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Impfung für unter 60-Jährige: Wer will, hat jetzt die Chance, sich beim Hausarzt mit AstraZeneca impfen zu lassen

Ulrike Bartholomäus
·Lesedauer: 5 Min.

Plötzlich geht es doch ganz schnell. Patienten unter 60 Jahren, die in der Regel noch Wochen auf ihren begehrten Impftermin mit Biontech, Moderna oder (voraussichtlich Anfang Juni) mit Curevac warten müssten, können innerhalb von 24 Stunden mit AstraZeneca geimpft werden.

Verantwortlich dafür ist die Tatsache, dass tausende AstraZenca-Dosen in Hausarztpraxen und in den Lagern der Bundesregierung übrig sind. Hat eine Hausarztpraxis also den Kühlschrank voll mit AstraZeneca, aber zu wenig Menschen aus den aktuellen Priorisierungs-Gruppen, bieten Ärzte auch Patienten unter 60 Jahren den Impfstoff an. In der Regel müssen diese danach fragen. Aktiv gehen die Praxen wohl nicht auf die Patienten zu, da das Serum laut Stiko nur an über 60-Jährige gegeben werden darf. "Der Impfstoff von AstraZeneca ist hochwirksam und schützt sowohl or einem scheren Verlauf als auch vor dem Tod," sagt die Medizinerin Sabine Bartholomäus, die in den Berliner Impfzentren tätig ist.

Es gibt jedoch eine wichtige Ausnahme, und die kann für viele U-60-Jährige sehr vorteilhaft sein. Übernimmt jemand die Haftung für die Impfung und unterschreibt einen entsprechenden Aufklärungsbogen, kann der Arzt oder die Ärztin jemanden sofort impfen. In vielen Arztkühlschränken lagert AstraZeneca, da Patienten vorschnell und in Panik ihre Impftermine abgesagt haben.

AstraZeneca: Risiko für Nebenwirkungen bei Männern gering

Die schwerwiegenden, äußert seltenen Nebenwirkungen traten vor allem bei jüngeren Frauen auf. Bei Männern ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering. Deswegen gehören etwa Männer zwischen 40 und 60 in die Gruppe derjenigen, für die diese Möglichkeit äußerst attraktiv ist. Sie sind einerseits schon in dem Alter, in dem ihr Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 erheblich größer ist als bei jüngeren Männern. Mit jedem Lebensjahr und jeder weiteren Erkrankung steigt ihr Gesamtrisiko.

Voraussetzung ist unter anderem, dass diese Männer nicht zu Thrombosen neigen und nicht rauchen. Diese Kriterien gelten unter Medizinern als aktuelle Basis für ihre Beratungen. Für Männer spielt nicht nur das Alter eine Rolle, sondern auch andere Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck, Stoffwechselerkrankungen oder eine bestehende Herzerkrankung. In den Intensivstationen liegen unter anderem viele mittelalte und jüngere Patienten, die an Fettleibigkeit leiden.

Einige in dieser Zielgruppe, etwa ein 1965 geborener Mann, der an einer schweren genetischen Fettstoffwechsel-Erkrankung leidet, werden gerade schon von der Kassenärztlichen Vereinigung zu einer Impfung eingeladen. Sie sind dann durch ihre Diagnose als besonders gefährdet eingestuft worden und erhalten derzeit einen Impfcode. Auf den Termin im Impfzentrum mit Biontech müssen sie dann je nach Bundesland ein paar Wochen warten.

Wer wie lange warten muss

Aber nicht alle werden derzeit angeschrieben. Ein gleichaltriger, 55-jähriger Mann, der lediglich an Bluthochdruck leidet, müsste noch Wochen oder monatelang auf einen Termin warten — je nachdem, wie viel Impfstoff gerade vorhanden ist. Und dieser Stand ändert sich gerade fast jeden Tag. Noch länger wartet ein kerngesunder, durchtrainierter 50-jähriger Mann ohne bekannte Leiden. Wann er einen Termin bekommt, ist noch nicht abzuschätzen. Sollte er also vorhaben, beruflich oder privat zu verreisen und sich in Menschenmengen zu bewegen, kann für ihn ein sofortiger Piks mit AstraZeneca ein Segen sein.

