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Investoren machen Druck: „Siemens Energy muss schnell profitabel werden“

·Lesedauer: 7 Min.

Die zusätzlich geplanten Einsparungen kommen bei Portfoliomanagern gut an. Doch sie wollen auch wissen, wie Siemens Energy auf längere Sicht deutlich mehr Geld verdienen will.

Die erneuerbaren Energien sind ein wichtiges Standbein des Siemens-Ablegers, der am 28. September an der Börse startet. Foto: dpa
Die erneuerbaren Energien sind ein wichtiges Standbein des Siemens-Ablegers, der am 28. September an der Börse startet. Foto: dpa

Unermüdlich wirbt Christian Bruch in diesen Tagen auf einer virtuellen Roadshow für den Börsengang von Siemens Energy. Das Unternehmen habe ein einmaliges Portfolio, fantastische Leute und operiere in einem Wachstumsmarkt, schwärmte er beim ersten Kapitalmarkttag vor Analysten.

Bruch, der schon den Anlagenbau von Linde erfolgreich restrukturiert hatte, kam bei den Investoren gut an. Das lag auch daran, dass er weitere Kostensenkungen von 300 Millionen Euro versprach. „Das Feedback bei der Roadshow ist sehr gut“, hieß es denn auch im Umfeld des Managers.

Doch damit ist längst noch nicht gesichert, dass die Börsenstory von Siemens Energy eine Erfolgsgeschichte wird. In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres schrieb Siemens Energy rote Zahlen, auch die operativen Margen sind seit Jahren schwach.

Kurz vor dem Börsenstart am 28. September – die Aktien werden im Zuge eines Spin-offs an die Aktionäre der Siemens AG ausgegeben – fordern Investoren rasche Erfolge ein. „Der Börsengang ist ja nur der erste Schritt, die großen Herausforderungen kommen dann erst“, sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Die alten Baustellen wie die Kraftwerkssparte müssten rasch aufgeräumt werden. „Das Unternehmen muss so schnell wie möglich profitabel werden. Bruch muss jetzt Gas geben.“

Es besteht viel Aufklärungsbedarf auf Bruchs Roadshow. Siemens Energy verfüge über ein breites Portfolio von den Erneuerbaren bis zur konventionellen Kraftwerkstechnik, sagt DWS-Analyst Tobias Hallenberg. „Diese Kombination aus strukturell wachsenden Geschäftsfeldern und strukturell eher schwierigen Geschäften bietet somit zwar viele Chancen, macht es für den Kapitalmarkt jedoch auch schwieriger, eine angemessene Bewertung für das neue Unternehmen zu finden.“

Christian Bruch weiß, dass er liefern muss. „Ich bin auch überhaupt nicht zufrieden mit der Profitabilität der Firma“, sagte er jüngst im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die Kostenbasis müsse runter. Zudem müsse Siemens Energy Projekte selektiver auswählen.

Deshalb kündigte Bruch auf dem Kapitalmarkttag Anfang September auch das zusätzliche Einsparziel von 300 Millionen Euro an – über die bereits kommunizierten Kostensenkungen von einer Milliarde Euro bis zum Geschäftsjahr 2023 hinaus.

Ziel ist nun eine operative Umsatzrendite (Ebita) vor Sondereffekten von 6,5 bis 8,5 Prozent im Geschäftsjahr 2023. Im Geschäftsjahr 2019 hatte die angepasste Ebita-Marge 3,6 Prozent betragen. „Daran wird sich das neue Management zunächst messen lassen müssen“, sagte Winfried Mathes von Deka Investment.

Auch Vera Diehl von Union Investment mahnte bereits: „Bisher hat der Energiebereich von Siemens nicht konstant geliefert.“ An der Börse werde der Neuling keine Vorschusslorbeeren bekommen. „Wir werden das Unternehmen danach bewerten, ob es liefert und konstante Margen erwirtschaftet.“

Unter dem Strich will Bruch rasch wieder die Gewinnzone erreichen. In der ersten Hälfte des laufenden Geschäftsjahres machte das neue Unternehmen – auch wegen Sondereffekten – unter dem Strich einen Verlust von 337 Millionen Euro. Die Umsätze sanken in diesem Zeitraum leicht auf 13,1 Milliarden Euro.

Wasserstoff als Zukunftsfeld

Doch eine Restrukturierungsstory allein reicht den Investoren noch nicht. „Sparen ist noch keine Strategie“, sagt Aktionärsvertreterin Bergdolt. „Bruch muss eine Vision entwickeln, womit man in Zukunft Geld verdienen will.“ Neue Themen wie Wasserstoff seien wichtig, doch würden sie in den nächsten Jahren nicht die großen Umsatz- und Gewinnbringer sein.

Die Aufstellung von Siemens Energy ist nach Einschätzung der Investoren durchaus zukunftsträchtig. In der neuen Energiewelt spielten der Bau komplexer Stromübertragungsnetze, die dezentrale Stromerzeugung, erneuerbare Energien und Wasserstoff eine wichtige Rolle, sagt Mathes von Union Investment: „Hier hat Siemens Energy mit seinem Produktportfolio gute Chancen, eine wichtige Rolle zu spielen.“

Auch im klassischen Kraftwerksgeschäft sieht es wieder besser aus. Nach ein paar zähen Jahren hat sich der Gasmarkt mittlerweile wieder stabilisiert. Und bietet auch in Zukunft noch ordentliche Wachstumschancen. Laut dem neuesten Energy Outlook des Energiekonzerns BP könnte die Nachfrage sich in den nächsten 15 bis 30 Jahren um ein Drittel steigern. Das hat vor allem mit der Abkehr vieler Länder von der Kohle zu tun.

