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Immer mehr Banken ziehen sich aus dem globalen Goldhandel zurück

In der Coronakrise haben sich einige Banken im Edelmetallhandel verzockt. Sie dürften vorsichtiger agieren. Das hat Auswirkungen auf die Dynamik der Goldpreise.

Der globale Goldmarkt ist ein fragiles Gebilde mit klarer Aufgabenverteilung: In London, auf dem wichtigstem Umschlagplatz für das Edelmetall, wird vornehmlich physisches Gold gehandelt. In New York wird der Handel mit Futures, also Lieferkontrakten, abgewickelt. Beide Märkte greifen ineinander – doch in der Coronakrise ist die Verbindung kurzzeitig abgerissen.

Die Folgen sind bis heute spürbar – und sie könnten auch langfristige Auswirkungen auf den Goldpreis haben. In der Coronakrise hatten sich die Goldpreise an der Terminbörse in New York und im physischen Handel in London extrem stark auseinanderentwickelt.

Zwischenzeitlich war eine Unze (rund 31 Gramm) Gold zur nächstmöglichen Lieferung in New York 90 Dollar teurer als in London. Normal sind Preisunterschiede von ein bis zwei Dollar. Grund dafür war der Zusammenbruch der globalen Lieferketten, sagt Ross Norman, ein in London ansässiger unabhängiger Branchenanalyst.

Die Schweizer Goldraffinerien, die 70 Prozent der weltweit hergestellten Goldbarren produzieren, mussten ihren Betrieb einstellen. Zudem gab es kaum Flugverkehr, sodass nur wenig Gold von Zürich oder London nach New York transportiert werden konnte. „Gold war genug vorhanden, aber in der falschen Form und am falschen Ort“, so Norman.

Mittlerweile hat sich die Situation weitgehend normalisiert. Doch bei den im Goldhandel aktiven Banken ist der Schaden riesig. So musste die HSBC im Mai einräumen, dass sie im März innerhalb eines einzelnen Tages 200 Millionen Euro Verlust im Londoner Goldhandel angehäuft hatte. Das übertrifft die Maximalverluste, die laut den Risiko-Modellen der Bank möglich waren – und das bei Weitem, hieß es von der Bank.

Endgültiger Rückzug

Ende April kündigte die Scotiabank an, den Edelmetallhandel in London komplett abzuwickeln. In den vergangenen Jahren hatte das kanadische Geldhaus die Edelmetallsparte immer weiter eingedampft, auch wegen eines Geldwäscheskandals. Doch als eine Begründung für den endgültigen Rückzug der Scotiabank gelten die Marktverwerfungen vom März.

Sie trafen die im Goldhandel aktiven Banken besonders hart, wie Edelmetallexperte Norman erklärt. Denn als Dienstleister für Goldraffinerien und Minenkonzerne einerseits und für spekulative Finanzinvestoren andererseits steckten die Banken in einer unangenehmen Situation. Minen und Barrenhersteller sichern sich gegen fallende Goldpreise ab, indem sie sich bei Banken in London Gold leihen und verkaufen, also „short“ gehen.

Nun tragen die Banken das Risiko von fallenden Goldpreisen, doch auch sie sichern sich dagegen ab, indem sie an der Terminbörse in New York „short“ gehen, also auf fallende Goldpreise wetten. Das Risiko von Verlusten bei fallenden Goldpreisen übernehmen spekulative Finanzinvestoren, die an der New Yorker Börse aktiv sind, um gehebelte Wetten auf steigende Goldpreise einzugehen.

Üblicherweise wird Gold an der New Yorker Terminbörse gehandelt, ohne dass physisches Edelmetall tatsächlich den Besitzer wechselt. Statt auf die Erfüllung von auslaufenden Lieferkontrakten zu pochen, verkaufen die spekulativen Finanzinvestoren kurz vor dem Stichtag den Future und ersetzen ihn durch einen länger laufenden Kontrakt.

So muss die Bank auf der Gegenseite des Handels das Gold zwar vorhalten – aber nur selten liefern. Typischerweise würden nur ein bis drei Prozent aller Termingeschäfte in New York auch tatsächlich physisch abgewickelt, sagt Norman.

Banken wurden kalt erwischt

Das war im März anders: Die Störungen der Lieferkette ließen den Preis für Gold in New York steigen, während er in London, wo das meiste Gold in den Tresoren der Banken gelagert ist, weniger stark stieg. Für die Banken wurde es extrem teuer, die Short-Wetten in New York glattzustellen. „Die Banken wurden von den Problemen in der Lieferkette kalt erwischt“, erklärt Norman. „Sie mussten hohe Preise zahlen, um Gold nach New York zu schaffen.“

Von diesem Schock haben sich viele Goldhändler bei den Banken bis heute nicht erholt, sagt auch Wolfgang Wrzesniok-Roßbach, Edelmetallexperte beim Beratungshaus Fragold. „Das wird langfristig sicher negative Auswirkungen auf den Goldmarkt haben.“

Die Banken seien künftig zurückhaltender, Handelsrisiken einzugehen. Dadurch sinke die Liquidität des Goldmarktes, die Preisdifferenzen zwischen London und New York könnten dauerhaft hoch bleiben, erwartet Wrzesniok-Roßbach.

John Reade, Chefstratege beim World Gold Council, der wichtigsten Lobbyorganisation der Goldbranche, beobachtet: Bis heute haben sich die Preisdifferenzen zwischen beiden Handelsplätzen noch nicht auf dem Vorkrisenniveau eingependelt. Hinzu kommt laut Reade: „Die Zahl der Long-Positionen von spekulativen Finanzinvestoren ist nicht so hoch, wie man es im derzeitigen Marktumfeld erwarten könnte.“

Gold-ETFs boomen

Niedrige Zinsen in den USA und eine expansive Geldpolitik der US-Notenbank Fed hätten in der Vergangenheit dazu geführt, dass Finanzinvestoren massiv an den Terminmärkten auf steigende Goldpreise wetten. Stattdessen steigen jedoch seit Wochen die Zuflüsse in physisch gedeckte Gold-Indexfonds.

Aus Sicht von Reade könnte das ein Zeichen sein, dass sich Investoren von den Terminbörsen abwenden, weil die Banken zurückhaltender geworden sind, die Gegenposition dieser Wetten einzugehen. Die Investoren weichen daraufhin auf Gold-Indexfonds aus, so Reades Erklärung.

Das ist eine Entwicklung, die auch die Dynamik am Goldmarkt grundlegend verändern könnte. Denn gehebelte Wetten an den Terminbörsen sind meist kurzfristiger als Investments in Gold-ETFs. Verschiebt sich die Investorennachfrage hin zu den weniger stark schwankenden Gold-ETFs, könnte die Volatilität am Goldmarkt zurückgehen, so Reade.

Ob sich noch weitere Geldhäuser aus dem Londoner Goldhandel zurückziehen, ist bislang nicht abzusehen. Dennoch vollzieht sich international ein Prozess, der in Deutschland bereits weit fortgeschritten ist. „Wir sehen, dass im Goldhandel ein Paradigmenwechsel stattgefunden hat“, sagt Christian Brenner, Chef beim Edelmetallhändler Philoro. „Es gibt immer weniger Bankfilialen, damit schwinden auch die Bezugsquellen für physisches Gold.“

In Deutschland sind es die bankenunabhängigen Edelmetallhändler, die diese Lücke füllen. Für internationale Profiinvestoren erfüllen Vermögensverwalter, die Gold-ETFs anbieten, die Nachfrage nach Wetten auf steigende Goldpreise.