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ING-Innovationschef Legrand: „Die Frage des fairen Wettbewerbs muss angegangen werden“

Um in der digitalen Welt zu bestehen, müssen Banken ihre Geschäftsprozesse schneller und besser machen, sagt der Innovationschef der niederländischen Bank ING.

An Selbstbewusstsein mangelt es Benoît Legrand nicht. Auf den Ruf seines Arbeitgebers ING als Vorreiter des digitalen Bankings angesprochen, nennt er sich selbst als einen Grund für diesen Erfolg.

Der 51-Jährige trägt den Titel Chief Innovation Officer (CIO) und berichtet direkt an den Vorstandschef Ralph Hamers. „Ich bilde mir darauf nichts ein, aber die Botschaft an die Organisation ist klar“, sagt Legrand im Gespräch mit dem Handelsblatt. Um sicherzustellen, dass die Bank auch in zehn Jahren noch zu den besten gehöre, brauche man einen Innovationschef mit Durchgriffsrecht und langfristiger Perspektive.

Denn die Manager in den einzelnen Bereichen der Bank tendierten dazu, kurzfristig zu denken. „Niemand von ihnen wird an seiner Leistung über zehn Jahre gemessen“, sagt Legrand. Der Belgier, der seit 1994 bei der ING arbeitet, ist bereits der dritte CIO in fünf Jahren. Dennoch gebe es Kontinuität, weil die Strategie die gleiche geblieben sei, sagt Legrand. „Es macht keinen Sinn, jedes Mal alles umzuwerfen, wenn ein Neuer kommt.“

ING ist nicht die einzige Bank mit einem Innovationschef, war aber eine der Ersten. Aufgabe des CIO ist es, neue Entwicklungen und Trends in der sich schnell verändernden Branche gewissermaßen in Echtzeit zu verfolgen. Aktuell versuchen viele Banken, sich zu Finanzplattformen zu wandeln – und ihren Kunden nicht mehr nur eigene, sondern auch Produkte anderer Anbieter aus verwandten Branchen zu verkaufen.

Befördert wird diese Idee durch die PSD2-Richtlinie, die im September vollständig in Kraft trat. Diese EU-Vorgabe zwingt Banken dazu, ihre Daten Drittanbietern zugänglich zu machen – sofern die Kunden zustimmen. Über dafür notwendige sogenannte Anwendungsschnittstellen, englisch Application Programming Interface oder API genannt, können Tech-Firmen und Finanzdienstleister den Kunden einer Bank dann zusätzliche Produkte und Dienstleistungen anbieten.

Viele IT-Systeme sind veraltet

In Deutschland sind die Versuche mit diesem sogenannten Open Banking noch im Experimentierstadium, heißt es in einer neuen Studie von Roland Berger, über die das Handelsblatt berichtete. Banken in den Niederlanden, Großbritannien und Spanien hingegen sind schon weiter, darunter die ING, HSBC und BBVA.

Bei ING ist der hauseigene Risikokapitalarm ING Ventures ein zentraler Teil der Zukunftsstrategie. Die Bank hat in 28 Start-ups investiert und arbeitet insgesamt mit 190 Fintechs zusammen. Das liegt inzwischen im Trend, aber auch dabei war ING besonders früh dran.

Der Finanzsektor sei eine der ersten Branchen überhaupt gewesen, die sich digitalisiert habe, sagt Legrand. Deshalb seien viele IT-Systeme inzwischen veraltet und müssten durch die nächste Generation ersetzt werden. Dabei wende ING sich gern an Fintechs. „Wenn sie es besser können, warum sollten wir deren Technologie nochmal bauen?“

Die ersten Investments hat ING Ventures vor vier Jahren getätigt. Einige könnten laut Legrand irgendwann auch Einhorn-Status erreichen, also eine Bewertung von einer Milliarde Dollar. Als besonders vielversprechend nennt er die Mobilkreditplattform WeLab aus Hongkong, die irische Handelsfinanzierungsplattform TradeIX, die US-Kreditplattform Kabbage und das niederländische Start-Up Cobase, eine Plattform, über die Unternehmen ihre Geschäftskonten bei verschiedenen Banken verwalten können.

