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IG Metall fordert bis zu vier Prozent mehr Geld und Beschäftigungssicherung

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Der Gewerkschaftsvorstand hat seine Forderungsempfehlung für die anstehende Tarifrunde beschlossen. Die Option auf eine Viertagewoche soll es ebenso geben wie Zukunftstarifverträge.

Bis zu vier Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit von zwölf Monaten – so lautet die Hauptforderung, mit der die IG Metall in die anstehende Tarifrunde für die gut 3,8 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie ziehen will. Diese Empfehlung hat der Gewerkschaftsvorstand beschlossen.

Allerdings soll am Ende auch auf Unternehmensebene entschieden werden können, wie das Volumen, das die IG Metall erstreiten will, verwendet wird. „Für uns stehen Beschäftigungssicherung, Zukunftsgestaltung und die Stabilisierung der Einkommen im Fokus dieser Tarifbewegung“, sagte der Erste Vorsitzende Jörg Hofmann. Diese drei Hauptziele hatte er im Vorfeld bereits im Interview mit dem Handelsblatt genannt.

Die Forderung ist aber noch nicht endgültig. Zunächst beraten die Tarifkommissionen in den Bezirken über die Empfehlung, am 26. November entscheidet der IG-Metall-Vorstand abschließend. Die regionalen Verhandlungen beginnen Mitte Dezember. Warnstreiks wären ab dem 2. März möglich.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall warf der Gewerkschaft vor, die wirtschaftliche Realität der Branche zu verdrängen. Die Metall- und Elektroindustrie liege nach wie vor weit unter dem Niveau, auf dem sie vor Corona und Rezession bereits war, sagte Präsident Rainer Dulger.

„Erst dann, wenn wir den Einbruch aufgeholt haben und dort sind, wo wir schon einmal waren, kann man von Wachstum sprechen.“ Und erst ab dann gebe es überhaupt einen Verteilungsspielraum, so Dulger.

Der IG-Metall-Vorstand leitet seine Prozentforderung aus der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Trendproduktivität ab, was in Summe etwa drei Prozent ergibt. Berücksichtigt werden müsse aber auch, dass die Tarifparteien im Krisentarifvertrag vom März dieses Jahres eine Nullrunde vereinbart hätten und die Preissteigerung 2020 deshalb keine Berücksichtigung gefunden habe, erläuterte Hofmann.

Anhaltende Krise

Die Gewerkschaft räumt aber ein, dass die Krise nach den wirtschaftlichen Prognosen über das Jahr 2021 hinaus andauern wird. Die Tarifbewegung stehe deshalb vor allem im Zeichen der Krisenbewältigung. Für kriselnde Unternehmen strebt die IG Metall den Abschluss von Zukunftstarifverträgen zur Standort- und Beschäftigungssicherung an.

Kernelement sind optionale Modelle der Arbeitszeitabsenkung wie die Vier-Tage-Woche. Ein Teil des Tarifvolumens könnte also dafür genutzt werden, einen Teillohnausgleich, eine Aufstockung des Kurzarbeitergelds oder Maßnahmen zur Beschäftigungssicherung zu finanzieren.

Ziel sind tarifliche Mindeststandards für alle Betriebe, die solche Optionen nutzen. Auch das Thema Arbeitszeit Ost, wo noch drei Wochenstunden länger gearbeitet wird als im Westen, kommt erneut auf die Agenda.

Beim Thema Zukunftsgestaltung hat die Gewerkschaft vor allem Unternehmen der Auto- und Zulieferindustrie im Blick, die die Abkehr vom Verbrennungsmotor stemmen muss. Ein Teil des Tarifvolumens kann deshalb auch für Zukunftstarifverträge, Qualifizierung oder den Erhalt der Ausbildungskapazitäten reserviert werden.

Hofmann hatte aber auch klargemacht, dass es beim Entgelt keine erneute Nullrunde wie beim Corona-Tarifabschluss vom März geben solle, wie sie beispielsweise der Südwestmetall-Vorsitzende und designierte neue Gesamtmetall-Präsident Stefan Wolf im Handelsblatt-Interview gefordert hatte.

Aus Sicht der Arbeitgeber lässt die wirtschaftliche Lage keine großen Sprünge zu. So ist der Umsatz der Metall- und Elektroindustrie in der ersten Hälfte dieses Jahres nach Gewerkschaftsangaben um 16,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen, die Produktion sogar um 17,8 Prozent. Seit dem Höchststand der Beschäftigung im dritten Quartal 2019 sind bereits mehr als 100.000 Arbeitsplätze abgebaut worden.

Doch ist die Lage bei den Unternehmen, die dem Metall-Flächentarif unterliegen oder sich an ihm orientieren, höchst unterschiedlich. Während beispielsweise Airbus extrem unter den Folgen der Corona-Pandemie leidet, fahren erste Autohersteller bereits wieder Sonderschichten.

Höchst unterschiedliche Ausgangslage

Unternehmen wie der Medizingerätehersteller Siemens Healthineers sind bislang vergleichsweise glimpflich durch die Pandemie gekommen und optimistisch für 2021. Für all diese Firmen mit unterschiedlicher Ausgangslage muss unter dem Dach des Flächentarifs eine gemeinsame Antwort gefunden werden.

Zwar ziehen die Aufträge in der Metall- und Elektroindustrie wieder an, aber laut IG Metall sind derzeit nur knapp neun Prozent der Unternehmen voll ausgelastet. Knapp 14 Prozent bekommen momentan gar keine neuen Aufträge mehr.

Anfang Oktober befanden sich immer noch gut zwei Drittel der Betriebe in Kurzarbeit oder hatten sie geplant, und in knapp 55 Prozent dieser Unternehmen war noch mehr als die Hälfte der Belegschaft betroffen.

Oliver Maassen, Personalgeschäftsführer beim Maschinenbauer Trumpf, nannte die Forderungsempfehlung der Gewerkschaft „unangebracht“. Die Unternehmen müssten die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise ebenso meistern wie den Strukturwandel.

Beides gemeinsam bedeute einen großen Kraftakt, für den die Unternehmen in nächster Zeit ausreichend finanzielle Mittel benötigten. „Für die Bewältigung der Coronakrise und einen auch in Zukunft erfolgreichen Industriestandort mit entsprechenden Arbeitsplätzen sollte auch die Gewerkschaftsseite ihren Beitrag leisten“, sagte Maassen dem Handelsblatt.

Man stehe vor schwierigen Verhandlungen, betonte Gesamtmetall-Präsident Dulger. „Dabei müssen wir auch unter Beweis stellen, dass der Flächentarif nicht nur in guten Zeiten Antworten findet, sondern auch in schwierigen Zeiten für Beschäftigte und Unternehmen einen Vorteil bietet.“