Deutsche Märkte geschlossen

Jahresrückblick 2019: Das waren die emotionalsten Polit-Talk-Szenen

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Es ging um Antisemitismus, um den Klimaschutz und um überraschende Karrierewechsel: auch 2019 lieferten die Diskussionsrunden von Maybrit Illner, Markus Lanz, Anne Will und ihren Kollegen den TV-Zuschauern wieder viele bewegende Momente: Wir lassen die größten Aufreger aus der deutschen Talk-Landschaft noch einmal für euch Revue passieren.

In der Sendung von Markus Lanz kam es nicht nur zu einem denkwürdigen Auftritt. (Bild: Getty Images)

“Dunja Hayali”: Die bloße Anwesenheit eines Gastes sorgt für einen Shitstorm

Im August war Carola Rakete im ZDF-Talk bei Dunja Hayali zu Gast, um über ihre Erfahrungen als Seenotretterin zu berichten. Die 31-Jährige Kapitänin der "Sea-Watch 3" rettete 53 Flüchtlingen, die über das Mittelmeer kamen, das Leben. Mit dieser Aktion stieß sie allerdings nicht nur auf Wohlwollen, sondern auch auf offene Ablehnung - unter anderem auch vonseiten der italienischen Regierung rund um Innenminister Matteo Salvini. Dass Rakete überhaupt im ZDF zu Wort kam, empfanden manche Zuschauer offenbar als "Werbesendung linksgrüner Aktivisten".

"Markus Lanz“: Ex-Verfassungsschutz-Chef Maaßen raubt Moderator den letzten Nerv

Weil er die rassistischen Ausschreitungen in Chemnitz kontrovers bewertete, musste Hans-Georg Maaßen (CDU) sein Amt als Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Ende 2018 niederlegen. Seitdem irritiert der CDU-Mann immer wieder mit polarisierenden Aussagen zum Thema Migration. Diese waren auch Gegenstand seiner Diskussion mit ZDF-Moderator Markus Lanz im Dezember 2019. Besonders hitzig wurde es, als Lanz den Ex-Regierungspolitiker auf seine Bemerkung, Flüchtlingsboote seien in Wirklichkeit ein "Shuttleservice“ nach Europa, ansprach. Lanz‘ Frage: "Muss man sowas billiges hinlegen?“, woraufhin Maaßen konterte: "Ja, wir sind an dem Punkt, dass man so billige Tricks verwenden muss.“ Im Verlauf der Diskussion fragte Maaßen den Moderator dann noch: "Sollen wir das Thema wechseln? Sie wirken sehr erschöpft.“ Und Lanz gestand: "Sie machen mich fertig.“

"Höhle der Löwen" 2019: Diese Momente bleiben in Erinnerung

"Maischberger“: Thomas Gottschalk gesteht Gesundheitslüge

"Ich habe dummes Zeug erzählt“, räumte TV- und Radiomoderator Thomas Gottschalk Anfang Dezember 2019 im ARD-Talk mit Sandra Maischberger ein. "Ich musste meinen Abschied beim BR ja in irgendeiner Form begründen." Kurz zuvor hatte der 69-Jährige bekannt gemacht, dass er sowohl seine Radiosendung als auch seine Literatursendung im Bayerischen Rundfunk (BR) aufgibt – "aus gesundheitlichen Gründen“, wie Gottschalk angab. Der eigentliche Grund sei jedoch, dass er aus München wegziehe und "woanders wieder anfangen werde“.

Der AfD-Politiker Georg Pazderski tätigte bei Anne Will sehr fragwürdige Aussagen. (Bild: Getty Images)

"Anne Will“: AfD-Politiker will Verfassungsschutz-Untersuchung gegen seine Partei stoppen

Der Vorsitzende des Berliner AfD-Landesverbands Georg Pazderski gilt als gemäßigter Vertreter seiner Partei. Im Talk mit Anne Will offenbarte der rechte Politiker jedoch, dass er ein durchaus kurioses Verständnis von Demokratie hat. Auf die Untersuchungen des Verfassungsschutzes, der prüft, ob die AfD-Gruppierung "Der Flügel“ verfassungswidrig ist, angesprochen, verblüffte der AfD-Mann mit folgender Behauptung: die Einschätzung des Verfassungsschutzes sei politisch motiviert, der neue Verfassungsschutz-Präsident sei von der Regierung "installiert“ worden. Pazderski kündigte zudem an, die AfD werde unterdessen eine "Aufklärungskampagne“ starten, in der man die Verfehlungen des Verfassungsschutzes aufzeigen wolle.

Ein Satz mit X: Das waren die kuriosesten TV-Pannen 2019

"Hart aber fair“: Klima-Aktivist fordert Regierung durch Bürgergremium ersetzen

"Wir steuern auf eine 3-Grad-Welt zu. Die Landstriche in Afrika veröden. In 100 Jahren kann die Erde nur noch 1 Milliarde Menschen ernähren“, es ist ein Schreckensszenario, das Tino Pfaff beim Klima-Talk mit Frank Plasberg zeichnet – aber eines, das sich auf die Forschung stützt. Um die Katastrophe zu verhindern, müsse man jetzt handeln, ist sich der Sprecher der Klima-Aktion Extinction Rebellion sicher. Weil er die deutsche Regierung jedoch in Klima-Fragen für handlungsunfähig hält, schlägt er stattdessen vor, diese künftig von einem Bürgergremium entscheiden zu lassen. Diese Institution würde letztlich die Demokratie sogar retten, da durch den Klimawandel ansonsten die sozialen Unruhen im Land so groß würden, dass der Staat und die Demokratie gefährdet werden.