Noch hat keine Beteiligung einen Gewinn abgeworfen. Vorerst dienen sie ING dazu, die eigenen Systeme auf dem neuesten Stand zu halten und den Umbau der Bank zu einer Finanzplattform zu beschleunigen.

Bei 75 Prozent der Beteiligungen nutzt die Bank die Technologie selbst, beim Rest investiert sie mit Blick in die Zukunft. „Das sind Firmen, die eine Technologie oder ein Geschäftsmodell haben, welche wir derzeit nicht brauchen, die aber in zwei, drei Jahren interessant sein könnten“, sagt Legrand. Als Beispiel nennt er den deutschen Versicherungsbroker Clark. „Deren Plattform könnte in drei Jahren ein wichtiger Eckpfeiler unserer Versicherungsstrategie sein.“

Legrand ist ein großer Anhänger des Open Banking. „Wir geben Daten auf, aber wir bekommen noch viel mehr von anderen Banken. Am Ende stehen wir also viel besser da“, sagt er. „Wir werden smarter und können unseren Kunden besser helfen.“

Keine Bedrohung durch Open Banking

Nicht alle Banken sind jedoch so offen. In der Roland-Berger-Umfrage gaben zwar 81 Prozent an, dass Open Banking eher eine Chance als eine Bedrohung sei. Doch 43 Prozent räumten ein, dass sie über die PSD2-Schnittstellen nur die Mindestmenge an Daten für Dritte bereitstellen. Befragt wurden 35 Banken und sechs Drittanbieter in 12 europäischen Ländern. ING hingegen gibt Drittanbietern schon jetzt mehr Daten, als es die PSD2 erfordert.

Den Widerstand vieler Geldhäuser gegen die Richtlinie kann Legrand nicht nachvollziehen. „Viele Banken sind defensiv“, sagt der Digitalstratege. Dabei könnten sie die Öffnung allenfalls etwas hinauszögern. „Sie können das Unvermeidliche nicht vermeiden.“

Banken fürchten, dass sie den direkten Kundenkontakt an Tech-Konzerne wie Apple und Google verlieren, wenn sie ihre Systeme öffnen. Die Konkurrenz durch Big Tech stellt sie vor eine Richtungsentscheidung. „Banken sind an einer Weggabelung“, sagt Legrand. „Sie müssen entscheiden, ob sie ein Infrastruktur-Player oder ein Kunden-Player sein wollen.“

Wollen sie sich künftig damit begnügen, die Zahlungsprozesse hinter Apple Pay und Google Pay abzuwickeln? Oder wollen sie weiterhin selbst um Kunden werben und ein möglichst attraktives Privatkundenangebot haben?

ING sieht sich im zweiten Lager. Mit 39 Millionen Kunden sei man groß genug, um im Wettbewerb mit den Tech-Firmen bestehen zu können, sagt Legrand. Für eine kleine regionale Bank könne das aber schon anders aussehen.

Änderungen von Regulierungen

Banken haben gegenüber den Tech-Playern einen Wettbewerbsnachteil: Sie sind strikter reguliert und daher weniger agil. Legrand fordert daher, entweder die Tech-Firmen schärfer zu regulieren, oder bestimmte Aktivitäten der Banken weniger stark zu regulieren. „Die Frage des fairen Wettbewerbs muss angegangen werden“, sagt er. „Wenn eine Tech-Firma ein Payments-Business in der Mobilitätsbranche startet, gibt es keine Regulierung. Wenn wir als Bank das machen, müssen wir alle Bankvorschriften erfüllen.“

Als Beispiel für die ungleichen Regeln nennt Legrand die britische Smartphone-App Yolt, die ING gekauft hat. „Das ist eine Geld-Management-Plattform, die kein Finanzprodukt verkauft, aber trotzdem wie eine Bank reguliert wird, weil wir dahinter stehen“, sagt er. Wenn solche Fintechs nicht wie Banken behandelt würden, würde das Innovationen fördern.

Er plädiert dafür, einzelne Aktivitäten und Risiken zu regulieren, statt die ganze Branche über den gleichen Kamm zu scheren. „Wenn wir morgen beginnen würden, Schuhe zu verkaufen, würde es keinen Sinn machen, darauf alle Bankvorschriften anzuwenden“, sagt er. „Umgekehrt sollten Nicht-Banken, die Bankdienstleistungen anbieten, auch die Bankregeln erfüllen.“