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IG-Metall-Vorstand Kerner: „Wenn CRRC kommt, verteilen wir die roten Fahnen“

Jürgen Kerner sorgt sich um das Überleben von Bombardier Transportation. Der Kauf durch Alstom sei daher eine gute Lösung.

Herr Kerner, von der Fusion Alstom und Bombardier Transportation sind in Deutschland 9000 Beschäftigte betroffen. Müssen die Angst um ihre Jobs haben?
Wenn die Unternehmen diese Fusion nicht zur Kostenreduzierung nutzen, sondern zur Zukunftsgestaltung, muss bei dieser Konsolidierung der Bahnbranche in Europe keiner der Beschäftigten Sorge haben. Die Bahn ist Wachstumsbereich in den nächsten Jahren.

Alstom hat gesagt, es seien Gespräche mit den Sozialpartnern geführt worden.
Auf die Gespräche der Alstom-Geschäftsführung aus Frankreich mit der Arbeitnehmerseite in Deutschland warten wir noch. Das Bombardier-Management kann ja nur noch eingeschränkt Zusagen geben. Ein Gespräch des Alstomchefs mit mir persönlich hat aber stattgefunden.

Haben Sie das Gespräch eher beunruhigt oder beruhigt?
Das war ein positives Gespräch. Er sieht den Zusammenschluss als Stoß nach vorn. Natürlich sagt er auch, Arbeitsplatzgarantie kann es nur geben, wenn es auch Aufträge gibt.

Es werden scharfe Auflagen der EU-Wettbewerbskommission erwartet. Die Werke Salzgitter oder Hennigsdorf könnten zur Disposition stehen. Droht deren Schließung?
Nein. Wenn die Kommission Zusagen verlangt für die Fusion, dann müssen Geschäfte abgegeben werden an Konkurrenten. Wir hoffen, dass die Kommission sehr schnell und Transparent entscheidet und wir dann mit den neuen Eigentümern Vereinbarungen treffen können zum Schutz der Arbeitsplätze. Ich gehe davon aus, dass Teile von Standorten in andere Hände kommen werden.

Gibt es genug Interessen, die Teile oder ganze Werke kaufen würden?
Da gibt es genügend. Nach dem Zusammenschluss von Alstom und Bombardier reden wir ja nicht über ein Monopol. Allein in Deutschland haben wir mit Siemens Mobility einen großen Wettbewerber, wir haben Stadler in der Schweiz, Unternehmen aus Tschechien und Spanien. Wir hoffen, dass jemand, der jetzt schon in Europa aktiv ist, eventuell abzugebende Bereiche übernimmt.

Und wenn das dann der chinesische Weltmarktführer CRRC wäre?
Wenn am Schluss die Kommission die Position aufrecht erhalten würde, es müsste jemand kommen, der noch nicht in Europa aktiv wäre, dann käme fast nur CRRC infrage. Dann verteilen wir die roten Fahnen und werden das verhindern.

Warum?
Die Konsolidierung in Europa macht ja Sinn, um sich gegen einen Staatskonzern aus Asien zu wappnen. Deswegen ist auch dieser Zusammenschluss wichtig.

Kurz nach Bekanntgabe der Kaufabsichten ist der französische Wirtschaftsminister nach Brüssel gereist, um sich für Alstom einzusetzen. Hätten Sie sich auch mehr Einsatz von der Bundesregierung gewünscht?
Die Unterstützung der deutschen Politik, sowohl der Ministerien als auch des Kanzleramtes, worauf es zwischen Deutschland und Frankreich immer ankommt, ist vorhanden. Traditionell ist das hierzulande immer sehr diskret und wir gehen davon aus, dass die Politik ihren Einfluss geltend macht.

Bei der gescheiterten Fusion Siemens-Alstom hörte man ganz andere Töne aus Berlin.
Ja, das ist wohl die Lehre aus dem missglückten Zusammenschluss, dass eine Wettbewerbskommissarin auf ihre Unabhängigkeit pocht, wenn der Druck zu groß wird.

Macht diese Übernahme aus Ihrer Sicht industriepolitisch Sinn?
Wir haben uns schon bei Siemens-Alstom für eine europäische Konsolidierung ausgesprochen. Wir brauchen den Wettbewerb, aber wir brauchen auch Unternehmen, die genügend finanzielle Stärke haben für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt.

Ist es aus Gewerkschaftssicht egal, wer mit wem fusioniert?
Es wurden alle Varianten durchdiskutiert. Wenn am Schluss Alstom und Bombardier zusammengehen, ist das eine gute Lösung. Vor allem auch für die Beschäftigten von Bombardier. Denn die finanzielle Situation des Konzerns insgesamt ist nicht so, das notwendige Investitionen in die Zukunft allein gestemmt werden können. Und deswegen macht gerade für Bombardier ein Zusammenschluss Sinn.