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"Ich selbst kann den Mist nicht mehr hören"

Nach dem blamablen Fehlstart bei der Weltmeisterschaft in Katar steht die deutsche Nationalmannschaft mit dem Rücken zur Wand.

Um noch eine Chance aufs Weiterkommen zu haben, braucht das Team von Bundestrainer Hansi Flick eine deutliche Leistungssteigerung - und das schon am Sonntag im Duell mit Spanien. (WM 2022: Deutschland - Spanien, Sonntag ab 20 Uhr im LIVETICKER)

Bevor es so weit ist, hat Markus Babbel, Europameister von 1996, im SPORT1-Interview über die schweren Fehler des DFB-Teams gesprochen, wer die Hauptschuld trägt - und warum er glaubt, dass sich FIFA-Boss Gianni Infantino nach der Pleite kaputtgelacht hat.

SPORT1: Herr Babbel, was haben Sie gedacht, als Japan das Tor zum 2:1 erzielte?

Markus Babbel: Wenn du das Gegentor in der Kreisliga A bekommst, dann schimpfst du genauso über deine Abwehrspieler. Das ist unfassbar, dass auf diesem Niveau ein so leichter Fehler passiert. Aber es ist passiert und leider bitterböse bestraft worden.

Babbel: DFB-Unsicherheit „sehr überraschend“

SPORT1: Was lief insgesamt schief im Spiel der deutschen Mannschaft?

Babbel: Die totale Überzeugung hat gefehlt. Es ist plötzlich ein Widerstand aufgekommen. Die Japaner waren in den ersten 60 Minuten extrem schwach. Ich war überrascht, dass es nur 1:0 steht. Auch da hat die Überzeugung der deutschen Mannschaft in meinen Augen gefehlt. Es waren Torchancen da, man hatte drei große Möglichkeiten. Da zähle ich nicht mal den Elfmeter dazu, die Chance war eigentlich dahin. Da hatten sie Glück, dass der gegnerische Torwart den Fehler macht. Insgesamt war die Dominanz da und es ist auch nicht einfach, Räume zu erspielen, wenn zehn Mann 20 Meter vor dem Tor stehen.

Aber gerade was die Körpergröße betrifft, hätte ich vor allem bei Standardsituationen noch die eine oder andere große Torchance erwartet. Das war eben nicht der Fall. Sie müssen das 2:0 machen, das haben die Deutschen nicht geschafft. Es ist ein wenig unerklärlich, dass sie dann so die Flatter bekommen und ohne Überzeugung versucht haben, das zu Ende zu spielen. Das sind alles hochkarätige Profis, die haben alle Qualität. Fast jeder, der dabei ist, spielt in einer Topmannschaft oder Topliga. Es war ja nicht mal ein brutales Pressing der Japaner, sie sind einfach aktiver geworden. Dass das die deutsche Mannschaft so aus der Bahn wirft und man keine Lösungen hat, war doch sehr überraschend.

SPORT1: Machen Sie auch Bundestrainer Hansi Flick einen Vorwurf? (Analyse: So wurde Hansi Flick ausgecoacht)

Babbel: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Der Kritik muss sich Flick stellen, und das macht er auch. Man kann darüber diskutieren, ob es sinnvoll war, Müller und Gündogan, die bis dahin das Spiel kontrolliert hatten, rauszunehmen. Natürlich gibt es für alles eine Erklärung. Müller war sechs Wochen ohne Spiel. Dass du den nicht am Anfang verheizen willst, ist klar. Aber ob du beide gleichzeitig auswechseln musst, ist eine berechtigte Frage.

Genauso kann man fragen, warum Goretzka nicht von Anfang an gespielt hat. Er hätte die benötigte Torgefahr mitgebracht. Auch einen Süle auf rechts zu stellen, der dort bis dahin in der Nationalmannschaft noch nicht gespielt hat - das sind alles Fragen, die man sich bei einer Niederlage gefallen lassen muss. (Kommentar: Das ist auch Flicks Niederlage)

SPORT1: Nach dem Spiel gab es innerhalb der Mannschaft gegenseitige Vorwürfe. Ist das ein Tabu oder hilfreich in dem Moment? (Bericht: Zerfleischen sich die DFB-Stars jetzt?)

Babbel: Ich komme aus einer anderen Generation. Bei uns war das normal. Auf der einen Seite verlangen wir nach Spielern, die sagen, was sie denken. Aber wenn sie das tun, kriegen sie einen auf den Deckel. Dann heißt es, das sei nicht angebracht. Ich fand das nicht dramatisch, was gesagt wurde, das war eine wertfreie Analyse. Ich habe nicht das Gefühl, dass da jetzt ein Spieler intern beleidigt wird. Es war eine klare Einschätzung der Gefühle auf dem Platz. Ich freue mich, wenn ich solche Aussagen höre, damit kann man auch was anfangen. (NEWS: Alles Wichtige zur WM)

Babbel: „Das nächste Desaster“?

SPORT1: Was muss bei der deutschen Mannschaft vor dem Spiel gegen Spanien am Sonntag passieren?

Babbel: Die Mannschaft steht jetzt unter einem extremen Druck, weil am Sonntag alles vorbei sein kann. Sie müssen die Zuversicht wiedergewinnen. Es wird natürlich ein anderes Spiel. Die Spanier wollen Fußball spielen und haben den Drang, nach vorne zu spielen in ihrer DNA. Gleichzeitig wollen sie auch schön spielen. Klar ist: Die deutsche Mannschaft muss wieder besser verteidigen. Das zieht sich in den letzten Jahren wie ein roter Faden bei allen großen Turnieren durch. Sie sind nicht mehr bereit, mit allem, was sie haben, das Tor zu verteidigen. Da kann man nicht nur die permanente Schuld bei den Innenverteidigern suchen, da ist die ganze Mannschaft gefragt.