Zweidrittel seines Geschäfts macht Siemens Energy mit den Sektoren Kohle, Gas und Strom. „Die meisten Gewinne im Gas und Power-Bereich kommen dabei durch den Service für Bestandsaufträge und das ist sehr profitabel“, sagt Philip Buller, Energie-Analyst bei der Berenberg Bank. Allein dadurch werde das neue Unternehmen noch viele Jahre eine sichere Einkommensquelle haben.

Technisch sieht der Experte die Siemens-Tochter gut aufgestellt. Auch im Vergleich zu Konkurrenten wie General Electric und Mitsubishi mache der Energietechnik-Konzern einen guten Eindruck. „Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit General Electric. Beide hatten die gleichen Probleme in den letzten Jahren und jetzt müssen beide beweisen, dass sie ihre Kostenstruktur verschlanken und die Gewinnmargen steigern können“, sagt Buller.

Das sei vor allem für die Wind-Tochter Siemens Gamesa wichtig. Das Windgeschäft macht rund ein Drittel der neuen Siemens Energy aus und befindet sich schon seit zwei Jahren in einem immer aggressiveren Preiskampf auf dem Markt für die grünen Mühlen. Trotzdem ist Siemens Gamesa einer der größten Turbinenhersteller der Welt und bei Anlagen auf See sogar Marktführer. Und die Aussichten auf dem Windmarkt sind vor dem Hintergrund des immer schneller wachsenden Ausbaus der erneuerbaren Energien äußerst positiv. Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass bis 2040 mehr als die Hälfte der neu installierten Anlagen weltweit mit Wind und Solar betrieben werden.

Allerdings muss Siemens Energy zunächst einmal klären, wie es in Zukunft mit dem Thema konventionelle Energieerzeugung umgeht. „Siemens Energy wird wegen seiner fossilen Kraftwerkstechnik im Fadenkreuz von Umweltaktivisten stehen“, sagt Portfoliomanager Mathes.

Der Aufsichtsratschef von Siemens Energy, Joe Kaeser, hatte im Juli einen teilweisen Ausstieg aus der Kohle angekündigt. Er habe den Vorstand des neu formierten Energietechnikriesen gebeten, „zügig einen Stakeholder-gerechten Plan zum Ausstieg aus der Stromerzeugung durch Kohle vorzulegen“. Dieser Ausstiegsplan werde „verantwortungsvoller sein, als manche Aktivisten das einseitig fordern, aber sicher konsequenter, als Zögerlinge dies für notwendig halten“.

CEO Bruch allerdings äußerte sich danach deutlich zurückhaltender. Neue effiziente Kohle-Kraftwerke seien aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten „absolut erklärbar“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Mittelfristig müsse Siemens Energy aber raus aus der Kohle.

Das Thema ist längst nicht nur für Klimaschützer wichtig, sondern auch für Investoren relevant. „Wie man mit diesen fossilen Altlasten umgeht, daran wird sich das Management messen lassen müssen“, sagte Portfolio-Managerin Diehl von Union Investment. Die Investoren bräuchten „eine klare Vision mit Meilensteinen, wohin sich Siemens Energy in welchem Zeithorizont entwickeln will“.

Dabei sind auch unter Investoren die Meinungen geteilt. So fordert DSW-Geschäftsführerin Bergdolt, Siemens Energy müsse weltweit auch weiterhin effiziente Gas- und Kohlekraftwerke verkaufen. Nicht alle Länder seien bei der Energiewende schon so weit wie Deutschland und Europa. „Die sind froh, wenn sie überhaupt Strom produzieren können.“

Kritisch sehen manche Investoren die weiterhin starke Stellung von Siemens bei der Abspaltung. „Aus Corporate-Governance-Sicht ist es ein Dorn im Auge des Betrachters, wenn gerade der Aufsichtsrats- und Prüfungsausschussvorsitz in Händen von Siemens-Vertretern liegt.“ Hier drohten Interessenkonflikte.

Den Aufsichtsrat von Siemens Energy führt Noch-Siemens-Chef Joe Kaeser. Vorsitzender des wichtigen Prüfungsausschusses wird Siemens-Finanzvorstand Ralf Thomas. Siemens wird nach dem Börsengang – einschließlich Pensionsfonds – 45 Prozent der Anteile an der neuen Siemens Energy AG halten. Der Konzern hat aber bereits angekündigt, die Beteiligung weiter abzuschmelzen.

Auch wenn Siemens die neuen Aktien nicht wie bei einem klassischen IPO verkaufen muss: Leicht wird das Projekt Börse nicht. Doch zumindest Aktionärsschützerin Bergdolt ist überzeugt: „Der Börsengang wird kein Flop werden. Es ist derzeit viel Geld unterwegs, das angelegt werden will.“