Zwischen dem Netzaktivist Sascha Lobo und "Bild“-Redakteur Ralf Schuler kam es zum Schlagabtausch. (Bild: Getty Images)

"Maybrit Illner“: Linker Aktivist und "Bild“-Journalist streiten über Hass im Netz

Politiker und andere Meinungsmacher kamen im ZDF-Talk von Maybrit Illner zusammen, um über die Verrohung der Gesellschaft zu diskutieren; vor allem ging es darum, wie Hass und Hetze im Netz diese verändern. Dabei kam es zu einem erbitterten Schlagabtausch zwischen "Bild“-Redakteur Ralf Schuler und Netzaktivist Sascha Lobo. "Wir haben ja hier auch einen Vertreter einer ganz altmodischen Hass-Maschine sitzen, der 'Bild'-Zeitung nämlich", wetterte Lobo. Als Schuler im weiteren Verlauf der Sendung erneut mit einer Meinung konfrontiert wurde, die er offenbar nicht teilte, drohte er sogar an, die Runde zu verlassen. Moderatorin Illner wusste das jedoch zu verhindern.

Rückblick: Skurrile Geschichten, die uns 2019 zum Lachen gebracht haben

"Hart aber fair“: Sendung zu Antisemitismus empört das Netz

Nach dem antisemitisch motivierten Attentat von Halle diskutierte Frank Plasberg mit seinen Gästen über Judenhass in Deutschland. Wie immer kamen in der Talkshow auch die Zuschauer zu Wort, indem eingesendete Schriftbeiträge zum Thema vorgelesen wurden. Die ausgewählten Beiträge ließen jedoch die nötige Empathie und Bestürzung, die nach so einer Schandtat sicherlich angemessen wäre, leider vermissen und wurden unglücklicherweise von der "Hart aber fair“-Redaktion unkommentiert stehen gelassen – nach Meinung einiger Twitter-Nutzer, darunter auch Zeit-Feuilletonist Lars Weisbrod ein großes Versagen.

“Germany’s Next Topmodel” Sara Nuru bei Markus Lanz. (Bild: Getty Images)

"Markus Lanz“: Sara Nuru erklärt, wieso sie das Modeln aufgegeben hat

Vor zehn Jahren gewann die gebürtige Erdingerin Sara Nuru die Casting-Show “Germany’s Next Topmodel”; doch nach einigen erfolgreichen Jahren des Modelns, des Moderierens und des Influencens, hat sich die heute 30-Jährige entschieden, ihrer Karriere vor der Kamera und auf dem Laufsteg den Rücken zu kehren. Wieso, das erklärte sie im Oktober in der Talkrunde von Markus Lanz. Das ewige Herummäkeln an ihrer Figur sei ihr irgendwann sehr absurd vorgekommen, so Nuru. Erst recht, nachdem sie nach Äthiopien gereist sei – jenem Land, aus dem ihre Eltern einst flohen, um sich selbst und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Nach dieser Reise seien ihr jedoch Zweifel gekommen, ob freiwilliges Hungern und das Probieren von 1.000-Euro-Eisbecher in New York City für die Kamera wirklich ein besseres Leben seien. Inzwischen führt Nuru ein Unternehmen, welches äthiopischen Frauen durch Mikrokredite zu einer selbstbestimmten Existenz verhilft.

Egli sucht Quote: Das waren die größten TV-Flops 2019

"Maybrit Illner“: Diskussion über Rassismus ohne Betroffene

Gibt es in Deutschland womöglich rechten Terror? Dieser Frage ging die Talksendung von Maybrit Illner nach dem Mordfall Lübcke im Juni nach.  Der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke war 2015 wegen seines Engagements für Flüchtlinge bundesweit in die Presse geraten. Anfang Juni wurde der CDU-Politiker vor seinem Wohnhaus mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe getötet. Der hessische Rechtsextremist Stephan Ernst gestand die Tat wenige Wochen später. Wen die Tatsache, dass nach so einem Attentat die Existenz von Rechtsterrorismus hierzulande immer noch infrage gestellt wird, irritiert hat, der kam im Verlauf der "Illner“-Sendung wohl aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Besonders bezeichnend: Der Großteil des Talks wurde von Autor Sascha Lobo und dem bayrischen Innenminister Joachim Herrmann geführt. Betroffene von Rechtsextremismus durften dagegen nicht mitsprechen.

"Hart aber fair“: Ärztin erklärt, warum sie nicht in ein deutsches Krankenhaus will

Muss unser Krankenhaussystem drastisch reformiert werden? Die deutsche Ärztin Katja Kilb Jacobsen kann diese Frage nur bejahen. Sie wanderte nach Dänemark aus, eine Anstellung in einer deutschen Klinik sei für sie undenkbar, beteuerte sie im Gespräch mit Frank Plasberg und fügt sogar hinzu: "Ich würde auch als Patientin lieber in Dänemark als in Deutschland behandelt werden." Als Grund führt die Medizinerin vor allem das Betreuungsverhältnis an: "In Deutschland haben wir eine Schwester auf fünf Patienten, in Dänemark haben wir eine Schwester auf einen Patienten", so Kilb Jacobsen.