Bei Frauen ist es komplizierter. Denn in der Gruppe der jüngeren Frauen (unter 50 Jahren) kam es zu den schweren Nebenwirkungen, die in Einzelfällen zum Tod führten. Wie sollen sie sich nun im Einzelfall entscheiden? Eine 58-jährige Frau ohne Vorerkrankungen, Nichtraucherin, ohne Neigung zu Thrombosen, könnte sich mit einem geringen Risiko schon jetzt impfen lassen. Ein Gespräch mit dem Hausarzt zur Abwägung der Frage, ob sie sich jetzt sofort mit AstraZeneca impfen lassen soll oder in ein paar Monaten mit einem mRNA-Impfstoff, ist unbedingt anzuraten. Derzeit beraten einige Ärzte ihre Patienten bereits telefonisch, um ihnen bei der Fragestellung zu helfen. In Frankreich ist der Impfstoff für sowohl alle Männer als auch Frauen über 55 Jahren zum Beispiel zugelassen.

Bei der Entscheidungsfindung spielt eine Rolle, wie die Frau lebt und arbeitet. Ob allein im Home Office (geringe Kontakte, geringes Risiko) oder in einem Supermarkt oder einer Schule, wo sie täglich hunderte Kontakte pro Tag hat. Tausende Lehrerinnen, die derzeit noch unterrichten, könnten sich nun beraten lassen. Bei der Risikoabwägung spielt nicht nur ihr Alter eine Rolle, sondern ihr Gesundheitszustand und ihre Exposition mit zum Teil 800 Kindern am Tag.

Rauchern wird von einer Impfung mit AstraZeneca abgeraten

Auch Friseurinnen, die über einen langen Zeitraum engen Kontakt zu ihren Kundinnen pflegen, sind einem höheren Risiko ausgesetzt. Ein weiterer Punkt ist, ob eine Frau Kinder hat, die noch zu Hause wohnen und die zum Teil zur Schule gehen und Corona übertragen könnten. Mit jedem Kind und den Kontakten der Kinder multiplizieren sich die Übertragungsmöglichkeiten.

Raucht eine Frau, wird der Arzt von einer Impfung mit AstraZeneca wohl abraten, denn das Thromboserisiko von Rauchern übertrifft das geringe Impfrisiko. Ebenfalls Frauen, die die Pille nehmen, haben aufgrund der Hormongaben bereits ein leicht erhöhtes Thromboserisiko. Sie sollten auf einen späteren Termin mit einem der mRNA Impfstoffe warten.

Das Risiko der Impfung mit einem Vakzin von Johnson & Johnson, welche zurzeit zwar in Europa zugelassen, aber noch nicht ausgeliefert worden ist, dürfte ebenfalls noch ungeklärt sein. Auch dieser ist wie AstraZeneca (und im übrigen auch Sputnik V) ein Vektorimpfstoff, der zu Thrombosen geführt hat.

Umgang mit AstraZeneca in Europa unterschiedlich

Europa folgt in puncto AstraZeneca nicht mehr der Linie der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA). Sie hat massiv an Autorität verloren. Die EMA hat die Verwendung von AstraZeneca nach einer Beratung bislang nicht eingeschränkt, da der Nutzen das Risiko überwiege. In Deutschland werden auf Anraten der Behörden allerdings abweichend von der EMA nur über 60-Jährige geimpft, in Frankreich alle über 55-Jährige, Dänemark hat den Impfstoff gestoppt, Großbritannien impft alle Personen über 30 Jahren. Von dort wurden keine großen Zahlen an Thrombosen gemeldet, aber da das Vereinigte Königreich aus der EU ausgetreten ist, muss das Land seine Nebenwirkungen auch nicht mehr an die EMA melden.

Schon die unterschiedlichen Einschätzungen der Behörden zeigen, wie schwierig die Abwägung ist. Das liegt aber auch daran, dass das Alter allein eben nicht das Risiko beschreibt. AstraZeneca ist ein Impfstoff, der in die Hände von Hausärzten gehört, die ihre Patienten kennen, deren Erkrankungen, Lebenssituation und Ängste. Wer deprimiert ist und zur Panik neigt, kann durch eine Impfung entlastet werden und mit einer guten Aufklärung beruhigt werden.