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Impfkampagne und Hilfspaket verhelfen den USA zum Wirtschaftsboom

Ein Vakzin als Konjunkturspritze: Nach dem Corona-Desaster laufen die Impfungen in den USA erstaunlich gut. Bereits im Sommer rechnen Ökonomen mit einer boomenden Wirtschaft.

Die Nationalgarde organisiert im Messezentrum die Impfungen. Foto: dpa
Die Nationalgarde organisiert im Messezentrum die Impfungen. Foto: dpa

Während draußen der Schnee fällt, bietet sich im gläsernen Javits Messezentrum im Westen Manhattans ein ungewöhnliches Bild. Wo sonst Bootshersteller ihre Jachten oder Sicherheitsexperten ihre Alarmanlagen zeigen, gibt es heute nur zwei Produkte im Angebot: links Moderna, rechts Pfizer.

Statt Messestände stehen hier Hunderte Tische in Sechsergruppen mit zwei Meter Abstand. Im Viertelstundentakt wechseln die Patienten. In Schutzkleidung vermummte Menschen bringen sechs abgefüllte Spritzen. Sechsmal wird gepiekst. Und schon ist die nächste Runde dran.

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Das Javits Center ist bisher das größte von mehr als 100 Impfzentren in New York. Demnächst soll auch das Barclays Center – der Sitz des NBA-Basketballteams Brooklyn Nets – zum Impfzentrum umgewandelt werden. Nach dem Desaster beim Corona-Management – eine halbe Million Amerikaner ist an Covid-19 gestorben – läuft die Impfkampagne in den USA überraschend erfolgreich. 13 Prozent der Amerikaner sind bereits geimpft.

Das hat auch wirtschaftliche Folgen: Dank der Kombination aus schnellem Impfen und weit verbreiteten Antikörpern werden die USA schneller als viele europäische Länder aus der Rezession kommen. Ökonomen erwarten bereits zum Sommer einen wahren Boom. Morgan Stanley rechnet mit knapp sechs Prozent Wachstum in diesem Jahr, JP Morgan mit 6,5 Prozent und Goldman Sachs sogar mit 6,8 Prozent.

Schon im Sommer nähern sich die USA der Herdenimmunität und können daher die Corona-Maßnahmen schneller lockern. Zudem wird das bis zu zwei Billionen schwere Konjunkturpaket, über das der US-Senat in der ersten Märzhälfte abstimmen will, die Wirtschaft zusätzlich anheizen.

Goldman Sachs schätzt, dass die US-Haushalte zudem derzeit über zusätzliche 2,4 Billionen Dollar verfügen, die sie wegen der Pandemie-Einschränkungen nicht ausgegeben haben. Das ist mehr als das gesamte Konjunkturpaket. „Ob Haushalte von diesen aufgesparten Geldern einen moderaten oder den Großteil ausgeben, wenn die Wirtschaft wieder völlig öffnet, wird den Unterschied machen zwischen einer gesunden Erholung oder einem Überhitzen“, schreiben die Goldman-Analysten.

Erholung oder Überhitzen? Diese Frage stellen sich auch manche Beobachter angesichts des enormen Hilfspakets, das genau dann kommen könnte, wenn sich die Konjunktur bereits von selbst erholt.

Reise-Aktien legen bereits deutlich zu

Schon jetzt mehren sich die Anzeichen, dass es mit der Wirtschaft schon bald wieder bergauf gehen kann. Der Einzelhandel konnte auch dank staatlicher Geldspritzen einen starken Januar verbuchen. Der CEO der Kreuzfahrtgesellschaft Royal Caribbean, Michael Bayley, berichtet von überraschend vielen Buchungen. Die Aktienkurse von Airlines und Buchungsseiten wie Expedia ziehen bereits deutlich an.

Braucht man da noch ein Hilfspaket von knapp zwei Billionen Dollar, oder besteht das Risiko der prozyklischen Übertreibung? Jerome Powell, Chef der US-Notenbank, dämpfte entsprechende Sorgen. Er erwarte „keinen großen oder anhaltenden Preisanstieg“ durch einen Stimulus, sage er vor dem Bankenausschuss des US-Senats. Powell gilt als Unterstützer eines Konjunkturpakets, zugleich warnte er vor verfrühter Euphorie. „Die Entwicklungen deuten auf einen positiven Ausblick in diesem Jahr hin“, sagte Powell, „aber die Arbeit ist noch lange nicht erledigt“, fügte er mit Blick auf den schwachen Arbeitsmarkt hinzu.

Auch Ökonom Michael Hanson von JP Morgan sagte dem Handelsblatt: „Wir rechnen nicht mit einer Überhitzung“. Er weist darauf hin, dass seine Erwartung von 6,5 Prozent Wachstum in diesem Jahr ein Konjunkturpaket von 1,7 Billionen einkalkuliert.

„Das Paket hilft ja vor allem dem Angebot und weniger der Nachfrage: Es hilft vor allem den kleinen Unternehmen zu überleben, bis die Nachfrage wieder anzieht“, erklärt Hanson. Und es helfe Menschen, die ihren Arbeitsplatz in der Pandemie verloren hätten. „Wir haben immer noch zehn Millionen Menschen, die wegen Corona ihren Job verloren haben“, betont er.

