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Dieses Istanbuler Start-up macht Journalismus nach dem Spotify-Prinzip

·Lesedauer: 4 Min.

Zwei junge Gründer wollen den türkischen Journalismus aufmischen. Mit ihrer Idee treffen sie einen Nerv in der Bevölkerung.

Eine kritische Berichterstattung wird in der Türkei immer schwieriger – auch für deutsche Medien. Foto: dpa
Eine kritische Berichterstattung wird in der Türkei immer schwieriger – auch für deutsche Medien. Foto: dpa

Wer sich über den knappen Wahlausgang in den USA informieren wollte, der wurde auch in der Türkei minütlich mit Informationen überschüttet. Wer Orhun Canca und Umutcan Savci folgt, der erhielt einmal morgens ein umfassendes Update.

„Social Media sind überfüllter, lauter und chaotischer als je zuvor“, stellen die beiden Gründer aus Istanbul fest. „Wir fassen ruhig und prägnant zusammen, was in den vergangenen Stunden passiert ist, und lenken ein wenig von diesem Nachrichtenrauschen ab.“

Die beiden Wirtschaftsingenieure empfangen in einer Altbauwohnung im Stadtteil Galata. Die Räume sind noch halb leer, Canca hat sein Studium offiziell noch nicht abgeschlossen. Er und Savci haben eine Plattform entwickelt, um journalistische Inhalte per E-Mail zu verschicken. Mit den ersten Newslettern des Start-ups Aposto haben sie bereits mehr als 100.000 Abonnenten angezogen.

Über 850.000 Besucher verzeichnet die Plattform inzwischen pro Monat, und zwar von Lesern aus 37 Ländern. Langsam werden Anzeigenkunden aufmerksam – und könnten dabei helfen, einen neuen Journalismus in der Türkei zu etablieren.

Medien haben es in dem Land schwer. Nicht nur, weil die Regierung in Ankara den Druck auf den Sektor erhöht hat. In der Türkei sitzen laut „Reporter ohne Grenzen“ 165 Journalisten im Gefängnis. Sondern auch, weil die meisten Verlage Teil großer Industriekonglomerate sind. Nicht selten werden regierungsfreundliche Artikel verfasst, während die Eigentümer auf einen Staatsauftrag hoffen.

Hinzu kommt die Finanzierung. Die Zeitungen kosten oft nur eine Lira, online sind die meisten Informationen kostenlos abrufbar. „Es ist manchmal schwierig, zwischen den Werbebannern überhaupt noch die Informationen zu finden“, meint Canca, „und die wenigen journalistischen Absätze sind meist schlecht recherchiert oder schlicht kopiert.“

„Nebengeräusche abstellen“

Das Vertrauen in die etablierten Medien ist längst verschwunden. In einer Umfrage des US-Thinktanks „Center for American Progress“ gaben 70 Prozent an, die Medien des Landes für „verzerrt und unglaubwürdig“ zu halten. Es gebe zu viele Informationen, und sie seien meistens schlecht recherchiert, resümiert Canca. „Wir wollen diese Nebengeräusche abstellen und Informationen liefern.“ Kein leichtes Unterfangen in einem Land, in dem man für eine falsche Recherche schon mal im Gefängnis landen kann.

Savci und Canca, beide Mitte 20, vergleichen den Journalismus mit der Musikbranche. Mit der Digitalisierung brachen Künstlern und Produktionsfirmen vor gut 20 Jahren die Einnahmen weg, weil niemand mehr CDs kaufen wollte. „Ähnlich trifft es nun die Medienbranche, für die es immer schwieriger wird, für qualitativ hochwertige Inhalte Geld zu verlangen“, erklärt Canca.

Die Rettung für die Musikbranche brachten Apps wie Spotify. Hier können Mitglieder aus Millionen Liedern wählen, zwischendurch wird Werbung eingeblendet. Über kuratierte Abspiellisten wird die Flut an Möglichkeiten vorsortiert.

Dieses Prinzip wollen die Aposto-Gründer auf den Journalismus übertragen. „Eine Nachrichtenseite, auf der täglich mehrere Hundert Links veröffentlicht werden, ist nicht mehr zeitgemäß“, meint Canca. „Es hat ja auch kaum jemand noch ein großes CD-Regal im Wohnzimmer.“

Ein Newsletter pro Thema

Um die Nachrichtenflut zu kanalisieren, bietet er gut ein Dutzend Newsletter an: Nachrichten, Lokales, Wirtschaft, Kunst und Kultur, Sport, Technologie, Wissenschaft, Gastronomie, Vermischtes. Einmal am Tag werden die Nachrichten zusammengefasst, kurz und knapp. Die branchenspezifischen Newsletter landen einmal pro Woche im Postfach.

Als Autor melden darf sich bei dem Start-up jeder, der Referenzen vorzuweisen hat. Etwa Elif, die über Aposto ein E-Mail-Magazin über die Mode-Industrie gestartet hat. Wer Erfolg hat, bekommt Werbepartner zugeteilt und verdient so Geld mit seinem Newsletter.

Unter anderem schaltet das Kreditkarten-Unternehmen Mastercard Werbung in den E-Mail-Magazinen. Aber auch der Autohersteller Jaguar, ein lokaler Teehersteller sowie ein Istanbuler Sportverein gehören zu den Inserenten.

Mit ihrer Geschäftsidee setzen die beiden nicht nur auf die Hoffnung, dass Türkinnen und Türken ein Interesse an aufrichtig sortierten Nachrichten haben. Sondern auch auf ein vielversprechendes Medium. E-Mails sind ein schneller Weg, um Leser zu erreichen, und ein lukrativer Kanal.

Nach Angaben der „Direct Marketing Association“ steigt der Grenznutzen von E-Mail-Produkten stetig an. Die Kapitalrendite (ROI) lag demnach im Jahr 2018 bereits bei rund 40 Euro pro einem Euro eingesetztes Kapital.

Bleibt die Frage nach der Finanzierung: In einer ersten Phase der Seed-Finanzierung haben die beiden umgerechnet rund 112.000 US-Dollar eingesammelt. Teilweise hätten auch Verwandte und Freunde gespendet, erklärt Canca. Sie hoffen auf neue Werbepartner, wenn das Projekt bekannter wird. „Wir stehen noch am Anfang.“