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Im Iran herrscht eine wirtschaftliche Wendestimmung – Deutsche Firmen stehen in den Startlöchern

Brüggmann, Mathias
·Lesedauer: 5 Min.

Ölembargo, Hyperinflation, Währungsverfall – der Iran befindet sich in einer tiefen Krise. Doch nach dem Machtwechsel in den USA gibt es erstmals wieder Hoffnung.

Vier Millionen Barrel – das ist die Menge an Rohöl, die der Iran demnächst wieder exportieren will – täglich. Das kündigte Präsident Hassan Ruhani jetzt an.

Vier Millionen Barrel, das ist eine gewaltige Menge. Und es ist weit mehr als nur das: Die vier Millionen könnten das Symbol für einen Neustart des Mullah-Staats sein. Ein Symbol vor allem für die Hoffnung für die jungen Menschen des Landes, die auch die verlorene Generation genannt werden.

Es gibt kaum ein Land, das die Macht eines amerikanischen Präsidenten stärker zu spüren bekam als der Iran. Die „härtesten Sanktionen aller Zeiten“, hatte Ex-Präsident Donald Trump angekündigt – und umgesetzt. Nur noch 0,5 Millionen Barrel (je 159 Liter) exportierte das Land auf dem Tiefpunkt der Ausfuhren.

Inzwischen sind es dank trickreicher Umgehung des US-Boykotts knapp 1,5 Millionen Fass pro Tag. Doch auch das änderte nichts daran, dass das ölreiche Land in die schärfste Wirtschaftsmisere seit Jahrzehnten abrutschte.

Mit dem Machtwechsel in Washington und der Ankündigung von Präsident Joe Biden, die Gespräche mit Teheran wieder aufzunehmen ist alle anders. Der Kampf um die Wiederbelebung des internationalen Atomabkommens, aus dem Trump einseitig ausgestiegen war, beginnt damit zwar erst. Doch die Hoffnung ist längst da.

Demnächst könnten sich die Einnahmen aus den Ölausfuhren, die sich nach Angaben des iranischen Zentralbankchefs Abdolnasser Hemmatider 2020 auf 20 Milliarden Dollar beliefen, vervielfachen. Noch wichtiger für die zweitgrößte Volkswirtschaft am Persischen Golf: Die Investoren könnten nach einem Ende der Sanktionspolitik zurückkehren – darunter viele deutsche Unternehmen, die enge Beziehungen zum Iran pflegten.

Noch sind das allerdings alles nur Hoffnungen. Denn es ist längst nicht sicher, dass es zu einer neuen Vereinbarung kommt. Teheran verlangt, dass Washington zuerst seine Sanktionen vollständig aufhebt, sonst fahre man das Atomprogramm weiter hoch. Die Biden-Regierung fordert, dass der Iran zuerst seine deutlich gesteigerte Urananreicherung stoppt, die als Reaktion auf Trumps Vertragsausstieg hochgefahren worden war.

Teheran hat in der Nacht zum Montag der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zwar zugesagt, weiter Inspektionen seiner Nuklearanlagen zuzulassen. Zugleich aber die bisher zugestandenen, über das Atomabkommen hinausgehenden Untersuchungen in Atombetrieben deutlich reduziert. Das wiederum erschwere nach Meinung von Iran-Experten mögliche Zugeständnisse der Amerikaner bei den Sanktionen. Die Außenminister Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs kritisierten den Iran am Dienstag scharf.

Nach Erkenntnissen der IAEA hat Teheran zudem seit November seine Vorräte an angereichertem Uran unerlaubt auf nun fast drei Tonnen aufgestockt. Es seien weitere 500 Kilogramm dazugekommen, heißt es in einem der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag vorliegenden IAEA-Bericht. Dazu gehörten auch 17,6 Kilogramm, die auf 20 Prozent angereichert seien.

Iranische Währung abgestürzt

Dabei braucht der Iran dringend Zugeständnisse bei den Sanktionen – und zwar schnell. Denn seit dem US-Boykott hat die Landeswährung Rial zwei Drittel ihres Werts verloren. Viele Importe wie Lebensmittel oder wichtige Medikamente kommen – wenn überhaupt – zu unbezahlbaren Preisen ins Land.

