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Hype um Solaranlagen: Ihr Startup macht Mietshäuser zu Stromversorgern

Martin Lowinski und Julian Schulz haben mit ihrem Mieterstrom-Startup bereits zum zweiten Mal zusammen gegründet. - Copyright: Andrej Vysochanski
Martin Lowinski und Julian Schulz haben mit ihrem Mieterstrom-Startup bereits zum zweiten Mal zusammen gegründet. - Copyright: Andrej Vysochanski

Stuttgart, im Winter 2019. Nichts läuft so recht für Julian Schulz und Martin Lowinski. Ihr Fintech-Startup strauchelt arg. Was mit Blockchain und Ripple. Müßig zu erzählen, denn so richtig will das Ganze ja eh nicht fliegen. Zu der also ohnehin schon miesen Stimmung fällt dann auch noch die Heizung in ihrem kleinen Büro aus. Und die Wände fangen an zu schimmeln. „Das war ein absoluter Tiefpunkt“, sagt Schulz rückblickend. Und zugleich der Start eines neuen, besseren Kapitels.

Als der Vermieter sich das Problem mit der Heizung anschaut, schwätzt er ein bisschen mit den Gründern. Was die denn so machen, fragt er. Und sagt dann: „Ich verrate euch jetzt mal, was ein Riesenthema für ein Startup ist: Solaranlagen für Mehrparteienhäuser.“ Er als Vermieter von zehn Parteien, er wolle so etwas auf dem Dach seines Hauses machen, aber es gäbe keine all-in-one Lösung.

Das Problem: Es ist kompliziert

Tatsächlich ist es mehr als kompliziert: Wenn jemand wie der Vermieter der beiden Stuttgarter eine Solaranlage bauen und betreiben möchte, wird er de facto zu einem Stromversorger. Als solcher ist er verpflichtet, ein sogenanntes Messkonzept aufzusetzen. Er braucht eine spezielle Messtechnik, sprich: Geräte, die den produzierten und den verbrauchten Solarstrom zählen, und er braucht eine Abgrenzung der Daten. Also, welcher Mieter verbraucht wie viel? Entsprechend muss er mit seinen Parteien einzeln ihre individuellen Rechnungen stellen. Er braucht eine eigene Buchhaltung und eine möglichst lückenlose Dokumentation davon. „Ich habe mich schon oft bei Investoren rechtfertigen müssen, dass das mit dem Mieterstrom gesetzlich so kompliziert ist“, sagt Julian Schulz. „Aber dafür kann ich ja nichts.“ Besser: Er und sein Mitgründer Lowinski können etwas dagegen.

„Ich bin ganz ehrlich: Am Anfang war ich skeptisch. Noch mal gründen? Aber Martin als Techie, der hat einfach losgelegt und sich strukturiert mit dem Potenzial von Mieterstrom befasst“, sagt Schulz. Und rückblickend glaubt er: „Abgesehen davon, dass das Timing günstig war, so vor der Energiekrise, glaube ich, dass das der entscheidende Erfolgsfaktor für uns war: Resilienz.“

Seit Anfang des Jahres haben Schulz und Lowinski mit Metergrid nun ein marktfähiges Produkt, ein solides B2B-Saas-Geschäftsmodell und sie haben bereits die ersten Kunden zu Stromversorgern ihrer Mieter gemacht. Im kommenden Jahr wollen sie mehrere hundert Projekte umsetzen.

Wie funktioniert Metergrid?

Zielgruppe von Metergrid sind private Vermieter mit fünf bis zwanzig Wohneinheiten, kleinere Immobiliengesellschaften und Wohneigentümergesellschaften. All die kommen mit dem Entschluss, eine PV-Anlage zu installieren zu Metergrid – und das Startup übernimmt ab da. Von der Abstimmung mit den regulatorischen Behörden zur Vermittlung eines Solarteurs und dann nach der Installation der Anlage die Ausstattung mit einer geeigneten Messtechnik, in Form von Hardware (also: Stromzähler beziehungsweise Lesegerät) und Software (die am Ende Rechnungen für jede einzelne Mietpartei ausspuckt) – das alles macht Metergrid. „Wir bilden die komplette Wertschöpfungskette ab“, sagt Schulz in feinstem Startup-Sprech.

„Und das Schöne an dem Business gerade ist, dass wir überschwemmt werden von Leads“, so der Gründer weiter. „Wir gehen jetzt Richtung 150 Kundenanfragen im Monat, ohne dass wir nennenswert Marketing machen.“ Und obwohl es auch andere Anbieter im Mieterstrommarkt gibt, die sich allerdings zum großen Teil eher an größere Immobilienverwalter wenden. Der Ökoenergieversorger Polarstern aus München etwa hat eine Mieterstromlösung in seinem Angebot. Einhundert Energie aus Köln positioniert sich als "digitaler Service-Partner für skalierbaren Mieterstrom", adressiert aber ebenfalls eher Firmen, die Immobilien vermieten, weniger private Vermieter.

Timing ist alles

Die Nachfrage bleibt mit oder ohne Konkurrenz groß: Die Zeit mit Klima- und Energiekrise spielt den Metergrid-Gründern in die Hände – und die Politik tut ihr Übriges. Während in den vergangenen Monaten viel über die Förderung der Solaranlagen auf Dächern von Einfamilienhäusern geredet wurde, sei, so Schulz, immer klar gewesen, dass auch die Mehrfamilienhäuser in den Fokus werden rücken müssen. Und tatsächlich: In einigen Bundesländern, wie etwa Baden-Württemberg, Hamburg oder Berlin, gibt es bereits eine PV-Dach-Pflicht für Neubauten. In Baden-Württemberg gilt die auch für die Sanierung von Bestandsimmobilien.

Nicht zuletzt, argumentiert Schulz, lohne sich Mieterstrom auch schnell finanziell: Je weiter die Energiepreise steigen, desto eher amortisiere sich die PV-Anlage und die Mieterstromverwaltung. Nach etwa zehn bis fünfzehn Jahren würden Vermieter mit ihrem Sonnenstrom Rendite machen.

Mit ihrem neuen Startup haben Schulz und Lowinski Investoren überzeugt, sind in der Seed-Phase, Blick auf die nächste Finanzierungsrunde. Es sieht alles gut aus. Hätten sie vor drei Jahren in der kalten Schimmel-Bude nicht gedacht. Zum Glück haben sie aber halt einfach trotzdem gemacht.