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Impfstoff-Klau: Wenn Staaten und Kriminelle um das Vakzin ringen

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Der Run auf den begehrten Corona-Impfstoff hat begonnen. Hacker attackieren im Auftrag von Staaten Hersteller und Institutionen. Und das organisierte Verbrechen ist ebenfalls auf der Jagd nach dem wertvollen Stoff.

Polizeiorganisationen warnen eindringlich vor einer Verbrechenswelle rund um die Coronapandemie. Nachdem mit dem gemeinsamen Produkt von Biontech und Pfizer erstmals auch ein Impfstoff in der EU zugelassen wurde, rechnen Experten mit Kriminalität rund um die wertvollen Dosen. „Der Impfstoff ist das flüssige Gold 2021“, sagte Interpol-Chef Jürgen Stock der WirtschaftsWoche. „Er ist das Wertvollste, was im kommenden Jahr zu verteilen ist.“

Grob lassen sich die Akteure mit den dunklen Absichten in zwei Gruppen einteilen. Zum einen attackieren Hacker – im Auftrag von Staaten – Hersteller und Institutionen, um an das Geheimnis der westlichen Impfstoffe zu kommen. Zum anderen steigt die organisierte Kriminalität in den Handel mit gefälschten Impfstoffen ein. Es ist ein Milliardengeschäft.

Noch vor dem offiziellen Impfbeginn in Europa sind im Darknet zahlreiche Angebote für Impfstoffe zu finden. Das israelisch-amerikanische IT-Sicherheitsunternehmen Checkpoint entdeckte in den geheimen Ecken des Internets Angebote ab 250 Dollar – zu zahlen in Bitcoin. Durch die Zahlung via Kryptowährung sorgen Gauner dafür, dass sie keine Spur hinterlassen. Checkpoint stellte auch fest, dass im Netz immer mehr neue Webseiten registriert werden, auf denen die Worte „Impfstoff“ in Verbindung mit „Corona“ oder „Covid“ auftauchen. Allein im November identifizierten die Checkpoint-Analysten sechs solcher Webseiten, die verdächtig wirkten.

Die Cyberattacke auf die europäische Arzneimittelbehörde EMA Anfang des Monats dürfte ebenfalls einen kriminellen Hintergrund haben. Interpol ermittelt – was gegen einen staatlichen Angriff spricht, denn die Organisation ist für kriminelle Delikte zuständig. Bei staatlichen Attacken werden die Geheimdienste aktiv. Den Tätern gelang es bei der EMA in Amsterdam, Daten von der Zulassung des Biontech/Pfizer-Impfstoffs abzugreifen. Experten halten es für keinen Zufall, dass die Täter sich die europäische Behörde als Ziel aussuchten. „Dort liegen mehr Daten vor als bei nationalen Zulassungsbehörden in Großbritannien oder den USA“, sagte Vincenzo Salvatore, Anwalt bei BonelliErede in Mailand und früher Leiter der EMA-Rechtsabteilung.

Sicherheitsbehörden haben aber in diesem Jahr auch reichlich Cyberangriffe registriert, die von bestimmten Staaten ausgehen. Westliche Behörden nennen auch den Iran und Nordkorea als Ausgangspunkt von Cyberattacken – besonders häufig aber werden zwei andere Nationen genannt: Adam Meyers, Senior Vice President des IT-Sicherheitsunternehmens Crowdstrike, erklärte gegenüber der britischen Tageszeitung „Guardian“ Russland und China hätten Unternehmen im Westen seit 20 Jahren attackiert. Aber seit März „haben sie sich auf ein einziges Thema fokussiert“. Er spielt damit auf Covid-19 an.

Im Juli schlug in Großbritannien das National Cyber Security Centre Alarm, weil ein Forschungslabor von der Hackergruppe Cozy Bear Russian angegriffen wurde, die in Verbindung mit dem russischen Geheimdienst steht. Im Sommer hatte in den USA der stellvertretende Generalstaatsanwalt für Nationale Sicherheit John C. Demers öffentlich gesagt, dass er erstaunt wäre, wenn China nicht versuchen würde, Geheimnisse des Impfstoffs zu stehlen. Im September wiederum haben spanische Sicherheitsbehörden China beschuldigt, Labore, die an Corona-Impfstoffen arbeiteten, angegriffen zu haben. China hat das freilich dementiert.

Und dann ist da noch ein Zwischenfall, den IBM Anfang des Monats meldete: Er geht wohl auch auf einen Staat zurück. Hacker hatten sich als Lieferanten von Kühlschränken ausgegeben, in denen der Impfstoff bei minus 70 Grad gelagert werden könnte. Dabei hatten sie versucht, Passwörter zu stehlen, um in die Lieferkette eindringen zu können. Das Unternehmen, für das die Hacker vorgaben zu arbeiten, kam aus China.

Mehr zum Thema: Interpol beobachtet im Windschatten von Corona eine Parallel-Pandemie des Verbrechens. Generalsekretär Jürgen Stock erwartet mit dem Start der Impfkampagne einen dramatischen Anstieg von Straftaten.