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Impf-FoMO: Alle geimpft, nur ich nicht? Ein Psychologe über unsere Angst, etwas zu verpassen

Hendrikje Rudnick
·Lesedauer: 5 Min.

Ich entsperre mein Handy, öffne Instagram: Schon wieder postet jemand seinen Impfpass mit dem Biontech-Stempel. Langsam frage ich mich, ob ich die Einzige bin, die noch keine Impfung gegen das Coronavirus bekommen hat. Meine Großeltern und Eltern sind mittlerweile geimpft, einige meiner Freundinnen und Freunde studieren Medizin, arbeiten in Kitas oder Schulen und haben somit auch bereits ihre Impfung bekommen. Regelmäßig sehe ich Fotos von Impfzentren, Impfpässen und „Vaccinated“-Bildunterschriften auf Instagram & Co.

Auf der einen Seite freue ich mich natürlich: Mittlerweile haben laut RKI knapp 24 Prozent der Bürgerinnen und Bürger mindestens ihr erstes Impfangebot bekommen (Stand: 27. April 2021). Aber das bedeutet auch: Immer mehr Menschen bekommen etwas, das ich selbst noch nicht haben kann. Leide ich unter einer neuen Art der FoMO – nur eben im Hinblick auf die Impfung?

Der Psychologe Christian Montag leitet die Abteilung Molekulare Psychologie an der Uni Ulm. Seit vielen Jahren untersucht er Digitalisierungsprozesse und beschäftigt sich mit der "Fear of Missing Out" (FoMO) und welche Folgen sie für unsere Psyche hat. Im Gespräch bestätigt er: "Je mehr Menschen geimpft sind, desto schneller könnte eine FoMO bei denen entstehen, die noch auf ihre Impfung warten."

Was ist FoMO?

Die „Fear of Missing Out“ ist die Angst oder Furcht, etwas zu verpassen. Der Autor Patrick James McGinnis benutzte den Begriff erstmals 2004 in einem Artikel im Harbus, dem Magazin der Harvard Business School. Damals gab es noch keine Untersuchungen dazu. „Aber mittlerweile ist FoMO ein anerkanntes psychologisches Konstrukt“, erklärt Professor Montag. „Es beschreibt eine tief sitzende Furcht, dass andere Menschen interessante Erfahrungen machen, bei denen man selbst fehlt.“

Montag hat als Teil eines Forschungsteams genauer untersucht, welche Eigenschaften Menschen haben, die FoMO oft erleben. Die Studie seiner Arbeitsgruppe zeigt, dass Menschen, die neurotisch, ängstlich und wenig gewissenhaft sind, eher zur Fear of Missing Out neigen als andere. Außerdem tritt das Phänomen eher bei jüngeren Menschen auf – es gibt jedoch kein Unterschied zwischen Männern und Frauen.

„Schon vor den Zeiten des Internets und Smartphones gab es FoMO-Prozesse, ohne dass dieses Label aber existiert hätte. Heute nutzen soziale Netzwerke dieses Konstrukt, um uns auf ihren Plattformen zu halten oder zurückzuholen“, erklärt Montag. Einige von euch kennen das sicher: Schnell nochmal bei Whatsapp online gehen, um bloß keine Nachricht zu verpassen, oder kurz noch Instagram checken, falls jemand eine neue Story hochgeladen hat.

„Ich würde vermuten, dass Menschen, die auch sonst an genereller FoMO leiden, jetzt ebenfalls schneller von Impf-FoMO betroffen sind“, sagt Montag. „Aber es ist wichtig, zu betonen: Die Impf-FoMO ist ein sehr neues Phänomen und es gibt meines Wissens nach noch keine empirischen Untersuchungen dazu.“

Während Corona entstehen neue psychische Belastungen

Während der Pandemie seien verschiedene neue psychische Belastungen entstanden, die zuvor noch keine Rolle spielten, sagt der Forscher. So sprechen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit neuestem von einer „Videoconference Fatigue“. Montag und sein Team führen derzeit eine Studie zur Videokonferenz-Müdigkeit durch, um zu untersuchen, welche Personen und Berufsgruppen am ehesten betroffen sind. Auch hier könnte ein Zusammenhang zur Impf-FoMO bestehen, wenn jene, die besonders unter den Dauer-Online-Konferenzen leiden, sich wieder mehr einen direkten Austausch ohne Computer-Technologie wünschen. Denn dann als Letzter geimpft zu werden, ist für die Betroffenen sicherlich kein schöner Gedanke.

„Ich denke, letztendlich ist man ja nicht direkt neidisch auf den Pieks oder die möglichen Nebenwirkungen der Impfung“, sagt der Psychologe. Es seien viel mehr die Vorteile, die damit einhergehen: weniger Sorgen, sich oder andere anzustecken, und bald vielleicht auch gewisse Freiheiten. Stellt euch vor: Viele in eurem Freundeskreis sind geimpft und feiern, während ihr noch nicht geimpft seid damit und nicht dabei sein dürft. "Social Media leistet in diesem Kontext möglicherweise einen wichtigen Beitrag zur Impf-FoMO, weil wir dort regelmäßig mitbekommen, wenn andere geimpft werden." So entstehe mit den zunehmenden Berichten aus dem eigenen sozialen Netzwerk und der Öffnung der Gesellschaft immer mehr Druck auf die Nicht-Geimpften – und damit das Gefühl, etwas zu verpassen.

Ist der Impf-Neid typisch deutsch?

Doch das ist nicht alles. Ich erwische mich manchmal auch bei dem Gedanken: „Warum bekommt der denn jetzt eine Impfung und ich nicht? Der ist doch noch gar nicht an der Reihe.“ Diesen Unmut über eine wahrgenommene Ungerechtigkeit erklärt Montag folgendermaßen: "In anderen Ländern wie Israel wurden andere Impfprioritäten gesetzt als bei uns. Das heißt, dort existiert aufgrund eines anderen Impftempos und einer anderen Impfpriorisierung wahrscheinlich weniger Impf-Neid als bei uns."

Wie stark ein Impf-Neid in Deutschland in den nächsten Wochen entstünde, werde sich allerdings noch zeigen müssen. "Darüber hinaus scheint es mir aber 'typisch deutsch' zu sein, zum einen sehr bürokratisch zu handeln und dann stur an einem Impf-Regelwerk festzuhalten, welches zum aktuellen Zeitpunkt in der Pandemie möglicherweise überholt ist", sagt der Forscher. "Das Virus kennt keine Bürokratie und wir ändern nur sehr behäbig unseren Kurs in Deutschland." In der Vergangenheit sei zudem auch immer wieder über die deutsche Neidgesellschaft diskutiert worden. Auch das spiele möglicherweise im Kontext der Impfung eine Rolle.

Doch was tun, wenn ich nun eine Impf-FoMO oder sogar Impf-Neid entwickelt habe? Montag sagt: "Man sollte sich bewusst machen: Jeder geimpfte Mensch führt mich persönlich auch näher zum Ziel." Denn jeder Geimpfte ist weniger ansteckend, auch für mich. Egoismus sei hier absolut nicht zielführend. Er ist optimistisch, dass bald der Großteil der Deutschen ein Impfangebot bekommt – sodass eine mögliche Phase des Impf-Neids hoffentlich auch sehr kurz ausfällt.