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Was machen Sie nach Ihrer Corona-Impfung? Und was nicht?

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Es könnte ja gut sein, dass bald eine Corona-Impfung verfügbar ist. Träumen wir uns mal rein: Was werden wir mit unserer neuen Angstfreiheit anfangen? Und was wollen wir aus dem Jahr 2020 gerne für immer behalten?

Große Hoffnungen ruhen auf einer Impfung. Noch fehlt ein zugelassener Impfstoff. Foto: dpa
Große Hoffnungen ruhen auf einer Impfung. Noch fehlt ein zugelassener Impfstoff. Foto: dpa

Wollen Sie künftig anderen Menschen zur Begrüßung wieder die Hand schütteln, wenn Corona rum ist? Gute Frage, ne? Werden wir je wieder entspannt in einem winterlich vollgestopften Restaurant dem Kondenswasser dabei zugucken, wie es die Fensterscheiben herunterläuft, ohne daran denken zu müssen, wie wir gerade Aerosole einatmen, die andere wenige Minuten zuvor noch tief in ihren Lungenverästelungen sitzen hatten? Wonach wird uns sein mit der Impfung – nach vielen Monaten intensiv verinnerlichter Infektionsangst?

Was die Impfung angeht, wabert ja noch alles zwischen Hoffen und Bangen. Mal heißt es, schon diese Woche könnte der Durchbruch für einen deutschen Impfstoff verkündet werden. Dann lesen wir: Experten halten es für möglich, dass wir noch bis Herbst 2021 Masken tragen werden. Dann wiederum hören wir: Es wird bald viele unterschiedliche Impfstoffe geben. Die Frage sei sicherlich nicht ob, sondern wann. Dann aber gleich die Einschränkung: Vielleicht wirken die ersten Impfstoffe nicht so, dass sie uns vor der Infektion schützen. Sondern nur vor den schlimmsten Symptomen von Covid-19.

Aber wie man es dreht und wendet: Da wird wohl was kommen. Und das wird das Leben besser machen. Was machen Sie dann?

Ich halte mich selber für einen disziplinierten Menschen. Die AHA-Regeln sind mir in Fleisch und Blut übergegangen wie Zähneputzen. Sogar das mit dem neuen L klappt.

Was, wenn es irgendwann heißt: Ein kleiner Pieks und jetzt viel Spaß in deinem neuen Leben ohne Angst vor Sars-CoV2. Schalte ich dann irgendwann einfach wieder souverän zurück auf normal und weiter im Leben? Werden mir auf dem Weg vom Impfzentrum zur U-Bahn ein paar Tränen der Erleichterung über die Wangen kullern? Was ist mit Ihnen? Was tun Sie als erstes, wenn Sie von der Impfung kommen?

Ich glaube, ich werde einfach mal wieder beim Spanier drinnen essen gehen (zumindest, sobald die Impfung wirkt). Auch wenn es draußen 30 Grad sein sollten.

Und was dann als nächstes? Das, was wir als Gesellschaft daraus machen, wird unsere Welt verändern. Auch wirtschaftlich. Wenn wir weiter einen Teil unserer Arbeitszeit im Homeoffice verbringen, wird das die Arbeitskultur für immer prägen mit einer neuen Art von Teamwork. Leerstehende Gewerbeimmobilien müssten umgewidmet werden. Unsere Innenstädte bekämen ein neues Gesicht.

Wenn Geschäftsreisen auf das unbedingt Notwendige reduziert würden, weil mitunter selbst Jahresgespräche und Neukundenakquise mittlerweile über Videochat üblich sind, dann wird sich nicht nur die Lufthansa umgucken müssen.

Wenn wir auch künftig nicht vergessen, dass in Aerosolen Krankheitserreger mitschweben, werden Restaurants um teure neue Belüftungsanlagen nicht herumkommen. Da wird eine neu aufstrebende Belüftungsbranche Freudensprünge machen.

Wird es uns wieder Wurst sein, wenn Verkäufer und Verkäuferinnen künftig wieder ohne Mund-Nasen-Schutz an der offenen Aufschnitttheke mit uns nett schnacken und dabei winzige Tröpfchen auf die Salami spucken, die wir dann unseren Kindern aufs Schulbrot legen?

