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Investoren von BASF zweifeln an China-Strategie

Fondsmanager stellen auf der Hauptversammlung den Basischemie-Ausbau in Frage. Vorstandschef Brudermüller sieht den Chemieriesen trotz Konjunkturflaute auf Kurs.

Bei Investoren der BASF regt sich offenbar zunehmend Skepsis mit Blick auf die China-Strategie und die so genannte Verbundstruktur des Chemieriesen, das heißt seine sehr breite Aufstellung mit vielen vernetzten Fabriken an großen Standorten. Darauf jedenfalls deuten mehrere Statements zur virtuellen Hauptversammlung des Konzerns hin. Insbesondere die Pläne des Konzerns, mit Investitionen von rund zehn Milliarden Euro ein neues großes Chemiewerk in Guangdong zu errichten, stehen dabei im Fokus.

„Was macht Sie so sicher, dass in diesen unsicheren Zeiten ein weiterer Verbundstandort in China nötig und tatsächlich auch wertschaffend für die Aktionäre ist“, fragte Arne Rautenberg, Portfoliomanager Union Investment. Die globalen Ambitionen in Ludwigshafen dürften nicht dazu führen, dass womöglich Milliarden zulasten der Aktionäre versenkt werden.

Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance bei Deka Investment, sieht in den Plänen vor allem die Gefahr, dass mit einem solchen Projekt die Präsenz der BASF in der preissensitiven Basischemie gestärkt werde. Es sei fraglich, ob der Verbundansatz wirklich ausreiche für den Chemiekonzern, um sich langfristig gegen eine erhöhte „Kommodifizierung“ der Basischemie zu schützen. „China kann zu einer echten Bedrohung für das Brot- und Buttergeschäft von BASF werden – und das auch schon ohne einen Handelskrieg“, erklärte Speich.

Zugleich warnte der Deka-Manager davor, dass der Konjunkturabschwung die Dividendenpolitik des Konzerns in Frage stellen könnte. Die BASF lebe mit der geplanten hohen Ausschüttung auf Kosten der Substanz. „Nun spült die Konjunktur auch diesen letzten Fels in der Brandung davon. Der Kapitalmarkt braucht aber Vertrauensbeweise.“

Hintergrund für die kritischen Stimmen ist die seit 2018 relativ schwache Kurs- und Ertragsentwicklung bei dem Ludwigshafener Konzern, die zunächst vor allem durch stark rückläufige Margen in der Basischemie und in Teilen des Kunststoffgeschäfts geprägt wurde und im laufenden Jahr zusätzlich durch den Konjunktureinbruch aufgrund der Corona-Pandemie verschärft wird. Seit Anfang 2018 hat die BASF-Aktie rund 45 Prozent an Wert verloren.

Keine Prognose für 2020

Vor allem der Einbruch der wichtigen Abnehmerbranche Automobil führt bei dem Chemiekonzern derzeit zu starken Absatzeinbußen und möglicherweise sogar zu roten Zahlen im zweiten Quartal. Für das Gesamtjahr unterstellen Analysten in ihren Schätzungen aktuell im Schnitt einen operativen Gewinnrückgang um weitere etwa 30 Prozent.

Die BASF selbst hat bereits Ende April ihre ursprüngliche Prognose eines in etwa stabilen Betriebsgewinns zurückgezogen und verzichtet seither auf einen Ausblick.

Auch auf der Hauptversammlung wagte Vorstandschef Martin Brudermüller keine konkrete Prognose für 2020. „Wir wissen nicht, ob und wann sich die Märkte wieder normalisieren. Und wie sie sich künftig entwickeln. Im Verlauf des Jahres gehen wir von einer Verbesserung aus. Nicht aber von einer vollständigen Erholung“, sagte er.

Für das zweite Quartal erwarte man bestenfalls ein operatives Ergebnis von einem niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag. „Es kann auch null sein oder negativ“. Im Vorjahr hatte der Konzern im zweiten Quartal operativ rund eine Milliarde Euro verdient, 2018 sogar fast zwei Milliarden Euro.

Ungeachtet dieser Einbußen verteidigte Brudermüller die Strategie des Konzerns vehement. China sei schon heute ein profitabler Markt für die BASF und werde weiter überdurchschnittlich wachsen. Man gehe davon aus, dass der Anteil der Volksrepublik am weltweiten Chemiemarkt bis 2030 auf etwa 50 Prozent wachse. „Wir sind daher überzeugt, dass es richtig und wichtig ist, unseren Fußabdruck in China zu verstärken.“

Mit der Investition in Guangdong werde man die führende Position als westlicher Chemiekonzern in China weiter ausbauen. Zudem stärke man mit dem Projekt die Strategie, jeweils dort zu produzieren, wo auch die Kunden sind. Insgesamt hat der Konzern bis 2024 rund 41 Prozent seines Investitions-Budgets für Asien vorgesehen, 34 Prozent für Europa, 19 Prozent für Nordamerika.

Durch das breite Produktprogramm werde die Schwankungsanfälligkeit des BASF-Konzerns reduziert. Zudem habe man durch die Portfolio-Politik der letzten Jahre die verbrauchernahen Geschäftsfelder weiter gestärkt.

Neuer Aufsichtsratschef gewählt

Auch die progressive Dividendenpolitik verteidigte Brudermüller nachdrücklich gegen kritische Fragen aus dem Aktionärskreis. Für 2019 hebt der Konzern seine Ausschüttung trotz schwacher Ertragsentwicklung um zehn Cents auf 3,30 Euro je Aktie an. Die Zahlung sei gerechtfertigt angesichts des hohen Free-Cashflows von 3,7 Milliarden Euro und der soliden Bilanzstruktur.

Zugleich deutet Brudermüller aber auch an, dass die Dividendenpolitik nicht völlig in Stein gemeißelt ist. Mit dem Dividendenvorschlag für das Geschäftsjahr 2020 werde man sich Anfang des kommenden Jahres auseinandersetzen. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und der daraus resultierenden Unsicherheiten auf die mittelfristige Geschäftsentwicklung und den Marktausblick „werden wir dann neu bewerten, und dann entscheiden, wie wir weiter vorgehen.“

Auf der Hauptversammlung wurde auch ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender des Chemiekonzerns gewählt. Der ehemalige BASF-Vorstandschef Kurt Bock übernimmt die Aufgabe. Allerdings erhielt er auf der Hauptversammlung am Donnerstag nur eine Zustimmung von 67,29 Prozent der abgegebenen Stimmen. Üblich sind in Deutschland Zustimmungsraten von 95 Prozent und mehr. Bock folgt auf den langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Jürgen Hambrecht. Er war von 2011 bis 2018 BASF-Chef und von 2003 bis 2011 Finanzvorstand gewesen.

Vor der Hauptversammlung war Kritik an der geplanten Wahl Bocks laut geworden. Die Fondsgesellschaft Union Investment hatte erklärt, sie werde dagegen stimmen. Im Fall seiner Wahl sah sie keine ausreichende Unabhängigkeit im Aufsichtsrat gegeben. Ähnlich hatte sich die deutsche Tochter des Stimmrechtsberaters Glass Lewis, Ivox, geäußert, die die Wahl als „sehr kritisch“ ansah. Glass Lewis, der größte US-Aktionärsberater ISS sowie die Fondshäuser DWS und Deka hatten sich allerdings für Bock ausgesprochen.