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Industriekonzern Wilo will weltweit 80 Kohlekraftwerke einsparen

Knitterscheidt, Kevin
·Lesedauer: 7 Min.

Für den Dortmunder Pumpenhersteller Wilo ist Klimaschutz keine Bedrohung, sondern ein Geschäftsmodell – dank einer ausgefeilten Unternehmensstrategie.

Oliver Hermes ist ein geschäftstüchtiger Mann: Wenn der Manager über den Klimawandel nachdenkt, dann schaut er lieber auf die Chancen als auf die Herausforderungen. Denn der 50-Jährige ist Vorstandsvorsitzender beim Dortmunder Pumpenhersteller Wilo – und führt damit ein Unternehmen, dessen Produkte maßgeblich dabei helfen können, klimaschädliche CO2-Emissionen zu vermeiden.

„Realistische Schätzungen gehen davon aus, dass Pumpen etwa zehn Prozent des elektrischen globalen Stromverbrauchs ausmachen“, erklärt der Manager im Gespräch mit dem Handelsblatt. Die meisten davon seien Jahrzehnte alt.

„Werden die alle ausgetauscht, können wir dabei helfen, jährlich rund 240 Terawattstunden Strom einzusparen“, so der Vorstandschef. „Die Welt muss bis 2050 insgesamt 4000 Kohlekraftwerke einsparen. 80 davon können wir durch die Einsparpotenziale dank unserer Hocheffizienzpumpen liefern.“

Als Vorstandschef von Wilo muss Hermes es wissen. Denn das Dortmunder Familienunternehmen ist seit knapp 150 Jahren im Geschäft und produziert Pumpen für Heizungsanlagen, Chemiefabriken, Kühl- oder Wassersysteme. 2019 schrieb der Konzern so einen Betriebsgewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von gut 180 Millionen Euro, bei einem Umsatz von knapp 1,5 Milliarden Euro.

Dass Wilo damit das zehnte Rekordjahr in Folge zu vermelden hatte, ist auch Hermes‘ Verdienst, der dem Vorstand seit 2006 angehört und dem Gremium seit 2010 vorsitzt. Dabei sind dem studierten Wirtschaftswissenschaftler nicht nur Finanzkennzahlen, sondern auch Nachhaltigkeitsziele wichtig. Viele davon hat das Unternehmen fest in die Strategie integriert.

Für sein Engagement ist der Pumpenhersteller zuletzt ausgezeichnet worden: Im Dezember gewann er den Deutschen Nachhaltigkeitspreis (DNP) in der Kategorie „Klima“. Vergeben wird der Preis von der gleichnamigen Stiftung unter anderem in Kooperation mit der Bundesregierung, kommunalen Spitzenverbänden, Wirtschaftsverbänden, Nichtregierungsorganisationen und Forschungsinstituten.

Zur Verleihung sagte DNP-Initiator Stefan Schulze-Hausmann: „Während sich in den letzten Jahren die globalen Herausforderungen wie Klimawandel und Artensterben verschärft haben, sind gleichzeitig die Kompetenzen der nachhaltigen Wirtschaft gewachsen.“ Die Jury wähle dabei solche Unternehmen aus, die diese Kompetenzen mutig und wirksam einsetzen und so die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit beschleunigen.

Vom Megatrend zur Kennzahl

„Wir schauen sehr genau darauf, wie wir uns bei wichtigen Megatrends positionieren“, erklärt Hermes die Ausrichtung von Wilo. Damit gemeint sind große gesellschaftliche Umbrüche, die viele Jahrzehnte andauern und zu grundlegenden Veränderungen führen.

Sechs davon hat Wilo dabei für das eigene Geschäft als besonders relevant auserkoren: Globalisierung, Urbanisierung, Wassermangel, Energieknappheit, Klimawandel und die digitale Transformation.

Auf dieser Basis hat Wilo eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt und für jedes einzelne Handlungsfeld feste Kennzahlen festgelegt, an denen sich der Erfolg messen lässt. So will der Konzern bis 2025 etwa 100 Millionen Menschen einen besseren Zugang zu sauberem Trinkwasser verschaffen oder den eigenen Verbrauch von Rohstoffen um 250 Tonnen reduzieren.

Damit diese Ziele messbar werden, hat der Konzernchef sie mit betriebswirtschaftlichen Zahlen hinterlegt. So soll etwa der Absatz intelligenter Wassersysteme jährlich um 35 Prozent steigen, um das Trinkwasser-Ziel zu erreichen.

Den Versuch, Nachhaltigkeitsziele mit Absatzzielen zu verknüpfen, sieht der Klimaexperte und Vizepräsident des Wuppertal-Instituts für Energie, Umwelt und Klima, Manfred Fischedick, dabei als „ein zweischneidiges Schwert“. Grundsätzlich sei es natürlich sehr zu begrüßen, wenn die Produkte eines Unternehmens einen Nachhaltigkeitsbeitrag leisten. Allerdings sage das nichts darüber aus, wie gut oder schlecht die eigene Produktion selbst ist.

Doch auch hier hat sich Wilo selbst genaue Kennzahlen verordnet – und will die Zahl wiederverwendeter Bauteile um jährlich 30.000 Artikel erhöhen, die der Konzern von seinen Kunden zurücknimmt. Dabei plant Vorstandschef Hermes eher konservativ.

Bereits 2019 wurde die Zielsetzung für die recycelten Produkte um 50 Prozent übererfüllt. Seit fünf Jahren werde das Prinzip auch für alle Neuentwicklungen umgesetzt, wirbt der Chef. „Jede relevante Produktneuentwicklung ist darauf ausgelegt, vollständig recyclebar zu sein“, so Hermes. Im Unternehmen selbst soll die Recycling-Quote bis 2025 auf 90 Prozent steigen.

