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James Blunt gibt Geisterkonzert in der Elbphilharmonie

„The show must go on“: Weil große Konzerte und Events wegen Corona-Gefahr verboten sind, entwickeln Veranstalter nun Umgehungsstrategien.

Der Brite gab am Mittwoch ein Konzern ohne Publikum. Foto: dpa

Der britische Popstar James Blunt trat am Mittwochabend vor leeren Rängen in der Hamburger Elbphilharmonie auf. Als trotzigen Auftaktsong sang er „How it feels to be alive“. Fans konnten Blunts Geisterkonzert kostenlos im Live-Stream im Internet verfolgen. „Solche Konzerte dürften das Modell der Zukunft sein – definitiv aber für die nächsten Monate, wenn das Virus das öffentliche Leben beeinträchtigt“, sagte Blunt.

Auch das Gürzenich-Orchester spielte am Dienstag in der Kölner Philharmonie ein Konzert ohne Publikum – es wurde ebenfalls live im Internet gestreamt. „The music must go on!“, schrieben die Musiker auf ihrer Webseite.

Anderen Musikern und Künstlern hat der Ausbruch des hochansteckenden Coronavirus ihre Auftritte komplett vermasselt. Max Giesinger, Andrea Berg und Roland Kaiser beispielsweise können wegen Corona derzeit nicht vor großem Publikum auftreten. Carlos Santana hat seine Deutschland-Tour abgesagt.

Vielerorts haben die lokalen Gesundheitsbehörden Konzerte oder Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern untersagt. So soll die Ausbreitung des Virus reduziert werden. Dies führt jedoch zu teilweise grotesken Umgehungsstrategien.

Das Bochumer Musical „Starlight Express“ hat Platz für 1.650 Zuschauer. Nun werden in der Reihenfolge der Buchungseingänge die überschüssigen Gäste kontaktiert. Sie werden gebeten, auf einen anderen Termin umzubuchen, teilten die Veranstalter mit. Mit 999 Besuchern darf das Musical stattfinden. Die Musikalische Akademie Mannheim deckelte – in Absprache mit der Stadt – die Besucherzahl ebenfalls bei 999. Mitarbeiter zählen am Haupteingang und lassen zusätzliche Konzertbesucher nicht mehr ein.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält die Beschränkung auf 999 Besucher für „blanken Unsinn“. „Die Großveranstaltungen sollen abgesagt werden, nicht auf 1000 beschränkt. Wenn das Schule macht, muss die Grenze deutlich reduziert werden“, twitterte Lauterbach am Mittwoch und sprach von einem „verantwortungslosen Vorgang“. Lauterbach selbst hat sich inzwischen häusliche Quarantäne verordnet, weil er Kontakt mit einem infizierten Bundestagsabgeordneten hatte.

Auch Frank Ulrich Montgomery, Chef des Weltärztebundes, ist dafür, Events schon mit kleineren Teilnehmerzahlen zu verbieten. Österreich zum Beispiel untersagte am Dienstag Veranstaltungen mit mehr als 100 Menschen in geschlossenen Räumen. „Ich bin auch persönlich eher bei 100 oder 200“, sagte der Mediziner.

Doch nicht alle Künstler können sich mit dem Verbot von Großveranstaltungen wegen Corona-Gefahr abfinden. Kabarettist Dieter Nuhr beschwerte sich auf Twitter: „Wir haben eine Erkrankungsrate von 0,0001 Prozent der Bevölkerung. Also ich würde gerne einfach auftreten am Wochenende...“, twitterte der Kabarettist am Dienstag und löste eine Empörungswelle aus.

„Lieber Herr Nuhr, es geht darum, Menschen die älter sind oder Vorerkrankungen haben vor Ansteckung zu schützen. Beispiel: Junger Mensch geht zu Ihnen, steckt sich an, besucht danach die 87-jährige Oma, steckt diese an, die steckt ihre Skatrunde an, alle schwer krank. Blöd oder?“, antwortete ein Nutzer.

Der Deutsche Kulturrat, der Spitzenverband der Bundeskulturverbände, hat Verständnis dafür, dass Theater und Konzerthäuser wegen der Corona-Pandemie ihren Betrieb einschränken oder sogar einstellen müssen. Gerade diese Häuser würden häufig von den Risikogruppen besucht.

Einnahmeausfälle sind erheblich

Einnahmeausfälle durch abgesagte Aufführungen oder zurückgegebene Tickets bei öffentlichen Kultureinrichtungen müssten aber kompensiert werden. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, sagte: „Ein gemeinsamer Notfallfonds von Bund und Ländern könnte rasch und unbürokratisch betroffenen Künstlerinnen und Künstlern aus der Not helfen.“

Der Berliner Friedrichstadt-Palast muss wie andere Bühnen der Stadt auch eine große Umtauschaktion stemmen: Alle Veranstaltungen der Revue-Show „Vivid“, die bei Touristen beliebt ist, wurden abgesagt. Rund 40.000 Karten müssen umgebucht oder zurückgegeben werden. Der Ausfall führe zu Einbußen von rund 2,1 Millionen Euro.

In Bayern bleiben alle staatlichen Theater, Konzertsäle und Opernhäuser bis zum 19. April geschlossen. Das Geld für Eintrittskarten werde man erstatten, sagte der bayerische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler (CSU). Alleine für die Opern werde dies den Freistaat rund vier Millionen Euro kosten, betonte Sibler. Auch die Stadt Bonn musste das einwöchige Beethovenfest zum 250. Geburtstag des Komponisten absagen.

Anders als öffentliche Kulturträger bangen private Kultur- und Konzertveranstalter derweil oft um ihre Existenz. Mit dem Verkauf von mehr als 123 Millionen Tickets für Konzerte und sonstige Veranstaltungen werden im Jahr rund fünf Milliarden Euro umgesetzt.

Bei „höherer Gewalt“ muss jede Partei ihre Kosten selbst tragen. „Honorare für internationale Künstler etwa sind oft bis zu 100 Prozent im Voraus bezahlt. Diese Honorare im Ausland einzufordern, ist mühsam und schwierig“, sagt Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft.

Veranstalter blieben aber auch auf Kosten wie der Anmietung von Ton- und Lichtanlagen, der Schaltung von Werbung oder auch Personalkosten bis hin zu den Mietverträgen mit den Hallen sitzen. Michow erwartet deshalb von der Politik unkomplizierte Überbrückungskredite. Zumal nicht in Sicht ist, wann Konzerte und Events wieder stattfinden können.

James Blunt trug sein Geisterkonzert in der Elphi mit Fassung und Humor. „Normalerweise holen beim nächsten Song alle ihre Handys raus und erzeugen ein Lichtermeer“, witzelte Blunt und machte sich das Licht selbst. Schweißnass bedankte er sich bei den Zuschauern draußen in die Welt. Am Ende des gut anderthalbstündigen Auftritts applaudierten er und seine Band sich selbst.

Mit Material von dpa

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