Wollen wir künftig wieder hinnehmen, dass unsere Schüler in miefiger Luft mit CO2-Werten jenseits von Gut und Böse lernen, nur weil kein Pandemie-Bringer mehr in den Klassenräumen herum schwirrt? Oder bauen wir sie um?

Ich will auch künftig im Café meinen doppelten Espresso für 2 Euro 50 kontaktlos mit Apple Pay bezahlen. Ich will auch künftig nicht mehr mit dem Finger auf dem Display des DHL-Boten rum schmieren müssen. Ich wünsche mir, dass Masken-Tragen auch in der Grippe-Saison Standard bleibt. Auf der Südhalbkugel ist durch die Corona-Maßnahmen die große Grippe-Welle nämlich ausgeblieben. Ich möchte künftig meine Ärztin über Videotelefonie konsultieren können, ohne Angst vor Datenklau. Auch ohne Pandemie. Und dass die Speisekarten im Restaurant per QR-Code auch auf dem Handy aufrufbar sind, ist auch wegen Magen-Darm von Vorteil.

Aber was ist mit Urlaub? War Urlaub daheim eine Notlösung? Werden wir der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern verzeihen, dass sie uns in der Krise nicht willkommen geheißen hat, und wieder dort an die Ostsee fahren? Oder stürzen sich alle Geimpften sofort auf tui.de und hauen ab in den Süden? Ich glaube ja, es wird eine Pauschalreisen-Explosion geben. Weil wir WEG WEG WEG wollen. Aber nach dem ersten Hype? Ist Urlaub zuhause gefühlt dann doch irgendwie sicherer, gesünder, einfacher? Wird aus zwei Flug-Urlaubsreisen pro Jahr künftig nur noch eine?

Und: Werden Sie sich künftig noch 30 Sekunden die Hände waschen?

Doch bevor wir uns frei entscheiden können, was von all dem Gelernten aus der Pandemie wir ins Leben danach übernehmen wollen, kommt ein Drama, das es so noch nie gegeben hat. Die Phase, in der sich die Gesellschaft teilt in Corona-geimpft und -ungeimpft.

Fast hätte sich diese Konstellation ähnlich schon einmal ergeben, hätte Deutschland den Immunitätsausweis ausgestellt. Letztendlich ist daraus nichts geworden, weil bis heute unklar ist, wie lange wir – wenn überhaupt – immun sind nach einer überstandenen Infektion.

Bei der Impfung aber wird ja alles in einem Impfausweis dokumentiert. Und dennoch gehen einige Experten davon aus, dass wir in einer monatelangen Phase leben werden, in der Geimpfte sich an die Corona-Gepflogenheiten der Nicht-Geimpften halten müssten. Maske trotz beglaubigter Immunität. Gälte die Sperrstunde auch dann, wenn sämtliche Gäste dem Ordnungsamt fröhlich mit ihrem aktualisierten Impfausweis entgegen wedeln würden? Weil alles andere nicht zu organisieren wäre?
Wenn ja: Flippen die immer noch unfreien Geimpften dann auch so aus wie die Realitätsverweigerer heute? Oder eben gerade nicht, weil Leute, die sich impfen lassen, ja der Wissenschaft Vertrauen schenken?

Oder! Wird es eine freiwillige Geimpften-Datenbank geben, in der sich jeder und jede Geimpfte eintragen lassen kann aber nicht muss, um per Personalausweis vor Ort auf Immunität überprüfbar zu sein, etwa am Einlass von Fußballstadien, Partys und Clubs?
Oder! Droht auf diesem Weg wiederum eine Diskriminierung der Nicht-Geimpften, die ja vielleicht einfach nur Noch-nicht-Geimpfte sind, die gerne würden, aber noch nicht dran waren.

Wann wird es heißen: Und ab heute darf die Maske runter? Dieser Tag wird wohl ein neuer Wo-warst-du-damals-Tag werden.

Die Zahlen steigen und wir warten auf die Impfung, und wenn sie wirklich da sein sollte, dann wissen wir immer noch nicht, was kommen wird. Diese Spannung lässt sich selbst mit fünf 20er-Paketen Klopapier nicht ableiten.

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