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Impfen, impfen, impfen: Am Horizont wartet das Ende der Pandemie

Höhler, Gerd Kuchenbecker, Tanja Louven, Sandra Steuer, Helmut Wermke, Christian
·Lesedauer: 5 Min.

Die größte europäische Massenimpfung aller Zeiten hat am Sonntag begonnen. Europas Bevölkerung schwankt derweil zwischen Skepsis und Akzeptanz.

Selbst das Wetter spielt mit bei Italiens perfekt orchestriertem Impfstart: Kurz bevor Krankenpflegerin Claudia Alivernini vor die Dutzenden TV-Teams tritt, taucht die Sonne die Fassade des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten in warmes Licht. „Die Impfung ist eine kleine Geste“, sagt die 29-Jährige, die seit Monaten an vorderster Front gegen das Virus kämpft und nun eine der ersten Spritzen bekam. „Macht es alle, es ist ein Akt der Liebe und Verantwortung!“

Genau hier in Rom, wo im Januar mit zwei Touristen aus Wuhan die ersten Coronafälle behandelt wurden, beginnt sich das Land aus dem Klammergriff des Virus zu befreien. Und mit Italien zusammen der gesamte Kontinent: In fast allen EU-Staaten ist am Sonntag die größte Massenimpfung der Geschichte gestartet, in Ungarn, der Slowakei und in Sachsen-Anhalt sogar schon einen Tag früher.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte Europas „V-Day“ (Vaccine Day, zu Deutsch: Impftag), an dem die ersten Dosen des von Biontech und Pfizer entwickelten Impfstoffs gespritzt wurden, einen „berührenden Moment der Einheit“. Bis zum Sommer will Brüssel einen Großteil der Bevölkerung impfen. Doch die Frage ist, ob die Bürger mitmachen: Mancherorts ist die Impfskepsis groß.

Imposante Bilder könnten womöglich die Popularität befördern. In Italien kamen zwar gerade mal 9750 Impfdosen in zwei Pappkartons an. Doch der Transporter aus Belgien, wo der Impfstoff in einer Pfizer-Fabrik hergestellt wird, wurde von der Polizei eskortiert wie sonst nur Staatschefs. Ohnehin hat das Land einen Hang zur Symbolik: Das Vakzin soll nicht nur in 300 Krankenhäusern verteilt werden, sondern auch in 1500 Pavillons, die wie eine pinkfarbene Primel aussehen – von Stararchitekt Stefano Boeri entworfen.

Die Armee springt ein

Die ersten Impfungen bekommen Beschäftigte im Gesundheitssektor, Bewohner von Alten- und Pflegeheimen und das dortige Personal. Danach kommt die Risikogruppe der über 80-Jährigen dran. Bei der Logistik hilft die Armee, die 470.000 Dosen pro Woche sollen auch via Luftweg verteilt werden. In Italien, das von allen EU-Staaten am heftigsten von der Pandemie getroffen wurde, ist die Impfbereitschaft relativ hoch: Mehr als die Hälfte der Italiener will sich impfen lassen.

In Griechenland sind die 113 bewohnten Inseln eine Herausforderung. Die Zivilschutzbehörde nutzt für die Verteilung die Logistikkonzepte der Milchverarbeiter, die mit ausgeklügelten Kühlketten täglich Frischmilch bis in die entlegensten Winkel bringen.

Die Streitkräfte stellen Schnellboote und Hubschrauber zur Verfügung, um die „Operation Freiheit“ in den 1018 Impfzentren umzusetzen. Die erste Spritze bekam Evstathia Kabisiouli, Pflegerin auf der Intensivstation des Athener Evangelismos-Krankenhauses. Auch Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou und Premier Kyriakos Mitsotakis ließen sich direkt impfen.

Sie wollen Vorbild sein, auch wenn sich die Impfbereitschaft verbessert hat: Nur 27 Prozent der Befragten äußern Bedenken oder lehnen eine Impfung ab. Vor drei Monaten lag die Ablehnung noch bei 42 Prozent. Bis Ende März sollen Ältere über 60 Jahre und weitere Risikogruppen geimpft werden. Bis Ende Juni könnten 60 Prozent der Griechen immunisiert sein.

„Das ist heute ein historischer Tag, der nach einem dunklen Jahr ein bisschen Licht spendet“, sagte Stefan Löfvén. Per Videoschalte ließ sich der Ministerpräsident von Schweden mit der Heimbewohnerin Gun-Britt Johnsson verbinden – die 91-Jährige hatte in Mjölby die landesweit erste Impfung bekommen. Zu Beginn werden Menschen über 80 Jahre geimpft, dann Krankenhaus- und Pflegepersonal. Danach folgen vorerkrankte Menschen.

Verweigerer werden im Impfregister gelistet

Ab kommender Woche werden jeweils rund 80.000 Dosen Schweden erreichen, das von Beginn an einen Sonderweg ohne Lockdown gewählt hat. Mittlerweile haben aber angesichts sehr hoher Infektions- und Todeszahlen auch die Verantwortlichen eingesehen, dass dieser Weg – Empfehlungen statt Verboten – gescheitert ist. In den Nachbarländern Dänemark und Finnland, die auch am Sonntag impften, beschloss man frühzeitig Lockdowns – und hat deutlich niedrigere Infektionszahlen als Schweden.

Die 96-jährige Bewohnerin eines Seniorenheims der Stadt Guadalajara gehörte in Spanien zu den ersten Geimpften. „Mal gucken, ob wir uns alle gut benehmen und es schaffen, dass das Virus weggeht“, sagte sie. Landesweit gibt es 50 Impfstellen, die aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Noch nicht alle verfügen über die für den Biontech-Impfstoff nötigen Tiefkühlschränke.

Pro Woche soll Spanien 350.000 Dosen erhalten. Als Erstes werden Bewohner von Seniorenheimen und deren Pfleger und Ärzte geimpft. Anschließend ist das Pflegepersonal in Krankenhäusern an der Reihe, danach das übrige medizinische Personal. Bis März sollen so rund 2,5 Millionen Menschen geimpft sein.

Die Impfung ist freiwillig, aber Verweigerer werden im Impfregister aufgelistet. Zum V-Day ist die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, gestiegen: Im November erklärten noch 47 Prozent der Spanier, sie wollten sich nicht umgehend immunisieren lassen, sondern abwarten. Im Dezember ist dieser Prozentsatz auf 28 Prozent gesunken.

Frankreich war etwas später dran als der Rest Europas: Fernsehsender zeigten zunächst Bilder aus Italien und Spanien, erst um elf Uhr begannen die Impfungen im Krankenhaus René-Muret in Sevran bei Paris. Zehn Personen im Alter von mehr als 75 Jahren und ein Arzt wurden immunisiert. Nur wenige Menschen wollten sich filmen lassen, Politiker traten keine auf.

Im Januar wird zuerst in den 7000 Altenheimen des Landes geimpft. Bis Ende Februar sollen rund eine Million Menschen im Alter von mehr als 75 Jahren und Beschäftigte im Gesundheitssektor, die älter als 65 sind, sowie Risikofälle geschützt sein.

Die Impfbereitschaft der Franzosen geht derweil immer weiter zurück. Laut einer Umfrage der staatlichen Gesundheitsbehörde wollten sich Anfang November noch 53 Prozent der Franzosen impfen lassen, Mitte Dezember waren es nur noch rund 40 Prozent.