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Interner Bericht: Im Fall der German Property Group warnte das Finanzamt bereits 2015 vor einem Schneeballsystem

Marta Orosz
·Lesedauer: 4 Min.
Der Firmensitz der German Property Group (damals Dolphin Trust) in Langenhagen.
Der Firmensitz der German Property Group (damals Dolphin Trust) in Langenhagen.

Für viele Anleger, die ihre Ersparnisse im mutmaßlichen Betrug der German Property Group (GPG) verloren haben, ist es schwer zu verstehen, warum Firmengründer Charles Smethurst und seine mutmaßlichen Mittäter weiterhin auf freiem Fuß sind. Die Staatsanwaltschaft Hannover argumentierte damit, dass Smethurst sich kooperativ zeige. Doch die Ereignisse, die die Wirtschaftsprüfer im September 2020 dokumentierten, zeigen laut dem Schlussgutachten eines vorläufigen Insolvenzverwalters das Gegenteil.

Innerhalb von zwei Wochen im September 2020 sollen damalige Mitarbeiter des Unternehmens Aktenordner aus dem Geschäftssitz im Langenhagen getragen und in ihre Autos geladen haben - und das nicht nur einmalig, sondern gleich zwei Mal. Einen Tag nach dem zweiten Vorfall haben die Mitarbeiter einer Wirtschaftsprüfergesellschaft im Altpapiercontainer auf dem Firmengelände Säcke mit geschredderten Dokumenten gefunden.

Außerdem berichtet der vorläufige Insolvenzverwalter, wie ihm der Zugang zum Firmensitz von Mitarbeitern der GPG verwehrt wurde. Er soll „erst unter der Hinzuziehung der Polizei“ Zutritt zum Firmensitz erhalten haben.

Unter diesen Umständen und vor dem Hintergrund einer chaotischen und teilweise nichtexistenten Buchführung, kommen auch nach acht Monaten nur Bruchteile der Zusammenhänge ans Licht. Das vorläufige Insolvenzgutachten einer zentralen Gesellschaft des Firmengeflechts liefert Erkenntnisse über Geldflüsse, aber auch über das Desinteresse der Behörden gegenüber einem vermeintlichen Milliardenbetrug, der vor ihren Augen ablief.

Verschleierung, Verzögerung, Behinderung der Aufklärung

Die Immobilien-Gruppe German Property Group bestand aus rund 200 Firmen, doch ein Unternehmen ist besonders relevant aus Sicht der Gläubiger: Die meisten Gelder gingen bei der Projektgesellschaft Dolphin Capital 80. (DC80) ein, die den Privatanlegern Schuldscheine ausstellte. Der vorläufige Insolvenzverwalter Gerrit Hölzle und sein Team recherchierten seit Juli 2020 und fassten nun ihre Erkenntnisse zusammen. Den Entwurf seines vorläufigen Gutachtens konnte Business Insider einsehen.

Es ist nicht nur die Menge an Daten in Form von 6.100 Aktenordnern, über 170.000 einzelnen Dokumenten und hunderttausenden unsortierte E-Mails, sondern vor allem die fehlende Struktur, die willkürliche Buchführung und nicht nachvollziehbare Geldflüsse innerhalb des Firmengeflechts, die eine umfassende Aufarbeitung unmöglich machen. „Insbesondere wurden zahlreiche Buchungen mutmaßlich ohne zugehörige Belege und somit auf Grundlage nicht dokumentierter Geschäftsvorfälle vorgenommen,“ schreibt Hölzle. Das Gutachten, in dem es um die Strukturen und das Vermögen der DC80 geht, betont stets, dass es sich hier auch nach acht Monaten nur um vorläufige Ergebnisse geht.

Denn auch der Firmengründer Charles Smethurst soll aus Sicht des Insolvenzverwalters keinerlei aussagekräftige Unterlagen und Informationen geliefert haben. „Er war während des gesamten Verfahrens um Verschleierung, Verzögerung und Behinderung der Sachverhaltsaufklärung bemüht,“ steht im Gutachten. Charles Smethurst hat bis zur Veröffentlichung dieses Artikels zu diesen Aussagen keine Stellung genommen.

Finanzamt erwog Ermittlungen, doch tat am Ende nichts

Nicht nur der Gründer, sondern auch die Behörden, sollen sich gegenüber dem Fall Smethurst desinteressiert gezeigt haben. Laut dem Gutachten führt das zuständige Finanzamt seit 2015 eine Betriebsprüfung durch, die aus Sicht des Insolvenzverwalters ergebnislos sei. Im Bericht steht auch, dass der Betriebsprüfer schon zu Beginn darauf hingewiesen hat, dass es sich hierbei „offensichtlich um ein Schneeballsystem handele.“

Die Finanzverwaltung erwog zwar Ermittlungen, doch hielt laut Gutachten diese dann „für nicht zielführend.” So durfte die GPG in den darauf kommenden Jahren noch weiter Gelder von nichts ahnenden Anlegern einsammeln. Auf unsere Frage nach einer Begründung, warum das Finanzamt keine Notwendigkeit für Ermittlungen sah, erhielten wir die Aussage "Kein Kommentar" - mit Hinweis auf das Steuergeheimnis.

Auch die Staatsanwaltschaft Hannover, die gegen Charles Smethurst und zwei weiteren Personen aus dem GPG-Umfeld ermittelt, steht nicht besser da im Bericht. Demnach soll die Staatsanwaltschaft nach der Aufnahme der Ermittlungen „keinerlei Veranlassung“ gesehen haben, Beweise zu sichern. Die Sicherung der Beweise und des Vermögens stand zu der Zeit nicht im Fokus der Staatsanwaltschaft Hannover, so der Bericht. Durchsuchungen fanden, wie wir berichtet haben, erst Mitte März 2021 statt.

Für Anleger wird es schwierig ihr Geld wieder zu bekommen

Zwar ist die Aufdeckungsarbeit noch nicht abgeschlossen, jedoch beliefen sich die Gelder, die allein die DC80 abgewickelt hat, auf 3,1 Milliarden Euro. Wie bereits der Insolvenzverwalter der gesamten Immobiliengruppe Anfang April berichtete, geht es hier um eine viel größere Dimension, als bisher angenommen. Die DC80 agierte als die zentrale Kapitalsammelstelle in der GPG-Gruppe, so der Bericht. Die Gelder von etwa 4.000 britischen und irischen Privatinvestoren flossen in die DC80 und wurden dann innerhalb der Immobiliengruppe verteilt. Anleger, die zum Teil ihre Rentenersparnisse in die GPG investierten, wollen nun die Gelder zurückholen.

Nach alldem, was im Bericht steht, wird das wohl nicht so einfach sein, denn es gibt keine Übersicht dazu, welcher Anleger wie viel schon ausgezahlt bekommen hat und wem das Unternehmen noch Geld schuldet. „Die Frage, welcher Investor überhaupt in welcher Gesellschaft der Gruppe Gläubiger ist, lässt sich nicht ohne Weiteres nachvollziehen.”

Der vorläufige Insolvenzverwalter Gerrit Hölzle wird die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beim Amtsgericht Bremen beantragen und sein 161-seitiges Gutachten vorstellen. Das Gericht soll dann entscheiden, ob er den Auftrag als Insolvenzverwalter der DC80 bekommt. Die Zweifel an die Zuständigkeit des Amtsgerichts Bremen über das Insolvenzverfahren wurden letztendlich im Oktober 2020 juristisch geklärt, als das Landgericht die Zuständigkeit Bremens bestätigte.