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Nach Investment-Debakel: Schnelltest-Start-up Digid stellt sich neu auf

Deters, Jannik
·Lesedauer: 7 Min.

Ein Vertrauter des Ex-Wirecard-Vorstands Jan Marsalek versprach der Biotechfirma Millionen. Doch die blieben aus. Nun gibt es einen neuen Investor.

Digid ist spät dran. Foto: dpa
Digid ist spät dran. Foto: dpa

Es ist eine erstaunliche Summe, die der Investor V. seinen Geschäftspartnern im Juni 2020 versprach. Bis zu 40 Millionen Euro wollte er mit seiner Firma IMS Capital dem gerade gegründeten Biotech-Start-up Digital Diagnostics (Digid) zur Verfügung stellen. Digid brauchte das Kapital für die Weiterentwicklung seines Corona-Schnelltests und die Produktion in den USA.

Doch nicht einmal die erste von V. angekündigte Investition in Höhe von 6,3 Millionen Euro floss komplett. Digid-Chef Constantin von Gersdorff sagt heute, er habe damals schon erhebliche Zweifel an Vs. Zahlungsmoral gehabt. „Das war mir nicht geheuer.“

Vier Monate später war IMS Capital insolvent. V., Ex-Geschäftsführer von Tui.com und langjähriger Vertrauter des flüchtigen früheren Wirecard-Vorstands Jan Marsalek, saß im November zwei Wochen in Untersuchungshaft. Er kam gegen Kaution frei, die Staatsanwaltschaft München I ermittelt nach eigenen Angaben weiter. V. soll sich als Verantwortlicher von IMS in betrügerischer Absicht 2,5 Millionen Euro vom Firmenkonto auf sein privates Konto überwiesen haben.

Digid hat nun einen neuen Investor gefunden. Die Firma beteuert, mit V. geschäftlich nichts mehr zu tun zu haben und nie Geld von Wirecard oder Marsalek, dessen Geldströme auch über IMS flossen, bekommen zu haben. Doch der Antigentest auf das Covid-19-Virus, technologisch eine kleine Revolution, ist noch immer nicht auf dem Markt. Seit Ende Mai schon prüft die US-Gesundheitsbehörde FDA, ob sie den Corona-Schnelltest des Mainzer Start-ups zulässt oder nicht.

Eigentlich wollte Digid die ersten Tests im Juli ausliefern. Damals wäre Digids Lösung eine der ersten auf Antigenbasis überhaupt gewesen. Mittlerweile haben die FDA und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte Dutzende Tests zugelassen, und die Impfstoffe sind in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt.

Norwegischer Gesundheitskonzern steht hinter Digid

Digids Eilverfahren bei der FDA läuft noch immer. Neben vereinzelten technischen Schwierigkeiten und Forderungen der Behörde nach detaillierten Nachbesserungen macht Digid vor allem die Probleme mit dem Investment für die Verzögerung verantwortlich. Es ist die Geschichte einer Hoffnung, mit moderner Technologie schnell etwas gegen die Pandemie tun zu können, die zur Hängepartie wird.

Die Idee für Digid entstand Ende 2019. Der norwegische Gesundheitskonzern Lifecare plante damals, seine Sencell-Technologie von dem Start-up verfeinern zu lassen. Sie hilft Diabetespatienten, Glukose zu messen. Mitte Januar gründete sich Digid, ein Konsortium aus Gesundheitsfirmen und Universitäten. Das neuartige Coronavirus bahnte sich da erst langsam seinen Weg durch Asien.

Kontakte sind dafür umso wichtiger. Technologie-Vorstand wurde Konstantin Kloppstech, der lange an der Universität Oldenburg studiert und gearbeitet hat. Auf deren Know-how in der Mikrorobotik und Regelungstechnik greift Digid zurück. Kloppstech ist wie sein Digid-Vorstandskollege Frank Flacke auch in beratender Funktion im Lifecare-Management.

Von Gersdorff und V. kennen sich seit Sommer 2018. V. habe ihn um Rat bei einer Investitionsentscheidung gefragt, erzählt von Gersdorff, der damals als Investmentberater in der Pharmabranche arbeitete. V. habe nach einem Unternehmen wie Digid, das Nanotechnologie mit Diagnostik kombiniert, gesucht.

Also übernahm seine Firma IMS 50,1 Prozent der Anteile und kündigte eine Investition in Höhe von 6,3 Millionen Euro an. Der heutige Lifecare-Chef Joachim Holter sagt auf Anfrage, der Konzern habe der Vereinbarung damals zugestimmt.

Als die Corona-Pandemie ausbrach, merkten die Tüftler, dass sie die Sencell-Technologie nutzen können, um Menschen auf das Virus zu testen. Die digitale Diagnostikplattform mit dem neu entwickelten Sensor funktioniert so: Ein Federblättchen aus Silizium, Cantilever genannt, wird mit monoklonalen Antikörpern beschichtet, die „ausschließlich auf das neue Virus Sars-CoV-2 reagieren“, wie von Gersdorff erklärt.

Die Testflüssigkeit mit dem Rachenabstrich des Patienten kommt auf den Cantilever. Wenn Virusbestandteile in der Flüssigkeit enthalten sind, binden die Antikörper das Virus. Diese Bindung verändert die Oberflächenspannung und verbiegt den Cantilever. Die Verbiegung kann elektrisch erkannt werden, das Gerät meldet eine Infektion. Digid verspricht innerhalb von fünf Minuten eine eindeutige Antwort, die über das Gerät digital verschickt werden kann.