Die Inflation betrug zuletzt nach offiziellen Angaben 45 Prozent. Unabhängige Ökonomen sprechen von deutlich höheren Werten. Allein seit Ausbruch der Pandemie gingen zwei Millionen Jobs verloren.

Überall herrscht Tristesse. Im Januar kam es in fast allen großen iranischen Städten zu ständigen Stromausfällen, da wegen der Kälte der private Gasverbrauch stark zunahm. So hatten Kraftwerke zu wenig Erdgas – und die gewaltige Strommengen fressenden Bitcoin-Miningfabriken wurden vom Staat zwangsgeschlossen.

Die Börsenkurse haben sich seit vorigem August fast halbiert. Immerhin wachsen noch wichtige Wirtschaftszweige wie die petrochemische und die Stahl- und Aluminium-Industrie, sodass der Internationale Währungsfonds (IWF) in diesem Jahr mit einem Wachstum von immerhin drei Prozent rechnet.

Deutscher Unternehmer: „Wechselbad der Gefühle“

Es sei „ein Wechselbad der Gefühle“, berichtet ein im Iran engagierter deutscher Unternehmer, der aus Furcht vor Washingtons langem Arm ungenannt bleiben will. „Einerseits kann sich selbst der bisher wohlhabende Mittelstand nicht mehr regelmäßig Fleisch leisten, und importierte Kleidung ist nahezu unbezahlbar.“

Andererseits sei die Hoffnung riesig, dass es durch die Wende in den USA nun schnell zu Besserungen kommt. Bisher streiken immer wieder Arbeiter und zuletzt auch häufig Krankenschwestern, die keine Löhne ausbezahlt bekommen, obwohl die Angst vor einer vierten Corona-Welle, umhergeht.

Ruhani rief sein Land angesichts von sich unkontrolliert ausbreitenden Virusmutanten zur Vorsicht auf – damit „Hochzeiten nicht anschließend zu Massenbegräbnissen werden“. Um ein „Zeichen für Vertrauensbildung zu setzen“ und so Verhandlungen mit dem Westen zu ermöglichen, sollte es „der Gesundheitswirtschaft sofort ermöglicht werden, den Iran mit allen notwendigen Produkten zu beliefern und die dafür nötigen Zahlungskanäle zu öffnen“, fordert Helene Rang, die Vorsitzende des Nah- und Mittelostvereins der deutschen Wirtschaft.

„Deutsche Firmen, die langjährige Wirtschaftsbeziehungen zum Iran hatten, warten auf ein solches Zeichen, um sofort zu beginnen“ mit neuem Irangeschäft, so Rang. Das Interesse sei bereits „beachtlich“. 2020 hatte sich der deutsch-iranische Handel mit einer Steigerung von sechs Prozent auf 1,7 Milliarden Euro etwas erholt, vor Trumps Atomdeal-Ausstieg 2018 lag der Umsatz aber auf doppelt so hohem Niveau.

Signal aus dem Westen nötig

Die US-Sanktionen, die Irans Außenminister Mohammad Javad Zarif „Wirtschaftsterror“ nennt, führten dazu, dass kaum noch Banken Zahlungen aus dem und in den Iran abwickeln. Dafür hat die EU eine Zahlungsabwicklungsgesellschaft namens Instex geschaffen. Bisher laufen Handel und Zahlungsverkehr darüber aber nur schleppend.

Instex sollte nun schnell Handel mit dem Iran ermöglichen, wenn die USA Sanktionen lockern und eingefrorene iranische Milliarden freigeben, sagt Adnan Tabatabai vom Center for Applied Research in Partnership with the Orient in Bonn. Das ermögliche EU-Staaten, mehr Öl aus dem Iran zu importieren.

„Irans Bevölkerung traut dem Westen nach dem Bruch des Atomabkommens durch Trump nicht mehr“, sagt Walter Posch, Iran-Experte vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement der Landesverteidigungsakademie in Wien. Der Iran bräuchte dringend ein positives Zeichen aus dem Westen.

Denn auch das ist eine Gefahr: Ohne solche Signale würde die reformorientierte Regierung des Irans weiter unter Druck geraten. Und die Hardliner Teherans stehen schon bereit.