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Israels Hightech-Firmen sehen die Coronakrise als Chance

In der Coronakrise rechnen israelische Start-ups mit Wachstumschancen. Was allerdings nicht heißt, dass die Epidemie spurlos an der Branche vorbeigeht.

Im internationalen Vergleich waren die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf Israel und die palästinensischen Gebiete bisher weniger dramatisch als für die meisten OECD-Länder. Foto: dpa

Auch in Israel sind die Folgen der weltweiten Pandemie spürbar. Die Arbeitslosigkeit ist um 25 Prozent gestiegen, und die für das Land so wichtige Tourismusbranche beginnt erst langsam wieder, sich zu öffnen. Aber neben der Reisebranche gibt es noch eine weitere Szene, die in den vergangenen Jahren immer wichtiger für die Mittelmeernation geworden ist: die Tech-Industrie. Die erlebt seit dem Beginn der Viruswelle einen regelrechten Hype – und zwar mit Apps gegen Corona.

Die NGO Start-up Nation Central hat eine Liste mit mehreren Dutzend israelischer Technologiefirmen zusammengestellt, die gegen Covid-19 eingesetzt werden können und jetzt vor allem mit lokalen Geldern finanziert werden sollen. „Jeden Tag fügen wir dieser Liste neue Firmen hinzu“, sagt CEO Eugene Kandel.

Zum Beispiel Diagnostic Robotics. Das junge Start-up hat ein auf Künstlicher Intelligenz basierendes Diagnosesystem entwickelt, das Ärzte, Pflegepersonal und Management von Krankenhäusern erheblich entlasten soll. Mithilfe des neuen Diagnosesystems, das sogar vom israelischen Gesundheitsministerium unterstützt wird, sollen die Symptome von Krankenhauspatienten automatisch überwacht, aufgezeichnet und zentral ausgewertet werden.

Israel stehe im Kampf gegen Covid-19 „an der Front“, findet auch Jonathan Medved, Chef von Ourcrowd, Israels aktivstem Venture-Capital-Fonds. Die Krise habe Technologietrends „in Warpgeschwindigkeit beschleunigt“. Er geht davon aus, dass als Folge der Krise neue Firmen entstehen werden, weil die Bedürfnisse und Anwendungsoptionen gestiegen seien, zum Beispiel in den Bereichen Cloud und Künstlicher Intelligenz, zudem für digitale Gesundheitsprojekte.

Als ob es keine Coronakrise gäbe, wird in der israelischen Hightech-Branche derzeit ein Deal nach dem anderen abgeschlossen. Microsoft will das Cybersecurity-Start-up CyberX übernehmen. Und in der vergangenen Woche kaufte Intel die Mobilitäts-App Moovit für 900 Millionen Dollar, die in Echtzeit über Fahrpläne für den öffentlichen Nahverkehr informiert. Mit dem Kauf ergänzt der amerikanische Chiphersteller sein Mobilitätsportfolio in Israel, zu dem bereits Mobileye gehört. Moovit hat 800 Millionen registrierte Nutzer.

Die Hightech-Branche sei gegenüber der Krise natürlich nicht blind, erklärt die Unternehmerin Inbal Arieli. Im vergangenen Jahr stammten in der israelischen Hightech-Industrie immerhin 85 Prozent der Wagniskapitalfinanzierungen aus dem Ausland. Die internationale Investitionsbereitschaft dürfte aufgrund der aktuellen Situation zwar dieses Jahr etwas verhaltener ausfallen.

Arieli rechnet aber trotzdem damit, dass Investoren zumindest ihre bestehenden Portfolios nicht vernachlässigen werden – „vorausgesetzt, dass die CEOs ihre Organisation straffen und auf mehr Effizienz trimmen“. In Bereichen, die im Kampf gegen Corona jetzt besonders gefragt sind, erwartet sie sogar eine Zunahme der Investitionen. Davon werde zum Beispiel die digitale Gesundheit profitieren, wo Israel viel zu bieten habe, ist die Unternehmerin überzeugt.

Folgen der Krise trotzdem spürbar

„Jede Krisensituation bietet große Chancen für Investoren“, sagt Yoav Tzruya, Partner bei Jerusalem Venture Partners (JVP), einem der führenden Venture-Capital-Fonds. Die Zeit für Wagniskapitalfirmen sei „großartig“. Er geht davon aus, dass Investoren in den nächsten Wochen „weitere Perlen“ kaufen werden – zu günstigeren Preisen als vor der Coronakrise. Die Qualität der Deals steige: „Wir können bessere Firmen zu tieferen Preisen kaufen.“ Lokale Investoren fordern eine Senkung der Kosten, um im künftigen Wettbewerb weiterhin bestehen zu können.

Trotz all dem kämpft auch die IT-Branche mit den Auswirkungen der Coronakrise. 20 Prozent der Hightech-Mitarbeiter wurden entlassen oder müssen aktuell unbezahlten Urlaub nehmen, schätzt Yisrael Gross vom Cybersecurity-Start-up L7 Defense. 2020, befürchtet Gross, werde für die Hightech-Industrie ein „verlorenes Jahr“ sein. Sollte sich die Lage in naher Zukunft nicht normalisieren, könnte es zu einer Abwanderung der besten Köpfe kommen, warnt Ökonom Kandel.

Die israelische Regierung greift deshalb Start-ups mit umgerechnet 180 Millionen Euro unter die Arme. Das sei, meint Liat Simha, PR-Spezialistin für Food-Tech, vor allem im Anfangsstadium der jungen Unternehmen nötig, wo es bei den Investitionen zu Verzögerungen kommen könne. Andererseits könnten aber Gründer auf den Gebieten Nahrungsmittelsicherheit oder risikolose Verpackungen mit einer Beschleunigung des Investitionsstroms rechnen.

Auch deutsche Investoren und Scouting-Zentren sind in Israel von den Folgen der Coronakrise betroffen. Die Reisebeschränkungen und Budgetanpassungen können sich durchaus negativ auf Investitionen deutscher Unternehmer in Israel auswirken, meint zum Beispiel Andrea Frahm, die sich im Tel Aviver Büro der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren seit einem Jahr um bilaterales Innovationsmanagement und Technologietransfers kümmert.

Trotzdem sei die Präsenz im Zentrum der Hightech-Nation „wichtiger denn je, um internationale Forschungskollaborationen und Zukunftstechnologien nach vorne zu treiben“. Denn, meint Tal Barnoach von Disruptive VC, Investoren werden sich nicht engagieren, wenn sie die Leute, denen sie ihr Geld anvertrauen, nicht treffen können.