Stefan Dübel ist Professor für Biotechnologie an der TU Braunschweig, die Teil des Konsortiums ist: Er glaubt, dass die Technologie „hochinnovativ, dabei simpel und zudem massenproduktionstauglich“ sei. Die Lösung sei nicht nur jetzt von Nutzen, sondern „auch für zahlreiche weitere zukünftige diagnostische Anwendungen“.

Doch die Finanzierung geriet unmittelbar zum Start in Verzug. Als Anschubfinanzierung habe IMS ein „Darlehen in Höhe von 200.000 Euro eingegeben“ und danach nichts mehr, sagt von Gersdorff. IMS habe die „Anteile unmittelbar nach der Eintragung der Digital Diagnostics AG ins Handelsregister an die Human Data AG verkauft, die Herrn V. gehört“, erklärt von Gersdorff.

Die Einzahlungsverpflichtungen in Höhe von 6,3 Millionen Euro seien „gleichzeitig mit dem Verkauf“ auf Human Data übergegangen. Die Schweizer Firma habe dann auch „etwas über die Hälfte der zugesagten Summe“ gezahlt.

Warum V. im Februar 2020 Human Data gründete, um dann von dort teilweise Gelder zu zahlen, ist unklar. Wegen des laufenden Verfahrens gegen ihn äußert er sich zu dieser und allen anderen Fragen des Handelsblatts nicht.

Von Gersdorff sagt, er habe im Mai erstmals „den Finger gehoben, Anfang Juni zum zweiten Mal“. Vs. Begründungen laut dem Digid-Chef: „Mal waren es andere Beteiligungen, die Priorität hatten, mal musste erst ein Depot aufgelöst werden. Das waren so Sachen, die man hört, wenn einer kurz vor der Insolvenz steht.“ Mitte Juni habe er sich dann um Alternativen bemüht, „weil ich kalte Füße bekommen habe“, sagt von Gersdorff.

Digid habe „weder die zweite Hälfte der vereinbarten Einlagen von etwa drei Millionen noch die 40 Millionen, die er uns im Sommer angekündigt hat, jemals gesehen“, erklärt der CEO. „Wir haben den richtigen Riecher zur richtigen Zeit gehabt, sonst wären wir jetzt auch pleite.“

Vs. Firma hält noch etwa 22 Prozent

Die Alternative, die er gefunden hat, ist Nicolaus von Rintelen. Der Investor und Aufsichtsrat des Münchener Softwareunternehmens Virtual Solution hatte für einen Einstieg seiner Schweizer Beteiligungsgesellschaft VRV aber zwei Bedingungen: eine Beteiligung von mindestens einem Viertel der Anteile und ein Aufsichtsratsmandat.

Daraufhin habe Human Data einen Teil seiner Aktien an VRV gekauft und die verbliebenen Investmentverpflichtungen von drei Millionen Euro an Rintelens Gesellschaft übertragen, teilt Digid mit.

Von Rintelen stieg nicht nur aus alter Verbundenheit ein. „Ich halte diese Technologie für ganz besonders“, sagt er. Sie reduziere die Zeit zwischen Test und Ergebnis deutlich. Wenn die klinischen Studien abgeschlossen seien, wollten sie im ersten Quartal 2021 das CE-Zertifikat anmelden. Zu den Interessenten gehörten auch Fluggesellschaften, Industrieunternehmen und Pflegeeinrichtungen.

Digids Fünf-Minuten-Versprechen würde mehr Tests in kürzerer Zeit ermöglichen. Mit einem Produktstart Anfang 2021 ist Digid allerdings spät dran. Die Lufthansa als größte deutsche Airline hat längst ein Testzentrum in Frankfurt und einen Partner für Tests auf der Strecke München-Hamburg.

Im Sommer sagte von Gersdorff, Digid sei ein junges Unternehmen, deswegen wolle man nichts überstürzen. Und vor einer zweiten Welle, für die es viele Tests brauche, sei auch Deutschland nicht gefeit. Die Welle ist nun da, Digid aber nicht bereit.

Die Verbindung zu V. zu kappen ist der Firma noch nicht ganz gelungen. Zwar ist der seinen Aufsichtsratsposten los, Human Data hält nach Handelsblatt-Informationen aber weiterhin rund 22 Prozent an Digid. Und V. wollte seinen Einfluss zwischenzeitlich offenbar wieder ausbauen.

Von Rintelen, der als Aufräumer gekommen ist, wird noch etwas Zeit brauchen, bis es wieder ausschließlich ums Produkt geht. Lifecare-CEO Holter sagt, seit von Rintelen Chefaufseher sei, habe sich „die Kommunikation zwischen den Parteien professionalisiert“ und sei „deutlich besser als zuvor“.

Die 200.000 Euro, die Digid als Anschubfinanzierung von IMS erhalten hatte, muss das Start-up Ende Januar 2021 zurückzahlen. Das Geld ist Teil der Insolvenzmasse. An wen genau es geht, das werde das Landgericht München noch mitteilen, sagt von Gersdorff. Auf wessen Konto Digid die Darlehensrückzahlung auf keinen Fall überweisen solle, habe das Gericht ihm aber bereits geschrieben: auf das der Firma IMS.