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Jahresendrally bis 13.800 Punkte ist möglich

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Die konjunkturelle Erholung läuft, immer mehr Dax-Werte sind in Startposition. Selbst die Wackelpartie um das Präsidentenamt in den USA sollte den weiteren Anstieg des Dax nicht bremsen.

Die Hoffnung auf einen wirksamen Impfstoff gegen Corona hat dem Dax den stärksten Anstieg seit der dynamischen Frühjahrserholung beschert. Entscheidend für die weitere Entwicklung ist dabei Zweierlei: Erstens hat der Dax seine enormen kurzfristigen Gewinne bisher problemlos gehalten. Zweitens wurde der Anstieg von der überwiegenden Mehrheit der Einzeltitel getragen; besonders stark von den bisherigen Coronaverlierern, den Versicherern Allianz und Münchener Rück sowie den konjunkturabhängigen Werten aus den Branchen Auto und Chemie. Die hohe Dynamik, Stabilität und Breite der jüngsten Marktbewegung ist ein typisches Zeichen eines Shifts, einer substanziell neuen Bewertung, die sich an den Märkten aktuell abspielt.

Da fallen selbst enttäuschende Nachrichten wie zuletzt von Siemens kaum ins Gewicht. Wobei der Industriekonzern die Coronakrise sowohl im operativen Geschäft als auch in seinem strategischen Wandel bisher ziemlich gut überstanden hat. Die gekürzte Dividende mag verstimmen, ist aber durch den Wert der abgespaltenen Siemens-Energy-Aktien ausgeglichen. Beim Ausblick ist Siemens zurückhaltend. Das dürfte zum einen noch einem Szenario vor der jüngsten Impfstoffhoffnung entstammen; zum anderen entsteht damit nicht gleich zu viel Druck auf den designierten Konzernchef Roland Busch. Kurzfristig könnte die Aktie dem Gesamtmarkt etwas hinterherhinken, spätestens zwischen 110 bis 105 Euro sollten die Käufer dann aber wiederkommen.

Die aktuelle Stärke nahezu aller Konjunkturwerte im Dax ist nun eine zentrale Stütze für den Markt. Daimler und BMW setzen durch die jüngste Hoffnung ihren seit Monaten eingeschlagenen Erholungskurs fort, Volkswagen hat den Sprung über die 200-Tage-Linie geschafft; selbst Continental – wo der Umbau mittlerweile auch die Konzernspitze selbst erfasst hat – ist wieder über das Niveau von 100 Euro geklettert.

Asien-Hoffnung bei BASF, politischer Nachteil für Deutsche Wohnen

BASF hat zwar noch kein neues, mittelfristiges Hoch erreicht, dennoch dürfte durch den Anstieg über 50 Euro die Absturzgefahr erst einmal gebannt sein. Dank der jüngsten Coronahoffnungen könnte sich die Branchenkonjunktur in der Chemie schneller als erwartet aufhellen, beflügelt vor allem durch den asiatischen Markt. Das könnte dann auch dazu führen, dass BASF trotz der operativen Rückschläge in der Coronakrise für 2020 an der bisherigen Dividende festhält, also einen Teil der dafür notwendigen drei Milliarden Euro aus der Substanz finanziert. Unter 50 Euro sollten BASF-Aktien in den nächsten Wochen nicht mehr sinken. Ein Anstieg über 60 Euro wäre sogar ein mittelfristiges Kaufsignal.

Zu den stabilen Aktien im Dax gehört weiterhin die Deutsche Wohnen. Der Einfluss von Corona blieb bisher begrenzt. Zwar sind die operativen Gewinne zuletzt leicht gesunken, das aber hat mehr mit höheren Zinsaufwendungen zu tun als mit einem Ende des Immobilienbooms. Im Gegenteil: Der Wert des Immobilienbestands wächst kontinuierlich im einstelligen Bereich. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt der politische Einfluss in der Bundeshauptstadt, vor allem über den Mietendeckel. Auch wenn der 2021 womöglich vom Bundesverfassungsgericht gekippt werden könnte, ist Berlin ein Markt, der auf dem erreichten Mietniveau nicht mehr den günstigen Charme des Underdogs hat, der ihn jahrelang gegenüber Glamour-Städten wie München oder Hamburg auszeichnete. Solange die Aktie sich über der Zone 40 bis 42 Euro hält, stimmt der große Trend.

Dank der wiedergewonnenen Stabilität ist der Dax robust genug, Unsicherheiten zu verkraften, derzeit etwa die wacklige Entwicklung in den USA. Hier dürfte sich zwar am Wahlsieg Joe Bidens nichts mehr ändern, dennoch ist die zähe Übergangsphase bis zur neuen Präsidentschaft für die Börse sicherlich keine Hilfe. Zudem könnten gerade durch die neue Coronabekämpfung unter Biden in den USA Lockdownmaßnahmen einsetzten, die bisher noch nicht in den Prognosen enthalten sind. Auf alle Fälle dürfte die US-Wirtschaft ihr Rekordtempo des dritten Quartals, in dem sie um 7,4 Prozent zugelegt hatte, nicht aufrechterhalten.

Auf der anderen Seite könnte genau das dazu führen, den jüngsten Anstieg der Zinsen wieder einzudämmen. Im Zuge der Impfstoffhoffnung sind die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen bis fast an die Ein-Prozent-Marke vorgedrungen, also sogar über die bisherige Juni-Spitze hinaus. Am US-Kapitalmarkt ist damit bis jetzt der tendenzielle Aufwärtstrend der Renditen, der seit dem 0,5-Prozent-Tief vom August besteht, weiterhin intakt. Dieser Renditeanstieg ist auch der Grund dafür, dass sich der Dollar trotz verbreiteter Skepsis vergleichsweise gut hält, und sich Gold nach seinem jüngsten Tiefschlag nur mühsam erholt.

Dow auf Rekordkurs, Nasdaq kommt wieder

Auch in Amerika sind aktuell die klassischen Werte in einer stärkeren Verfassung als die High-Techs. Während der Dow Jones auf ein neues Hoch vorgedrungen ist und in der Spitze fast die Marke von 30.000 Punkten erreicht hat, hängt der Nasdaq-100-Index einige Prozente hinterher. Die Technologiewerte jetzt schon abzuschreiben, ist zu früh. An den großen Trends Cloud, Internet und umfassende Digitalisierung ändert sich nichts, auch wenn konjunkturabhängige Aktien vorübergehend etwas besser laufen. Die entsprechenden Umschichtungen in den Depots könnten den Nasdaq-Index noch in den Bereich 11.200 bis 11.000 Punkte abgleiten lassen, ohne am großen Aufwärtstrend etwas zu ändern.

Fazit für den Dax: Auch wenn es Monate, wenn nicht sogar Jahre dauern wird, bis die Pandemie wirklich im Griff sein dürfte, ist die Aussicht auf einen wirksamen Impfstoff für die Anlagemärkte ein Game Changer. Dabei ist die Entwicklung der meisten Einzelwerte im Dax genauso vielversprechend wie die robuste Verfassung des amerikanischen Aktienmarkts. Kurzfristig könnte der Dax etwas nachgeben, der Spielraum reicht dabei bis etwa 12.500 Punkte. Solange dieses Niveau verteidigt wird, bleibt das mittelfristige Aktienszenario positiv. Bis Jahresende besteht die Chance, dass der Dax bis zu seinem alten Hoch um 13.800 Punkte vordringt.

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