Auch 70 Prozent der US-Bürger unterstützen nach Meinungsumfragen das Hilfspaket von US-Präsident Joe Biden – und seine Finanzministerin Janet Yellen sowieso: „Es gibt absolut keinen Grund, warum wir unter einer langen, zähen Erholung leiden sollten“, sagte sie im Sender CNN. Nur mit dem Rettungspaket könnten die USA zur Vollbeschäftigung zurückkehren, so Yellen.

Die Gesetzesvorlage, die aktuell 591 Seiten dick ist, sieht Zuschüsse in Höhe von jeweils 1400 US-Dollar für Einkommen bis 75.000 Dollar vor, höhere Steuergutschriften für Kinder und mehr Arbeitslosenunterstützung. Profitieren sollen auch Schulen, Testzentren, das Gastronomie-Gewerbe oder strauchelnde Fluggesellschaften.

Die Republikaner lehnen die Ausgestaltung der Hilfen ab: zu teuer, zu viel Gießkannenprinzip, lautet die Kritik. Die Demokraten müssen deshalb geschlossen dagegenhalten, vor allem im US-Senat können sie sich keine Abweichler leisten.

Mindestens zwei demokratische Senatoren aus dem moderaten Lager bestehen jedoch schon jetzt auf Änderungen. So fordern Joe Manchin aus West Virginia und Kyrsten Sinema aus Arizona, eine im Paket vorgesehene Verdoppelung des Mindestlohns auf 15 Dollar pro Stunde zu streichen. Abgesehen von der Mindestlohnfrage wird das Rettungspaket im demokratischen Lager aber einheitlich unterstützt.

Impfen im Akkord

Die wichtigste Konjunkturspritze kommt derzeit immer noch von Pfizer/Biontech, Moderna und demnächst vielleicht auch von Johnson & Johnson und Astra-Zeneca: Im Schnitt werden in den USA bereits jetzt 1,7 Millionen Menschen täglich gegen Covid-19 geimpft. Bald sollen es doppelt so viele sein.

Neben der Tatsache, dass rund 13 Prozent der US-Bürger bereits geimpft sind, kommt hinzu, dass rund ein Drittel der Amerikaner mit dem Coronavirus infiziert wurde und daher über Antikörper verfügt. Damit nähern sich die Vereinigten Staaten zum Sommer hin der Herdenimmunität. „Bis Mai kann eine Impfung jedem US-Amerikaner zur Verfügung stehen, der sie will“, sagte der Chef-Gesundheitsberater des Weißen Hauses, Anthony Fauci.

Seit der Zulassung im Dezember wurden mehr als 75 Millionen Dosen von Moderna und Pfizer verteilt, davon wurden 63 Millionen bereits injiziert. Insgesamt, so Biden, stünden bis Sommer 600 Millionen Dosen bereit – theoretisch also genug, um jedem US-Bürger eine Doppeldosis zu verabreichen. Dabei ist die mögliche Zulassung des Vakzins von Johnson & Johnson noch nicht eingerechnet.

Sowohl Neuinfektionen als auch Todesfälle gehen bereits stark zurück. Laut der John-Hopkins-Universität stecken sich täglich knapp 72.000 Menschen mit dem Coronavirus an, Anfang Februar waren es noch doppelt so viele. Die Zahl der Covid-19-Patienten in Kliniken ist mit rund 55.000 auf den niedrigsten Stand seit drei Monaten gesunken.

Die US-Regierung warnt jedoch vor Euphorie. Neue, hochansteckende Varianten aus Großbritannien und Südafrika haben die USA bereits erreicht. Das Land, machte Biden klar, befinde sich in einem „Wettlauf mit der Zeit“.

Warum es mit dem Impfprogramm in den USA, auch im Vergleich mit der EU, so gut läuft, ist zum Teil auf die „Operation Warp Speed“ zurückzuführen. Unter der Trump-Regierung wurden 13 Milliarden US-Dollar in die Impfstoffentwicklung gepumpt und Verträge mit Pharmariesen früh unterzeichnet.

Doch mit der eigentlichen Verteilung der Vakzine wurden die Bundesstaaten weitgehend alleingelassen. Das änderte sich mit dem Regierungswechsel: Biden reaktivierte die Covid-Taskforce im Weißen Haus und beauftragte die Katastrophenbehörde FEMA (Federal Emergency Management Agency) mit der Logistik des Impfprogramms.

Parallel werden über das sogenannte Federal Retail Pharmacy Program die Apotheken des Landes aktuell mit elf Millionen Dosen pro Woche direkt vom Bund beliefert. Viele davon befinden sich in Drogerie- und Einzelhandelsketten wie Walgreens, CVS, Safeway oder Giant.

Das Pentagon hat Tausende Soldaten der Nationalgarde entsendet, um in den bis zu hundert geplanten Massen-Impfzentren des Bundes auszuhelfen.

In der Praxis führt das Impfprogramm zu schnellen Ergebnissen, aber mancherorts auch zu Chaos. In Florida etwa kam es zu stundenlangen Warteschlangen, als der republikanische Gouverneur Ron DeSantis sämtliche Bürger über 65 zum Impfen aufrief, obwohl viel zu wenig Dosen verfügbar waren.