Um die Mitarbeiter zu motivieren, ist Vergütung für die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele bei Wilo bislang in einzelnen individuellen Vereinbarungen geregelt. Hermes will das System ausweiten – und die Erreichung künftig auch in die Management-Ziele für Führungskräfte integrieren, die ins Vergütungssystem einfließen.

Denn die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele versteht der Manager als Chefsache. Auch, weil das Thema immer mehr Relevanz fürs Geschäft bekomme: „Ich glaube, dass es in der Zukunft nicht möglich sein wird, große Kunden zu gewinnen, wenn man keine nachhaltige Wertschöpfungskette bedienen kann.“ Auch Wilo werde von seinen Lieferanten verlangen, dass sie zum Klimaschutz beitragen. „Ähnlich wird das auch bei vielen unserer Kunden und Finanzpartner gesehen.“

Für Klimaforscher Fischedick ist die Integration von Nachhaltigkeitszielen in Vergütungssysteme eine „Maßnahme mit hohem Symbolwert“, weil es die Relevanz des Themas deutlich unterstreiche und zudem sicherstelle, dass beim Management hohe Anreize hinsichtlich der Zielerreichung intrinsisch verankert werden. „Selbstverständlich hängt die Anreizwirkung davon ab, an welchen relativen Vergütungsanteil die Zielerreichung gebunden ist.“

Dabei gibt es auch für den Klimaschutz bei Wilo eine klare Kennzahl: Bis spätestens 2025 will das Unternehmen in seinen eigenen Fabriken klimaneutral produzieren. Am neuen Standort in Dortmund ist das Ziel bereits seit Anfang des neuen Jahres erfüllt. Aus seiner Erfahrung berichtet Hermes: „Die deutsche Industrie muss sich darauf einstellen, dass es entlang der gesamten Wertschöpfungskette etwas zu tun gibt.“

Nachhaltiger durch Industrie 4.0

Als Beispiel dafür kann die erst im Frühjahr bezogene neue Zentrale in Dortmund gelten: Auf mehr als 44.000 Quadratmeter Nutzfläche hat Wilo mehrere Werkshallen und ein Verwaltungsgebäude nach höchsten energetischen Standards bauen lassen, inklusive eigenen Blockheizkraftwerks, Photovoltaik- und Abwärmenutzung.

Gleichzeitig ist das Werk voll digitalisiert – und arbeitet durch den hohen Grad an Automatisierung und Daten-Monitoring besonders effizient. „Das hat uns dabei geholfen, wieder mehr Wertschöpfung nach Deutschland zu holen“, so Hermes. Die Produktvielfalt soll um 20 Prozent wachsen, auch die Auslastung stark steigen. So hilft Industrie 4.0 am Ende auch der Nachhaltigkeit: Denn je flexibler ein Fertigungsnetzwerk arbeiten kann, desto weniger wird transportiert.

Auch diesen Aspekt hat Wilo in seine Strategie aufgenommen. Schon seit Jahren verfolgt der Konzern eine „Local for local“-Strategie, bei der möglichst nah an den jeweiligen Kundenmärkten produziert wird. Mit Produktionsstandorten in zehn Ländern, darunter in Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Korea, ist Wilo auf allen Kontinenten präsent. Das habe auch bei den Handelsbeschränkungen geholfen, die die Weltwirtschaft seit einigen Jahren prägen, sagt Hermes.

Dabei gilt das Werk in Dortmund als Vorbild für aktuell neu geplante Werke in China, Indien und den USA. Auch hier profitiert Wilo von einem langfristigen Trend, nämlich der Urbanisierung. Denn in jedem Gebäude werden Pumpen gebraucht. Und die entstehen in den nächsten Jahrzehnten vor allem in Asien, aber auch in Afrika, in sogenannten „Megacitys“ – und zwar in unvorstellbarer Menge.

So rechnet Hermes damit, dass die Zahl der Städte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern bis 2030 von derzeit 33 auf 40 anwächst. Gleichzeitig soll die Zahl der Städte mit mehr als fünf Millionen Einwohnern um 30 ansteigen. „Diese Regionen sollten möglichst intelligent als Smart Urban Areas entwickelt werden. Sonst gibt es Chaos“, warnt der Manager – freilich nicht ganz uneigennützig.

Das nächste große Ding

Große Chancen wittert Hermes auch beim Thema Wasserstoff. Denn Wilos Pumpen könnten auch bei der Nutzung von erneuerbaren Energiequellen zur Produktion von grünem Wasserstoff, in vor- und nachgelagerten Elektrolyseprozessen sowie bei der Verteilung über Wasserstoff-Terminals und dem Einsatz von grünem und blauem Wasserstoff einen essenziellen Beitrag zum Aufbau einer gesamten Wertschöpfungskette leisten.

„Zahlreiche Staaten haben in den vergangenen Monaten Wasserstoff-Strategien ausgearbeitet und vorgestellt. Die deutschen Unternehmen müssen sich mit diesem Thema beschäftigen. Nicht aus Altruismus – da ist Geschäft zu machen.“

Serie – Klimapioniere der Wirtschaft: Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht ein neues Unternehmen auf der Welt seine frisch gesetzten Klimaziele und Ambitionen für die Energiewende erklärt. Dabei gibt es einige, die dem Trend der „Green Economy“ schon lange vorausgehen und seit vielen Jahren beweisen, dass Ökologie und Ökonomie kein Widerspruch sein müssen. In unserer Serie stellen wir ein paar dieser „Klimapioniere“ vor.