Sie haben ein Hauptaugenmerk auf die Offensive und Torchancen gelegt, was sehr gut ist. Aber man hat das Gefühl, dass sie die Abwehrbasics völlig über Bord geworfen haben. Wenn ich mir das zweite Tor von Japan anschaue, reden wir von Kreisliga A oder B. Das darf einem Profi nicht passieren, bei einem ruhenden Ball ohne Gegendruck auf Abseits zu spielen. Das ist grob fahrlässig. Eigentlich lernen das die Spieler in der C-Jugend, dass ein Gegenspieler rausgedrängt werden muss und man ihn nicht in die Mitte lässt. Und wenn einer in die Schnittstelle zieht, muss der Verteidiger von seinem Mann weg und mitgehen. Der nächste muss auffüllen. Das sind ganz banale Sachen, die nicht schwer sind. Wir sprechen hier nicht von einer hochkomplexen Sache, die Zeit braucht. Wenn sie das gegen Spanien nicht hinkriegen, dann erleben wir das nächste Desaster.

SPORT1: Wie würden Sie gegen Spanien aufstellen?

Babbel: Ich würde Süle definitiv nicht auf rechts stellen. Seine Qualitäten sind in der Mitte. Für mich war es auch eine große Überraschung, mit Schlotterbeck anzufangen. Ich will nicht auf dem Jungen herumhacken, er hat großes Potenzial. Aber die Zeit seit seinem Wechsel zu Borussia Dortmund ist sehr mit Höhen und Tiefen verbunden. Er hat zu wenig Konstanz in seinen Leistungen, das hat sich gestern widergespiegelt. Aber ich mache die Niederlage nicht nur an ihm fest. Das fängt vorne an und geht über das Mittelfeld. Die Gefahren müssen erkannt werden und die banalen Dinge in der Defensive besser gemacht werden. (Einzelkritik zu Deutschland - Japan)

Mit Rüdiger und Süle hat Deutschland zwei gestandene Innenverteidiger. Rechts muss man überlegen. Wenn man Dani Olmo gegen Costa Rica gesehen hat, ergibt es vielleicht Sinn, einen Thilo Kehrer dort aufzustellen. Er hat weniger die Qualität für permanente Flankenläufe, dafür liegen seine Stärke in der Verteidigung. Wir müssen es schaffen, die Flügel zuzubekommen. Flick sieht die Spieler tagtäglich im Training und wird die richtige Entscheidung treffen. Ich würde auch nicht zu viel verändern. (DATEN: Gruppen und Tabellen der WM)

Babbel: „Hoffe auf das Wunder“

SPORT1: Schafft die deutsche Mannschaft ein Erfolgserlebnis gegen Spanien?

Babbel: Ich weiß nicht, wie mental stabil sie sind. Die Entwicklung, die in Russland angefangen hat und sich über die Europameisterschaft bis jetzt hinzieht, sorgt natürlich für Bedenken und Zweifel. Immer wenn es darauf ankam, hat es die deutsche Mannschaft nicht geschafft, ihre beste Leitung abzurufen. Die braucht sie aber am Sonntag. Sonst haben sie gegen spielstarke Spanier keine Chance. Die treten nämlich mit Überzeugung auf. Auch wenn Costa Rica wirklich schlecht war, hat Spanien von Anfang an das Spiel komplett gemacht und diktiert.

Die Deutschen werden dagegenhalten müssen. Sie müssen Widerstand zeigen und auch leidensfähig sein. Trotzdem dürfen sie nicht einknicken. Diese Punkte habe ich in den vergangenen Jahren aber nicht gesehen. Mein Optimismus ist deshalb nicht bei hundert Prozent. Nichtsdestotrotz erkenne ich auch deutsche Qualitäten. Wenn sie es schaffen, geschlossen als Mannschaft an die Leistungsgrenze zu gehen, dann hoffe ich auf das Wunder.

SPORT1: Hat die Binden-Diskussion die sportliche Leistung der deutschen Mannschaft beeinflusst?

Babbel: Das wird den einen oder anderen Spieler belastet haben. Das geht tierisch auf den Keks. Ich selbst kann den Mist nicht mehr hören. Die Spieler sind da, um Fußball zu spielen und unser Land zu vertreten. Wenn jemand der Meinung ist, dass er sich mit den Werten in Katar schwertut, muss er zu Hause bleiben. Dieses permanente Gerede stört die Spieler. Auch wenn sie sich vor dem Spiel noch Gedanken machen müssen, was sie machen, weil die Binde verboten wurde. Nicht falsch verstehen: Das ist alles löblich, ich bin total dafür. Nur es geht den Spielern auf den Keks. Man hatte das Gefühl, das reine Spiel wurde zur Nebensache. Es ging eigentlich nur noch darum, was man für ein Zeichen setzt.

Da hätte der DFB sagen müssen, dass man die Binde trotz der FIFA-Drohung anzieht, und wenn es Sanktionen gibt, wäre man heimgeflogen. Das wäre für mich ein Statement gewesen. Aber so lenkt es nur ab. Da sind die Spieler nicht bei hundert Prozent. Wenn dann bei mehreren Spielern ein paar Prozente fehlen, reicht das, um das Spiel zu verlieren. Das Allerschlimmste an dieser Geschichte: Infantino wird nach der deutschen Niederlage nach Hause gegangen sein und wie ein Baby geschlafen haben. Wenn die deutsche Mannschaft so eine Aktion macht, darf sie nicht verlieren. Infantino wird sich schön kaputtgelacht haben. Das tut mir am meisten weh. (DATEN: WM-Spielplan 2022)