bislang angepeilt, bis 2050 die Nettoemissionen inklusive von CO2-Speichern wie Wälder bis 2050 um 80 Prozent zu senken.

Die Experten der Internetseite „Climate Action Tracker“ bewerteten Japans Klimapolitik daher als „höchst unzureichend“ – und damit als fast so schlimm wie die der Topverschmutzer USA oder China. Doch plötzlich loben selbst Umweltexperten die Regierung in Tokio. „Das ist ein riesiger Wandel“, sagt Mika Ohbayashi, Direktorin vom Institut für erneuerbare Energie (REI) in Japan.

In Japan war es ein neuer Regierungschef, der das Thema erneuerbare Energien nutzt, um sich innen- und geopolitisch als Macher zu profilieren. Und die Industrie in Japan schreit nicht auf, sondern zieht mit. Japans ehemaliger Verhandlungsführer in Klimaschutzverhandlungen, Jun Arima, nennt einen Grund: „Japan will nicht den Anschluss verlieren.“

Bidens Sieg als Impuls

Schon die Entscheidung Chinas, bis 2060 seine Bilanz von Emissionen und Bindung von Treibhausgasen auf null zu senken, ließ die Wirtschaft aufhorchen. Der entscheidende Anstoß sei aber die Aussicht auf einen Wahlsieg des Demokraten Joe Biden in den USA gewesen, meint Umweltexpertin Ohbayashi. Im Gegensatz zu Amtsinhaber Donald Trump will Biden Klimaschutz wieder auf die Agenda setzen.

Der Chef des Unternehmensverbands Keidanren, Hiroaki Nakanishi, warnte daher, dass das Land den wachsenden Wettbewerb um Umwelttechnologien sehr ernst nehmen müsse. In Suga finde die Industrie dabei einen willigen Zuhörer, meint der Volkswirt Jesper Koll, der in Regierungsausschüssen gearbeitet hat. „Suga ist entschlossen, Japan zu einem weltweit führenden Land zu machen, nicht indem er redet, sondern indem er handelt.“

Dabei setzt er wie sein politischer Freund, der frühere Regierungschef Junichiro Koizumi, auf Strukturreformen. Ein Wandel der Energieindustrie hat dabei für den neuen Regierungschef den Vorteil, nicht nur daheim seine Popularität zu steigern, sondern mit massiven Investitionen in Infrastruktur und Innovationen auch das Wachstum zu fördern. Denn eines ist den Japanern klar: Mit den derzeitigen Technologien lässt sich das neue Klimaziel nicht erreichen.

Um sich noch stärker als Macher zu beweisen, hat Suga sogar den typischen Politikprozess Japans umgekrempelt. Anders als üblich habe nicht die Bürokratie die Entscheidungen vorbereitet und die Politik sie abnickt, erklärt der ehemalige Spitzenbeamte Arima, der jetzt am Graduiertenkolleg der Universität Tokio lehrt. „Dahinter stand ganz klar Sugas Führung.“

Plötzlich dürfen die Bürokraten sich nicht mehr mit den Lobbys auf den „besten Mix“, sprich den kleinsten gemeinsamen Nenner in der Energiepolitik einigen. Suga diktierte nun das Ziel. Und die Beamten müssen zusehen, wie sie es erfüllen.

Wie Suga die Lobbys überwand

Allerdings kommt die Entscheidung nicht ganz überraschend. Als Kabinettsamtschef von Ministerpräsident Shinzo Abe war Suga bereits daran beteiligt, personalpolitisch die klimapolitische Wende einzuleiten. Mit Hiroshi Kajiyama wurde ein Politiker zum mächtigen Minister für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti), der nicht der Atom- und Kohlelobby nahesteht und stärker für erneuerbare Energien eintritt.
Gleichzeitig wurde Sugas ambitionierter politischer Schützling Shinjiro Koizumi, der 39-jährige Sohn des gleichnamigen früheren Ministerpräsidenten, zum Umweltschützer ernannt. Und der zog sofort gegen die Politik des Meti ins Feld, massiv auf die Verstromung von Kohle und langsame Emissionssenkungen zu setzen.
Mit der Entscheidung von Suga feiert die Nachwuchshoffnung der regierenden liberaldemokratischen Partei nun ihren ersten Erfolg. „Ich bin ehrlich gesagt froh, dass sich meine Appelle mit der Entscheidung des Premierministers ausgezahlt haben“, sagte Koizumi der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ in einem Interview. „Die Tatsache, dass der Übergang zu einer kohlenstoffneutralen Gesellschaft zu einem Kernstück unserer Wachstumsstrategie gemacht wurde, ist ein historischer Wendepunkt.“

Japans neue Klimaziele

Wie ernst es Japan allerdings wirklich meint, muss nun die Revision von Japans Klimazielen zeigen. Bisher verspricht Japans Regierung lediglich, bis 2030 die Treibhausgasemissionen um 26 Prozent unter den Wert von 2013 zu senken. Bis dahin soll der Anteil von erneuerbaren Energiequellen auf 22 bis 24 Prozent steigen und so mit Kohle- und Atomstrom ungefähr auf einem Niveau liegen.
Die Umweltexpertin Ohbayashi erwartet nun eine drastische Revision. Zum einen wurden die bisherigen Ziele weltweit als zu schwach kritisiert. „Zum anderen haben erneuerbare Energien in der ersten Jahreshälfte bereits einen Anteil von 23 Prozent an der Stromerzeugung erreicht.“
Noch ist allerdings offen, für welchen Energiemix sich Japan entscheidet. Atom- und Kohlestrom werden wahrscheinlich weiter eine wichtige Rolle spielen, weil Japans Regierung sich von ihnen billigen Strom und Energiesicherheit erhofft. Aber Meti-Minister Kajiyama hat bereits angedeutet, dass Sonnen- und Windenergie deutlich mehr Gewicht erhalten werden.
Damit könnte Japan endgültig zu einer „grünen“ Großmacht werden. Nach Zahlen der internationalen Agentur für erneuerbare Energien (Irena) rangiert Japan nach China bereits auf dem zweiten Platz der Solarstromerzeuger. Auch die Windenergie wird massiv ausgebaut. Vor der Küste des havarierten Atomkraftwerks Fukushima 1, das 2011 von einem Tsunami zerstört wurde, grüßen am Horizont bereits ein paar Windmühlen. Dort soll einer der größten Windparks der Welt entstehen.